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DFB-Präsident Reinhard Grindel:Als Fußballverbandschef hat Grindel selten überzeugt

Mögliche Interessenskonflikte säumten öfter seinen Weg - auch das breitet Özils Brandschrift nun aus. Etwa, wie Grindel einst im Bundestag dafür plädierte, dass sich junge Deutsche mit doppelter Staatsbürgerschaft für eine Nationalität entscheiden müssten. Das stieß schon damals auf Missbehagen, Grindel wurden Vorurteile vorgeworfen - wobei doch der DFB für das Gegenteil stehe: Toleranz und Integration.

Als Verbandschef hat Grindel in kurzer Amtszeit dann selten überzeugt. In den internationalen Gremien Uefa und Fifa gilt er als Leichtgewicht, die Aufarbeitung der WM-Affäre 2006 ist längst ins Stocken geraten. Und mit der Vertragsverlängerung bis 2022 mit Bundestrainer Joachim Löw - ohne Not vor der WM - hat er auch intern Widerstand geweckt: Geht Löws Reformprojekt schief, wird der DFB zwecks Abfindung tief in die bereits durch andere Affären (Steuernachforderung WM 2006) belasteten Kassen greifen müssen. Erst Mitte voriger Woche hat der Verband protestierende Landesfürsten per Dekret zum Schweigen gebracht - auch dieser restriktive Umgang mit der Öffentlichkeit ist ein Merkmal der Grindel-Ära. So war schon bei Löws Nominierung des WM-Spielerkaders Journalisten nicht erlaubt worden, Fragen zu stellen. Dabei gab es die reichlich.

Während sich unter Grindel das Hochgefühl der eigenen Weltmeisterlichkeit ausbreitete, das dann in Russland wie ein angepiekster Heißluftballon zerplatzte, war der Politiker Grindel offenbar auch in der verbandsinternen Özil-Debatte aktiver, als bekannt. Das behauptet jedenfalls der Spieler, der dem DFB-Chef unterstellt, er habe das Treffen bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier belastet und gar ein abschließendes Statement auf DFB-Kurs trimmen wollen. Der Punkt könnte noch wichtig werden. Das Bundespräsidialamt hatte nach dem Treffen in einer - per Facebook allerdings eher diskret gehaltenen - Stellungnahme etwas dargelegt, was eher nicht ins überlieferte Weltbild des CDU-Politikers Grindel passt: "Heimat gibt es auch im Plural. Ein Mensch kann mehr als eine Heimat haben, und neue Heimat finden. Das hat die Bundesrepublik für Millionen von Menschen bewiesen und es hat uns bereichert." Wollte Grindel auch da eingreifen? Aus Funktionärskreisen heißt es, man habe von Grindel eine andere Darstellung der von Özil geschilderten Vorgänge erhalten. Eine konkrete Anfrage beantwortete der DFB am Montag nicht.

Der DFB will die Dinge einfach aussitzen

Die Frage, wie offen intern miteinander geredet wird, könnte also auch noch zu klären sein.

Ohnehin wird ein allgemeines Abrücken spürbar unter all denen, die sich im Verband jetzt nicht über den Vorturner Grindel äußern wollen. Abwarten, das ist das DFB-Allheilmittel: Ob Löws Reform jetzt nicht erst recht scheitert, nachdem die Özil-Affäre auch den Teambetrieb erreicht hat. Und ob die Causa nicht die ideale Vorlage für die Türkei liefert, um im Herbst die Austragung der EM 2024 gegen den Mitbewerber Deutschland zu erobern - der jetzt ein Integrationsproblem hat, das in ganz Europa wahrgenommen wird.

Nimmt man all die Baustellen, sieht man dazu die Strategie des DFB, die Dinge auszusitzen, um sich irgendwie in den ablenkenden Trubel der neuen Bundesliga-Saison zu retten, drängt sich der Schluss auf, dass die Verbandsspitze bis heute keinen Plan hat - und einen angeknockten Präsidenten. Vielleicht ergäbe ein klarer Schnitt an der Verbandsspitze jetzt den Ruck, der durch die zerstrittene nationale Fußballgesellschaft gehen müsste. Weil es schlimmer nicht mehr kommen kann.

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