Dressurreiten:Wenn plötzlich die Spitzenpferde fehlen

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Dressurreiten: "Das Pferd war super, die Reiterin nicht so": Ingrid Klimke landete auf einem für sie indiskutablen 17. Platz.

"Das Pferd war super, die Reiterin nicht so": Ingrid Klimke landete auf einem für sie indiskutablen 17. Platz.

(Foto: Stefan Lafrentz/Imago)

Wer in die deutsche Dressurmannschaft berufen wird, kann für die Mannschafts-Goldmedaille einen Platz in der Vitrine reservieren. Diese Zeiten, in denen dieser Grundsatz galt, könnten vorbei sein.

Kommentar von Gabriele Pochhammer

Natürlich wolle man gewinnen, sagte Dressur-Bundestrainerin Monica Theordorescu. Immer. Sonst wäre man ja nicht Sportler. Und meistens war das in den vergangenen 60 Jahre leicht. Wer in die deutsche Dressurmannschaft berufen wurde, konnte für die Mannschafts-Goldmedaille schon mal einen Platz in der Vitrine reservieren. Jetzt, sechs Wochen vor der Weltmeisterschaft in Herning (Dänemark), kann es sein, dass bald nicht eine Vitrine in Deutschland bestückt werden wird, sondern eine in Dänemark.

Vier Spitzenpferde sind der deutschen Bundestrainerin im Vorjahr abhanden gekommen: Die Goldmedaillenpferde Weihegold und Bella Rose von Isabell Werth sind in Rente, Dalera, die zweimal Gold in Tokio 2021 gewann, muss warten, bis ihre Reiterin Jessica von Bredow-Werndl ihr Kind zur Welt gebracht hat, Termin ist im August. Und schließlich meldete sich Showtime, Team-Goldmedaillengewinner von Rio und Tokio unter Dorothee Schneider, vor seinem ersten Start in Aachen krank, keine Überraschung, schon bei der Deutschen Meisterschaft in Balve wurde der große Braune vor der Kür zurückgezogen.

Die bisher einzige Schlappe der Deutschen in der Geschichte des Weltchampionats gab es 2010

Jedes der genannten vier Pferde konnte eine Prüfung mit 80 Prozentpunkten gehen. Das ist die magische Grenze, jenseits der die Medaillen verteilt werden. Ganz wenige Auserwählte schaffen die 90 Prozent, wie der unvergessene Totilas unter Edward Gal, der der Niederländischen Mannschaft 2010 zum Titel verhalf - die bisher einzige Schlappe der Deutschen in der Geschichte des Weltchampionats. Man sei halt sehr verwöhnt, sagt Theodorescu, 75 oder 77 Prozent seien doch auch sehr gute Leistungen. Aber wahrscheinlich nicht gut genug.

Wie kann das passieren in Deutschland, dem Land mit den meisten Reitlehrern, den meisten Dressurreitern und zigtausenden von Pferden, deren Züchter nur eins im Sinn haben: ein Prachtexemplar fürs Dressurviereck zu produzieren. Dressurpferde mit deutschen Ahnen tanzen heute auf allen Vierecken dieser Welt, etliche wurden schon als Fohlen verkauft, andere gingen für sechsstellige Summen über Reitpferde- und Hengst-Auktionen oder wechselten als bereits einsatzbereite Spitzenpferde für Millionenbeträge die Nationalität. Auch Bohemian, das Pferd der dänischen WM-Titelfavoritin Cathrine Dufour, begann einst seine Karriere auf einem deutschen Turnier, bevor er verkauft wurde. In Herning müssen sich die Deutschen vor allem mit den Gastgebern auseinandersetzen.

Denn in Deutschland stockt der Nachschub. 80-Prozentpferde kann selbst Multi-Olympionikin Isabell Werth nicht aus dem Hut zaubern. Sie versucht mit Quantaz den Anschluss zu halten, Ingrid Klimke auf Franziskus verpatzte ihren Erstauftritt in der Aachener Dressurmannschaft, indem sie rechts statt links rum ritt. Benjamin Werndl und Frederic Wandres gaben ihr Bestes. Noch war es bei der Generalprobe im Grand Prix von Aachen ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Dufour bekam als einzige mehr als 80 Prozent, Werth schaffte 76,413. Die Entscheidung für den Großen Dressurpreis von Aachen fällt am Samstag im Grand Prix Special. Die Messe sei noch nicht gelesen, sagt Wandres voller Hoffnung. Und die stirbt auch in der Dressur zuletzt.

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