CHIO in Aachen:Für die Rettung des Reitens

Equestrian - Jumping - Individual - Qualification

Anschließen an die Zehnerjahre: Daniel Deußer, Weltranglistenerster im Springreiten, will mit der Mannschaft wieder in Aachen gewinnen.

(Foto: Hamad I Mohammed/Reuters)

Hans-Joachim Erbel ist neuer deutscher Reitsport-Präsident - ein Amt, das kaum einer übernehmen will. Der Neue will nun dafür sorgen, dass es diesen Sport auch in 20 Jahren noch gibt.

Von Gabriele Pochhammer, Aachen

Ein bisschen zaghaft noch betritt Hans-Joachim Erbel den roten Teppich , der zum Vip-Palast des CHIO Aachen führt. Am liebsten wäre er hintenherum gegangen, hinter der Wand, vor der Fotografen auf die Prominenz warteten, die zum Champagnerempfang vorfuhr. Aber das gehe jetzt nicht mehr, bedeutet ihm der Generalsekretär der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), Sönke Lauterbach. Erbel ist seit wenigen Monaten neuer Präsident des Reiterverbandes. "Der neue Breido", so stellt Lauterbach seinen Chef vor, und dann wissen alle, was gemeint war.

Den alten Breido kannte jeder. Graf zu Rantzau, aus selbstbewusstem Holsteiner Uradel, hat von Schloss Breitenburg bei Itzehoe aus 16 Jahre lang die Zügel des Verbandes in der Hand gehalten, davor war er selbst Springreiter und Züchter springgewaltiger Holsteiner Pferde. Er liebte klare Worte, auch in internationalen Gremien, auch auf die Gefahr hin, sich unbeliebt zu machen. Jetzt stellte er, auch aus gesundheitlichen Gründen, sein Amt zur Verfügung. Sein Nachfolger tritt in große Fußstapfen.

Hans-Joachim Erbel, 62, kommt aus einer ganz anderen Ecke als sein bodenständiger Vorgänger. Er ritt zu seinem Vergnügen als Kind und auch noch als junger Mann, dann hatten die Ausbildung zum Wirtschaftsingenieur und die Karriere Vorrang. Letztere führte ihn schließlich wieder zurück zum Pferd, zur Messegesellschaft Reed, die unter anderem in Essen die Equitana ausrichtet, die weltweit größte Messe rund um Reiter und Pferd. Dort traf Erbel alte Freunde wieder, kam bald ins Gespräch für ein Ehrenamt beim Verband. Als pandemiebedingt Reed Leute entlassen musste, verabschiedete sich auch Erbel und war nun frei für einen Posten, um den sich sonst niemand riss, den des FN-Präsidenten. Am Weihnachtsabend 2020 rief er in Breitenburg an und sagte zu.

Die Menschen sind empfindlich geworden, was den Umgang mit Pferden betrifft

Anfang Juli wurde er bei der Verbandstagung ohne Gegenkandidaten gewählt. Seitdem versucht Hans-Joachim Erbel, sich schlau zu machen in allen Themen, die den Pferdesport betreffen. Das sind nicht wenige und nicht nur erfreuliche. Das wichtigste für ihn: "Dass wir in 20 Jahren auch noch reiten dürfen". Was eigentlich außer Frage stehen sollte, ist nicht selbstverständlich. Der Pferdesport steht unter einem permanenten gesellschaftlichen Rechtfertigungsdruck.

Die Menschen sind empfindlich geworden, was den Umgang mit Tieren im allgemeinen und mit Pferden im besonderen angeht. Die sozialen Medien haben ihre Augen überall. Manchmal zu Recht, oft auch zu Unrecht werden Reiter für die Art und Weise, wie sie ihren Sport ausüben mit Kritik überhäuft. Es gibt so genannte Tierschützer, die am liebsten gar keinen Menschen mehr auf dem Rücken eines Pferdes sehen würden. "Wir müssen das Kulturgut Pferd erhalten", sagt Erbel. "Als Sportpartner, nicht nur im Zoo."

Schon in den ersten Wochen seiner Amtszeit wurde er mit einem Thema konfrontiert, dem die Reiter und ihre Verbände seit Tokio nicht entkommen können: it dem Modernen Fünfkampf und den Bildern der verzweifelten Annika Schleu, die in Tokio vergebens versuchte, ihr verstörtes Pferd zum Springen zu bewegen. "Das Fünfkampfreiten ist ein altes Problem", sagt Erbel, "es gibt seit Jahren schlechte Bilder, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche." Erklären kann Erbel das aus der Geschichte.

Der Neue will mehr junge Leute fürs Pferd begeistern, und zwar so früh wie möglich

"Als der Moderne Fünfkampf erschaffen wurde, waren die Offiziere, für die er gedacht war, gute Reiter, hatten meist ein eigenes Pferd. Heute sind die Fünfkämpfer nicht mehr in erster Linie Reiter, sondern Sportler, die auch reiten." Die optimale Lösung des deutschen Reiterverbandes wie auch des Weltverbandes FEI hat sich auch Erbel zu eigen gemacht: "Am liebsten wäre uns, das Reiten im Fünfkampf wird durch eine andere Sportart ersetzt." Etwa Fahrrad- oder Skateboardfahren.

Aber die FN kann nur überzeugen, nichts erzwingen. "Auf das Reglement des Fünfkampfes haben wir keinen Einfluss, aber wir sehen die Gefahr, dass wir, nach dem Motto mitgefangen, mitgehangen in denselben Topf geworfen werden", sagt er. Zumindest bei der Überarbeitung der Regeln wollen FEI und FN helfen, um den im heutigen Pferdesport üblichen Standard zu etablieren. "Wir brauchen Regeln, die Tier und Mensch schützen", sagt Erbel.

Zu vielen Themen will er erst etwas sagen, wenn er sich eingearbeitet hat. Aber eines hat er ganz oben auf seiner Agenda: mehr junge Leute fürs Pferd zu begeistern, und zwar so früh wie möglich. "Ich selbst habe mit zehn Jahren angefangen zu reiten", sagt er. "In dem Alter sind die meisten Kinder schon von anderen Sportarten abgeholt worden." Die Mitgliederzahlen in den Reitvereinen sind rückläufig.

Während der Pandemie wurden auch viele Schulpferde arbeitslos. Die FN hatte versucht, über eine Art Kurzarbeitergeld Reitstallbesitzern zu ermöglichen, die vierbeinigen Lehrmeister zu halten, ohne Erfolg. Erbel sieht nun eine Chance in dem geplanten Recht auf eine Ganztagsschule. "In diese zusätzliche Schulzeit könnte man Reiten als Schulsport einbauen", sagt er. Die Nachfrage nach Reitunterricht übersteige das Angebot bei Weitem. "Viele Ponyreitschulen haben Wartelisten." Vielleicht ist es eine gute Idee, wenn der Mann am oberen Ende erstmal am unteren Ende anfängt.

© SZ/vk/and
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