Editorial:Glanzvoll seit der Kreidezeit

AACHEN - CHIO Aachen 2021, AACHEN - CHIO Aachen 2021 COLLETT Laura (GBR), Dacapo CCIO4* - Teilprüfung Cross-Country SAP

Nah dran an der Action: Zuschauer beim CHIO in Aachen. Die Stehplatzwiese, auf der die Aachener bei mitgebrachtem Picknick den Pferden zuschauten, gibt es jedoch nicht mehr - hier steht inzwischen eine riesige Tribüne.

(Foto: Stefan Lafrentz /imago)

Aus dem familiären Reitfest CHIO ist ein Wirtschaftsunternehmen auf Expansionskurs geworden. Trotzdem hat der Große Preis von Aachen seine Strahlkraft behalten.

Von Gabriele Pochhammer

Als Kind durfte ich genau einmal im Jahr die Schule schwänzen, das war der Samstag von Aachen. In den grauen Vorzeiten, von denen hier die Rede ist, war noch nicht die Fünftagewoche für Lehrer und Schüler eingeführt. Im katholischen Rheinland gab es am Freitag davor einen Feiertag namens Peter und Paul, also lagen drei Tage CHIO vor mir. Drei Tage beim wichtigste Pferdesport-Turnier des Landes, fast so schön wie Weihnachten.

Ich quartierte mich bei einer Tante ein, fuhr mit dem ersten Bus in die Soers und mit dem letzten zurück. Wenn man was von der Dressur sehen wollte, musste man zu nachtschlafender Zeit am Dressurviereck stehen, einem einfachen Sandplatz, umgeben von ein paar Holzbänken. Dort saßen auch die Großen, die Berühmten, die Neckermanns und Linsenhoffs. Es gab ja nichts anderes zum Sitzen. Ich machte große Ohren, hörte sie fachsimpeln, klatschen, lästern und sich über ihre Noten ärgern, die auf einer Schiefertafel aufgemalt wurden. Wenn der Mann mit der Kreide kam, rannten alle hin, elektronische Anzeigen gab es noch nicht. Schon damals war mit den Noten dann meist nur der Sieger glücklich.

Heute sind die Ställe gesichert wie ein Hochsicherheitstrakt

In den Prüfungspausen strolchte ich durch die Ställe, kannte jedes Pferd mit Namen und plauderte mit den Pflegern. Ließ sich ein Reiter blicken, wurde er meist sofort von einer Horde Kinder umlagert, alle wollten ein Autogramm und bekamen meist auch eins. Es gab unter uns ein reges Tauschgeschäft, dreimal Winkler gegen einmal Pessoa zum Beispiel. Hans Günter Winkler war für uns der Nationalheld, gewiss, aber dem Brasilianer Nelson Pessoa, der mit dem kleinen Schimmel Gran Geste gewann, was er wollte, gehörte unser Herz. Ich war dabei, als Meteor von Fritz Thiedemann und Halla unter Winkler ihre letzten Parcours gingen, beide waren schon über den Zenit. Auch Legenden altern, das lernte ich damals.

Vieles ist heute anders. Herumstrolchen geht gar nicht mehr, die Ställe sind gesichert wie ein Hochsicherheitstrakt; ohne Bändchen oder eine in Plastik eingeschweißte Akkreditierung, die man nur nachts ablegt, kommt man nirgendwo hin. Nur selten kreuzt ein Reiter den Weg eines kleinen Autogrammjägers. Dafür werden eigene Autogrammstunden veranstaltet, bezahlt vom Sponsor.

Ich erinnere mich, als Nelson Pessoa zum ersten Mal seinen kleinen Sohn mitbrachte, Rodrigo, der mit wichtiger Miene mit seinen kurzen Beinen den Kurs abschritt. Noch ein paar Jahre später besiegte er seinen Vater im Großen Preis von Aachen, Hand in Hand galoppierten sie auf der Ehrenrunde, und wahrscheinlich gibt es für einen Reiter oder überhaupt jeden Sportler nur eines, was schöner ist als der Sieg: der Sieg des eigenen Sohnes.

In Aachen träumt man von der Expansion. Kann das gut gehen?

Der CHIO wurde jedes Jahr ein bisschen prächtiger. Als die Weltreiterspiele 2006 anstanden, wurde alles generalüberholt. Die Stehplatzwiese, auf der die Aachener bei mitgebrachtem Picknick den Pferden zuschauten, wich einer riesigen Tribüne. Auf dem Platz, auf dem die Kutschpferde warm gefahren wurden, steht jetzt ein zweistöckiger VIP-Palast, dessen Zugang streng geregelt ist: goldenes Bändchen für den Eröffnungsabend, täglich wechselnde Farben für alle anderen Bereiche. Es hat was von den sieben Höfen eines chinesischen Palastes: Wer im ersten ist, darf noch längst nicht in den letzten.

Das CHIO Aachen ist ein riesiges Wirtschaftsunternehmen geworden. Man träumt von Expansion. Eine weitere Mega-Halle ist geplant, noch ein Turnierplatz, noch mehr Veranstaltungen. In einem Campus-Programm sollen Isabell Werth und Jos Lansink, 2006 Weltmeister in Aachen, talentierte Jugend fördern. Wenn das mal alles gut geht.

Bitte nicht lamentieren: Statt uns um Kreidetafeln zu scharen, genügt jetzt ein Blick auf unser Handy, um zu erfahren, wer reitet, wer wo steht. Als Journalist genießt man Privilegien, die zahlenden Zuschauern nicht vergönnt sind, wir können jederzeit die Reiter treffen, sie würden uns wahrscheinlich sogar Autogramme geben, wenn wir wollten. Aber deswegen kommen wir ja nicht. Am Ende sind es die Pferde, von denen alles und alle leben. Halla und Meteor in Ehren, die Nachfolger sind besser und schöner, springen geschickter oder piaffieren fleißiger. Auch wenn wir sie nicht mehr im Stall besuchen können, bleiben sie für uns die Hautdarsteller des CHIO.

© SZ/Grö/and
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