EM im VielseitigkeitsreitenAlles „very british“

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Diesmal leider eingerüstet: der Blenheim Palace, hier bei den International Horse Trials 2023.
Diesmal leider eingerüstet: der Blenheim Palace, hier bei den International Horse Trials 2023. (Foto: NurPhoto/MINews/Imago)
  • An diesem Wochenende findet vor Blenheim Palace die Europameisterschaft im Vielseitigkeitsreiten statt, bei der 17 Nationen mit neun kompletten Mannschaften antreten.
  • Die deutschen Reiter sind mit sechs Pferden angereist, darunter Olympiasieger Michael Jung auf Chipmunk, der als Säule des Teams gilt.
  • Die Gastgeber aus Großbritannien gelten als haushohe Favoriten, obwohl sie nicht mit ihrem A-Team antreten.
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Vor Blenheim Palace beginnt die EM der Vielseitigkeitsreiter. Die Gastgeber sind die großen Favoriten, doch auch die deutschen Teilnehmer – mit einem Olympiasieger – sind optimistisch.

Von Gabriele Pochhammer

Wenn ein englischer Lord von seinem „House“ spricht, dann hat das unter Umständen 100 Zimmer und ist von einem Park umgeben, in dem mehrere Mannschaften Fußball spielen könnten und ein Dutzend Gärtner einen sicheren Job haben. Nennt sich ein herzogliches Anwesen „Palast“, dann ist es auch einer, wie Blenheim Palace, der Stammsitz der Herzöge von Marlborough, 187 Zimmer. Blenheim Palace ist mit seinen 950 000 Besuchern jährlich eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten in Großbritannien, ein riesiger, verwinkelter neobarocker Bau aus gelbem Sandstein. Vor dieser prunkvollen Kulisse treffen sich an diesem Wochenende die besten Vielseitigkeitsreiter Europas zu ihrem Championat.

Das burschikose Wort „Buschreiter“ wäre hier vollkommen fehl am Platz: „Galopp im Park“ trifft es eher, denn Büsche sind nirgends zu sehen, nur kurzer Rasen, dem man hundert Jahre akribische Pflege ansieht. Aber auch an ihm sind die Regengüsse der vergangenen Tage nicht spurlos vorübergegangen. Alle hoffen, dass nicht noch mehr Wasser von oben kommt, das würde die Aufgabe für die Pferde deutlich mühsamer machen. Die Strecke ist nicht ganz so schwer wie bei den anderen britischen Fünfsterne-Schloss-Events Badminton oder Burghley. Die EM geht wie Olympia über eine Viersterne-Strecke. Den 5800 Meter langen Kurs mit 40 Sprüngen gestaltete Mark Philipps, der Ex-Ehemann von Prinzessin Anne, Ex-Schwager des Königs und Vater von Zara Phillips. Sie wiederum wurde hier vor zwanzig Jahren Doppeleuropameisterin. Nicht zuletzt durch royale Vorbilder hat die britische Oberschicht das Vielseitigkeitsreiten für sich entdeckt. Auch die Tochter des amtierenden Dukes, Lady Araminta Spencer Churchill, hat sich schon im Geländereiten bewährt.  Ein Porträt der gelockten Beauty mitsamt Pferd zierte in der vergangenen Woche die Gesellschaftsseite der Zeitschrift Country Life.

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Gestern wurden die Pferde erstmal der Jury und dem Tierarzt vorgeführt, alle mit Zöpfchen in der Mähne, blank gewienertem Fell, eingecremten Hufen und manchmal einem kleinen Muster auf dem Hinterteil. Hinter der Vorführbahn thront der Palast, in diesem Jahr zum Leidwesen der Fotografen mit eingerüsteter Fassade. Sie wird gerade renoviert. Um die Führstrecke herum stehen die Barbourjacken-Träger, die die Pferde mindestens so sachkundig inspizieren wie die Richter, die Damen oft mit breitkrempigen Regenhüten, die jede Frau über 25 aussehen lassen wie einst Queen Mum. Die meisten Pferde joggen mit routinierter Miene im Schritt und Trab hin und her. Sie sehen aus, als wüssten sie schon, was kommt, und nehmen es mit professioneller Gelassenheit.

Während die Pferde Stallzelte beziehen, übernachten die Reiter und Pfleger in den Transportern: „So sparen wir Hotelkosten.“

17 Nationen haben Reiter geschickt, neun komplette Mannschaften, darunter die Deutschen mit dem Maximum von sechs Pferden. Mit sechs LKW sind sie nach England gereist, für jedes Pferd ein rollendes Luxusquartier. Aber auch für die Reiter. Während die Pferde Stallzelte beziehen, übernachten die Reiter und Pfleger in den Transportern. „So sparen wir Hotelkosten“, erklärt Equipechefin Annette Wyrwoll. Als erste gehen am Donnerstag EM-Debütantin Libussa Lübbecke auf Cara Mia als Teamreiterin ins Dressurviereck, gefolgt von Malin Hotopp-Hansen auf dem Schimmel Carlitos Quidditch. Der unverwüstliche Holsteiner kennt als einziger das Gelände von Blenheim schon, hier gewann er unter der mecklenburgischen Gutsfrau vor drei Jahren die Viersterneprüfung. Allzu tiefen Boden mag er allerdings nicht, ansonsten schreckt er vor nichts zurück.

Black Ice von Jerome Robine, dritter Teamreiter, gilt als schnelles Pferd. Letzter deutscher Starter ist Michael Jung auf Chipmunk. Der Olympiasieger von Paris ist die Säule des Teams, der 17-jährige Wallach wird sehr dosiert eingesetzt und soll möglichst auf die Weltmeisterschaft 2026 in Aachen hin geschont werden. Im Frühjahr gewann das Paar die Fünfsterne-Prüfung in Kentucky. Als Einzelreiter starten Calvin Böckmann auf Phantom of the Opera und Nicolai Aldinger auf Timmo. Dessen Anreise dauerte etwas länger: Aufgrund des Sturms über dem Ärmelkanal mussten die Pferde warten, bis sich der Wind gelegt hatte. Der Eurotunnel kam nicht infrage, weil die Briten eine besondere Ausrüstung der LKW fordern: Kein Tröpfchen Urin darf entweichen, dafür ist ein Ventilator Pflicht.

Trotz mancher Widrigkeit gibt sich Annette Wyrwoll zuversichtlich. Beim Abschlusstraining in Warendorf in der vergangenen Woche haben sie bereits geübt, nicht nur reiten, sondern auch feiern, mit einem „britischen Abend“, an dem das urbritische Gesöff „Pimm’s Number One“ die Runde machte, eine Art alkoholisierte Limonade, verziert mit je einem Gurken- und Apfelscheibchen. Wer’s denn mag.

Die Gastgeber sind die haushohen Favoriten, auch wenn sie nicht mit ihrem A-Team antreten. Die beste Britin Rosalind Canter hat am vergangenen Wochenende das Fünfsterne-Turnier in Burghley gewonnen und wurde nicht ins EM-Team berufen, weil sie schwanger ist. Über diese Entscheidung der Mannschaftsführung wurde am Rande des Vetchecks diskutiert. „Ich finde, das muss jede Reiterin für sich entscheiden dürfen“, sagt Bettina Hoy, Mannschaftsolympiadritte 1984 in Los Angeles, sie ist in Blenheim als Trainerin und Fernsehkommentatorin vor Ort. Aber das Reservoir der Briten ist groß genug für eine schlagkräftige EM-Mannschaft. Haben die Deutschen dagegen eine Chance? „Das wissen wir am Sonntagabend“, sagt Annette Wyrwoll.

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