Dressurreiten:Die Ausnahmestute geht in den Ruhestand

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Dressurreiten: Ein besonderes Paar: Weihegold und Isabell Werth.

Ein besonderes Paar: Weihegold und Isabell Werth.

(Foto: Stefan Lafrentz/Imago)

Anfangs war Weihegold für Isabell Werth eine Notlösung, dann gewannen die beiden 56 von 76 Dressurprüfungen. Nach dem Weltcupfinale übernimmt sie neue Aufgaben.

Von Gabriele Pochhammer, Hamburg

Ob Weihegold ahnt, dass die Zeit der großen Auftritte im Dressurviereck nach diesem Wochenende vorbei ist? Ob sie ganz froh ist, jetzt nur noch Mutter sein zu dürfen, oder ob sie die Ehrenrunden, die Musik, den Applaus, die vibrierende Atmosphäre der großen Turniere auch ein bisschen vermissen wird? Das weiß keiner. Doch nach dem Dressur-Weltcupfinale in den Leipziger Messehallen wird die 17-jährige Oldenburger Stute in den Ruhestand verabschiedet, sportlich gesehen, und Isabell Werth muss sich mit neuen Pferden bemühen, weiter ganz vorne mitzumischen.

Weihegold und Werth - das war eine Bank, für den eigenen Erfolg und den des Teams, für die Trainer und die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN). Der Weltverband FEI verzeichnet 76 Starts des Paares seit 2014, 56 Mal standen Werth und Weihegold auf Platz eins, zwölf Mal waren sie Zweite.

Weihegold hat also für viele Menschen alles Pferdemögliche getan, und das sah man ihr an. Die Ohren gespitzt, konzentriert, ohne vor einer Kamera oder einer bunten Fahne zur scheuen, tanzte sie zu den schwierigen Programmen, die sich ihre Reiterin ausgedacht hatte, mit Glanzpunkten in den Piaffen und Pirouetten. Das Ganze schien ihr auch noch Spaß zu machen. "Sie ist extrem ehrlich und fokussiert, eben eine Vollblutsportlerin", sagt Werth.

Dabei war Weihegold am Anfang eher so etwas wie eine Notlösung. Anderthalb Jahre vor den Olympischen Spielen 2016 waren Werths Top-Pferde Bella Rose und Don Johnson gesundheitlich angeschlagen, der Rio-Start der Vielfach-Olympionikin gefährdet. In ihrem Stall in Rheinberg stand die neunjährige Weihegold, bereits hochprämierte Zuchtstute und Mutter vielversprechender Fohlen. Sie sollte eigentlich von Werths Bereiterin Bea Buchwald auf Turnieren vorgestellt werden. Doch dann wurde zügig umdisponiert und mit der Besitzerin Christine Kroogmann ein Leasingvertrag für die kommenden Jahre ausgehandelt, womit man auch hohen Kaufangeboten zuvorkam. Buchwald musste den Sattel für ihre Chefin räumen.

Weihegolds Sohn Total Hope hat einen berühmten Vater: Dressurlegende Totilas

In den Turnierpausen, so der Vertrag, musste Weihegold für den Embryotransfer zur Verfügung stehen: Im Frühjahr wurden ihr jeweils mehrere Embryos entnommen und von anderen Stuten ausgetragen. Auf diese Weise wurden acht Fohlen geboren, einige von Weihegolds Kindern sind schon selbst auf Turnieren erfolgreich, andere machten sie zur Großmutter. Ihr Sohn Total Hope, dessen Vater die Dressurlegende Totilas ist, bereichert die Hengstkollektion von Paul Schockemöhle. Und ein Weihegold-Enkel wurde für 140 000 Euro versteigert.

Das Leben als berufstätige Pferdemutter funktionierte nur, weil Weihegold in der Zeit des Zuchteinsatzes sportlich vollkommen in Ruhe gelassen wurde. Stuten mit einem weniger ausgeglichenen Charakter hätten die Achterbahn der Hormone - mehrere aufeinanderfolgende und immer wieder unterbrochene Trächtigkeiten - wahrscheinlich nicht so unbeschadet überstanden. Aber Isabell Werth konnte sich darauf verlassen: Sobald Weihegold wieder den Sattel auf ihrem Rücken spürte, wusste sie, was auf dem Stundenplan stand. "Da konnte man wirklich den Schalter umlegen und losreiten."

Dressurreiten: Perfektion im Dressurviereck: Isabell Werth mit Weihegold bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio.

Perfektion im Dressurviereck: Isabell Werth mit Weihegold bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio.

(Foto: Rob Carr/Getty Images)

Championats-Medaillen habe sie Weihegold von Anfang an zugetraut, sagt die 52-Jährige. Auch wenn die Stute ganz anders ist als viele der Pferde, die Werth in den Grand-Prix-Sport gebracht hat. Kein Pferd, das seine Reiterin täglich neu herausfordert und immer neue Lösungen einfordert. Höchstens ihr Übereifer musste gelegentlich gebremst werden. Ihre Schwächen, die sie natürlich auch hatte, konnte sie durch andere Glanzpunkte überspielen. Aber im starken Trab zum Beispiel fiel es ihr mit den Jahren immer schwerer, gegen die jüngere Konkurrenz zu bestehen, etwa eine Dalera von Jessica von Bredow-Werndl.

Jetzt muss sie niemandem mehr etwas beweisen und kann endlich ihrer wahren Leidenschaft frönen: fressen, fressen, fressen, am liebsten Mohrrüben. Ist doch beruhigend zu wissen, dass auch die trabende Perfektion namens Weihegold ein kleines Laster hat.

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