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Reiten:Schmächtiger Spätzünder

Große Woche Galopprennbahn Iffezheim

Nass, aber glücklich: Jockey Ian Ferguson und sein Pferd Iquitos nach dem Siegesritt in Iffezheim.

(Foto: Uli Deck/dpa)

Vor einem Jahr wäre der Hengst Iquitos fast gestorben - am Sonntag aber hat er in Iffezheim überraschend den Großen Preis von Baden gewonnen.

Der Kampf mit dem Tod kam plötzlich für Iquitos. Der Dünndarm des dreijährigen Hengstes hatte sich um das Milzband gewickelt. Im September 2015 war das, als Iquitos in seinem Heimatstall in Langenhagen bei Hannover unter einem schweren Darmverschluss litt. In der Pferdeklinik der Tierärztlichen Hochschule Hannover musste er notoperiert werden. Bis sich der Adlerflug-Sohn ganz erholt hatte, vergingen Monate. Aber er überlebte.

Ein Jahr später steht Iquitos wieder im Fokus. Nicht in Langenhagen, sondern in Iffezheim beim Großen Preis von Baden. Das zu den bedeutendsten Galoppereignissen Europas zählende Rennen hätte am Sonntag pünktlich um 16.40 Uhr starten können, wenn Iquitos nur rechtzeitig in seine Starterbox gegangen wäre. Doch er ließ sich Zeit. Als letztes von zehn Pferden war er drei Minuten später dann doch bereit. Schon bevor sich die Tore öffneten, waren sich die Buchmacher über das Ergebnis einig - mit einer 79:10-Siegquote gehörte der vierjährige Hengst nicht gerade zu den Favoriten. Und sie schienen Recht zu haben. Im strömenden Regen galoppierte das kleinste Pferd auf der Strecke fast eine komplette Runde hinterher. "Ich war von unserer Siegchance eigentlich überzeugt, aber als ich ihn da im Regen gesehen habe, war ich ganz kurz doch ein bisschen besorgt", gestand sein Trainer Hans-Jürgen Gröschel danach. Erst auf der Zielgerade holte Iquitos auf - und zog mit seinem Jockey Ian Ferguson im breiten Schlussspurt an allen vorbei an die Spitze: Klarer Sieg nach 2400 Metern gegen die vermeintlich übermächtige Konkurrenz.

Die Besitzer erwarben Iquitos für einen kleinen fünfstelligen Betrag auf einer Weihnachtsfeier

In solchen Rennen wie am Sonntag kommt es eben oft auf die richtige Taktik an. Die von Ferguson und Iquitos war brillant. Seinen Besitzern brachte sie 150 000 Euro Preisgeld und die Führung in der Pferdewertung der neuen Champions-League-Serie. Nach Jahrzehnten der Zusammenarbeit von Iquitos und Gröschel war dieser Sieg, ein Jahr nach der Not-OP, der erste überhaupt in einem Gruppe-1-Rennen, was Gröschel nach seiner nächtlichen Heimfahrt am Montag ausgiebig feierte.

Bei dem schmächtigen Spätzünder Iquitos, im kleinen Langenhagener Gestüt Evershorst gezogen und im kleinen Stall von Hans-Jürgen Gröschel trainiert, sind es nicht nur die Operation und der große Triumph ein Jahr später, die wie eine Hollywood-Geschichte erscheinen. Da ist auch noch diese Anekdote aus dem Dezember 2014. Der damals Zweijährige wurde nicht wie andere hoffnungsvolle Pferde für Hunderttausende von Euro auf einer Auktion versteigert, sondern wechselte auf der alljährlichen Weihnachtsfeier des Stalls Gröschel in Hannover für eine kleine fünfstellige Summe den Besitzer. Vier Golffreunde aus Köln, Trier und Luxemburg um den Pferdebesitzer Werner Gerhold erwarben Iquitos von der Züchterfamilie Buhmann. Bald darauf bekamen sie offenbar Angebote, die im hohen sechsstelligen Bereich lagen - und lehnten sie ab. Am Sonntag dürfte der Wert von Iquitos die Millionengrenze überschritten haben.

Zum sportlichen Übereifer neigen Gröschel und die Besitzer trotzdem nicht. Obwohl ein Sieger des Großen Preises von Baden Einladungen zu renommierten Veranstaltungen wie dem Breeder's Cup Turf in den USA oder dem Japan-Cup erhält, und obwohl schon drei Iffezheim-Siegerpferde anschließend den Prix de l'Arc de Triomphe in Paris gewinnen konnten, soll Iquitos am 25. September zunächst einmal nur beim Großen Preis von Europa in Köln laufen. Nur wenn Iquitos auch dort überzeugt, will Gröschel darüber nachdenken, ob man es in diesem Jahr vielleicht auch einmal in der Fremde versucht. Genug Erfahrung hätte Iquitos mit Gröschel an seiner Seite: Der 73-Jährige hat einst alle wichtigen Rennen der DDR gewonnen, 2010 feierte er seinen 1000. Sieg als Trainer.

Für die noch erfolgreicheren Lehrmeister mit ihren besten Pferden ist Deutschland schon in diesem Herbst zu klein. Andreas Wöhler, dessen Pferde Serienholde und Wasir am Sonntag Fünfter und Achter wurden, hat seinen Berlin-Sieger Protectionist für den Prix de l'Arc de Triomphe am 2. Oktober in Paris ebenso angemeldet wie für den Melbourne-Cup am 1. November. Auch Jean-Pierre Carvalhos Pferde Ito und Savoir Vivre, ein Halbbruder von Iquitos, wurden für Paris genannt. Mit Peter Schiergens Nightflower, die in Baden zum zweiten Mal nacheinander Zweite wurde, ist für den Prix de l'Arc de Triomphe ein weiteres deutsches Pferd angemeldet.

Jürgen Gröschel indes genügte am Sonntag zunächst der bislang bedeutendste Erfolg seiner Laufbahn. Im völlig durchnässten Anzug und mit beschlagener Brille absolvierte er begeistert einen Gratulations- und Interview-Parcours. "Mein Anzug? Ist mir egal", sagte er. "Die Prozente sind heute so gut, da kaufe ich mir einfach einen neuen."