Reiten Cosmo und die Kapriziöse

Olympia-erfahren: Sönke Rothenberger nahm mit Cosmo 2016 bei den Spielen in Rio de Janeiro teil.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)

Dressurreiter Sönke Rothenberger fordert Isabell Werth, die Ikone während seiner Jugendjahre, heraus. Doch auch die US-Amerikanerin Laura Graves träumt seit vielen Jahren davon, die Dauersiegerin Werth zu überholen.

Von Gabriele Pochhammer, Tryon

Als Sönke Rothenberger geboren wurde, war Isabell Werth gerade zum ersten Mal Weltmeisterin geworden, mit Gigolo 1994 in Den Haag. Als er zwei Jahre alt war, wurde sie Olympiasiegerin in Atlanta. Sie war die Ikone während seiner Jugendjahre, als er sich fürs Dressurreiten entschied. Und die 49-Jährige ist immer noch mit sechs Olympiasiegen die unerreichte Nummer eins des Pferdesports. Die studierte Juristin führt einen eigenen Ausbildungsstall im Rheinland, lebt "Pferd" von morgens bis abends. Sönke Rothenberger arbeitet gerade an seinem Master im Studienfach Management, reitet seine drei Pferde vorläufig noch nebenher. An diesem Freitag in Tryon (North Carolina) galoppiert der 23-Jährige mit dem Vorsatz ins Viereck, die Dressurkönigin zu entthronen und sich den Titel des Weltmeisters im Grand Prix Special und möglichst am Sonntag auch den in der Kür zu sichern.

Bis Mittwoch hatten beide gemeinsam in einer Mannschaft noch um Gold gekämpft (nach der Kür der Startreiterinnen Jessica von Bredow-Werndl und Dorothee Schneider setzte sich das deutsche Team zunächst an die Spitze). Aber in den Einzelentscheidungen reiten sie gegeneinander. "Ich habe in dieser Saison die höchsten Noten weltweit bekommen", sagt Rothenberger, "natürlich kann immer mal ein Fehler passieren." In Donaueschingen, seinem letzten Turnier vor Tryon, scheute Cosmo plötzlich, legte den Rückwärtsgang ein und hatte mit zwei Beinen das Viereck bereits verlassen. Aber Rothenberger bekam sein Pferd rechtzeitig wieder in den Griff, ritt weiter, als sei nichts geschehen und beendete die Aufgabe ohne Fehler. Das muss er sich von Werth abgeschaut haben: Nur nicht im Kopf am Fehler hängen bleiben, sondern weiter reiten, als sei nichts gewesen. Am nächsten Tag rehabilitierte sich Rothenberger mit einem erstklassigen Grand Prix Special, den er souverän für sich entschied, vor Werth mit Weihegold.

Gegen Cosmo in Bestform hat Weihegold kaum eine Chance

Die brave Stute, die in Rio olympisches Mannschaftsgold und Einzelsilber gewonnen hat, tat sich mit den Jahren immer schwerer gegen den jugendlichen, vor Energie sprühenden Cosmo. Der wiederum gewann von Mal zu Mal an Routine und konnte seine Schwächen weitgehend ausbügeln. Gegen einen Cosmo in Bestform hat Weihegold kaum noch eine Siegeschance. Weil Werth das weiß, setzt sie jetzt auf die 14-jährige Bella Rose, das Pferd ihres Herzens, das ihr durch die fast vierjährige Verletzungspause mehr Sorgen gemacht hat als alle ihre anderen Pferde zusammen. Aber auch der kapriziösen Bella Rose können Fehler passieren, ihr Nervenkostüm ist nicht aus Stahl. Fehler in den Galoppwechseln passieren ganz schnell.

Es zeichnet Werth aus, dass sie nicht auf Nummer sicher geht, sondern einen oder beide Einzeltitel anstrebt. Das ist aussichtsreicher mit Bella Rose als mit Weihegold oder auch Emilio, mit dem Isabell Werth in Aachen drei Siege einfuhr, der sich allerdings im Grand Prix üble Patzer erlaubte. Und es zeichnet die Mannschaftsführung um Bundestrainerin Monica Theodorescu aus, dass sie ihrer besten Reiterin in diesem Punkt folgte. Weihegold wird nach wie vor stets hoch benotet, Bella Rose muss die Richter jedes Mal überzeugen. Aber sie kann Cosmo schlagen, Weihegold kann das unter normalen Umständen nicht mehr. "Mein Pferd hat alles drauf, was es braucht. Es kommt darauf an, ob Fehler passieren", sagt Isabell Werth quasi unisono mit Rothenberger. Doch es gilt für beide ja nicht nur, den Konkurrenten in den eigenen Reihen im Zaum zu halten.

Die US-Amerikanerin Laura Graves träumt seit vielen Jahren davon, Werth zu überholen. Mit Casey Perry-Glass auf Dublet hat sie eine ähnlich starke Gegnerin im eigenen Team. Und dann ist da noch die Titelverteidigerin, die Britin Charlotte Dujardin. Der dreimalige Olympiasieger Valegro ist in Rente, mit seinem Nachfolger Freestyle hält sie sich sehr bedeckt, sie hat die ganze Saison über die starke Konkurrenz gemieden. Vielleicht sollte man sich auf etwas Überraschendes gefasst machen.