Reiten:Lektion an die Stars

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Reiten: Von der zweiten in die erste Reihe gerückt: Die Springreiterinnen Janne Friederike Meyer-Zimmermann (rechts) und Jana Wargers freuen sich über den Sieg im Nationenpreis.

Von der zweiten in die erste Reihe gerückt: Die Springreiterinnen Janne Friederike Meyer-Zimmermann (rechts) und Jana Wargers freuen sich über den Sieg im Nationenpreis.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Die deutschen Springreiter zeigen beim Nationenpreis in Aachen, dass sie prestigeträchtige Wettkämpfe auch ohne ganz große Namen gewinnen können.

Von Gabriele Pochhammer, Aachen

Im Gesicht des Bundestrainers Otto Becker lag eine Mischung aus Triumph und Genugtuung, was er so natürlich nie zugeben würde. Becker hatte viel riskiert, als er zuletzt sein Team für den Nationenpreis in der Aachener Soers benannt hatte, keiner der großen Namen des deutschen Springreitsports war vertreten; kein Marcus Ehning, kein Christian Ahlmann, kein Daniel Deußer, der vielleicht gerne geritten wäre, hätte man ihn gefragt.

Stattdessen berief Becker zwei Reiterinnen: Janne-Friederike Meyer-Zimmermann, die im Mai in Hamburg nach Babypause ihr erstes Fünfsterne-Turnier geritten hatte, und Jana Wargers, eine verlässliche Reiterin, eher aus der zweiten Reihe. Dazu Christian Kukuk auf Mumbai und André Thieme auf Chakaria, der aktuelle Europameister, der meist eigene - mit dem Bundestrainer abgesprochene - Wege geht, aber zur Verfügung steht, wenn er gebraucht wird. Wie jetzt beim CHIO, wo die deutsche Equipe vor 40 000 Zuschauern den Nationenpreis gewann, erstmals seit 2018.

"Reiten für Deutschland" hat für viele Athleten an Stellenwert verloren

Die Herren, die nicht antraten, auf der Weltrangliste allesamt weit vor den Berufenen, sollen nicht sehr glücklich gewesen sein, dass Becker so gut ohne sie auskam. "Wäre ja auch schlimm, wenn es anders wäre", sagte der Bundestrainer. Ein Platz in der Nationalmannschaft, dieses "Reiten für Deutschland", war einst das höchste Ziel für jeden Athleten. Aber das ist es schon lange nicht mehr, vor allem nicht für die Großverdiener, die jedes Wochenende auf einem anderen Turnier auf dem Globus sechsstellige Summen erstehen können.

"Ich muss ja immer jonglieren und berücksichtigen, dass die Reiter auch andere Verpflichtungen haben", sagte Becker. Diese Verpflichtungen heißen Global Champions Tour (GCL); fast alle Reiter verpflichten sich, wenigstens bei zwei Turnieren der Serie mitzuwirken. Wenn nicht, riskieren sie ein saftiges Strafgeld. Solche Daumenschrauben stehen Becker nicht zur Verfügung, er muss auf seine Überzeugungskraft und den guten Willen der Reiter bauen. Dass er in Aachen ein Quartett an den Start brachte, das die Berufung als große Ehre empfand, muss ihm sehr geschmeichelt haben.

Reiterin Meyer-Zimmermann wäre am Vortag des Wettkampfs beinahe gestürzt

"Alle haben sich diesen Einsatz verdient", sagte Becker. "Sie haben ja schon die ganze Saison bewiesen, dass sie es können." Janne Friederike Meyer-Zimmermann, die nur mit Hilfe des Bundestrainers ihre Weltranglistenposition in wenigen Wochen um mehr als 100 Plätze verbessern konnte, lieferte auf Messi zwei glänzende Nullrunden ab. Dabei hatte sie am Vortag bei einem Fast-Sturz dem Bundestrainer noch einen Schrecken eingejagt.

Auch Jana Wargers auf Limerick ritt sich in Aachen endgültig in die erste Reihe, Christian Kuckuck machte nach zwei Abwürfen im ersten Umlauf mit einem Traumritt alles wieder wett, und André Thieme bewies mit seiner ersten Runde - eine zweite war nicht mehr nötig, weil der Sieg schon feststand - dass er zur Zeit Deutschlands Nummer eins ist. In fünf Wochen wird in Herning/Dänemark der Weltmeister gekürt. Wenn alle Pferde gesund bleiben, hat Otto Becker die Qual der Wahl. Endlich mal.

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