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DFB-Präsident Reinhard Grindel:Der umstrittene Steuermann

DFB-Präsident Reinhard Grindel

Umstrittene Führungsfigur: DFB-Präsident Reinhard Grindel.

(Foto: Michael Sohn/AP)
  • Der Rücktritt Mesut Özils rückt auch DFB-Präsident Reinhard Grindel in den Fokus.
  • Grindel war schon umstritten, als er noch als Journalist und als CDU-Politiker tätig war.
  • Er muss beim DFB etliche Baustellen moderieren - einen Plan lässt er dabei nicht erkennen.

Genau zwei Wochen hat es also gedauert, bis der DFB-Präsident Reinhard Grindel von Mesut Özil die geforderte Antwort bekam. Vor zwei Wochen, die WM in Russland ging gerade in ihre entscheidende Phase, hatte Grindel dem kicker jenes Interview gegeben, in dem er den Nationalspieler Özil aufforderte, doch bitte all die Fragen zu seinem Foto mit dem türkischen Staatschef Erdogan zu beantworten, die "die Fans" berechtigterweise noch hätten. "Völlig klar" sei es für ihn, sagte Grindel, "dass sich Mesut, wenn er aus dem Urlaub zurückkehrt, auch in seinem eigenen Interesse öffentlich äußern sollte". Auch davon hänge Özils Zukunft in der Nationalmannschaft ab.

Nun hat Grindel die öffentliche Äußerung vorliegen. Er hat sie sich am Sonntag von Özils Twitter-Account downloaden können, sie heißt "III/III DFB" und ist der dritte Teil jener Trilogie, an deren Ende der 29-jährige Özil aus der Nationalelf zurücktritt. Die Antwort ist nicht so ausgefallen, wie Grindel sie sich erwartet hatte.

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Mit vielem hatten sie beim DFB gerechnet, manche durchaus mit einem Rücktritt Özils - etwa aus Verärgerung über die fehlende Rückendeckung, die aus Grindels Interview ebenso herauszulesen war wie aus unglücklichen Äußerungen des Managers Oliver Bierhoff kurz zuvor. Aber auch, dass Özil bald gerne wieder nominiert werden würde, hielten sie im DFB für nicht unwahrscheinlich. Sicher nicht gerechnet hatten sie aber damit, dass Özil und sein Manager Erkut Sögüt, der die Statements formuliert haben dürfte, den DFB-Chef Grindel in dieser Schärfe angreifen würden.

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"Ich werde nicht länger der Sündenbock sein für seine Inkompetenz und Unfähigkeit, seinen Job gut zu machen", steht da in Özils Statement. Oder: "In den Augen von Grindel und seinen Unterstützern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Migrant, wenn wir verlieren." Oder: "Die Sache, die mich in den letzten Monaten am meisten frustriert hat, war die Fehlbehandlung durch den DFB, speziell durch DFB-Präsident Reinhard Grindel." Rücktrittsforderungen an den DFB-Chef ließen danach nicht lange auf sich warten, aus dem Fußball wie aus der Politik.

Grindel und Präsidiumskollegen konferierten am Montag per Telefon über eine angemessene Antwort, danach gab der DFB eine auf Ausgewogenheit bedachte Erklärung heraus. Es ist ein Mix aus Bedauern des Rücktritts samt Würdigung von Özils Verdiensten einerseits - und der Zurückweisung des von Özil erhobenen Rassismus-Vorwurfs gegen Teile des Verbands andererseits. Es fehlt nicht die Formulierung, dass für "jeden Spieler, der für Deutschland Fußball spielen" wolle, ein Bekenntnis zu Werten wie "Menschenrechten" oder "Meinungs- und Pressefreiheit" Voraussetzung sei; ein Hinweis, dass Özil in seinen Statements zwar seinen Respekt vor dem Amt des türkischen Präsidenten betont, aber erneut kein Wort darüber verliert, wie Amtsinhaber Erdogan die Türkei in einen autokratischen Staat verwandelt.

Ohne konkret zu werden, werden in der DFB-Erklärung auch Fehler eingestanden: "Dass der DFB im Umgang mit dem Thema" zu offenen Fragen "auch einen Beitrag geleistet hat, räumen wir selbstkritisch ein", heißt es. "Und dass Mesut Özil das Gefühl hatte, als Ziel rassistischer Parolen gegen seine Person nicht ausreichend geschützt worden zu sein, (...) bedauern wir."

Weitergehende Fragen beantworteten Grindel und der DFB nicht - dabei hatten Özil und sein Management mit konkreten Vorwürfen operiert. Grob zusammengefasst: In Person von Grindel werde der DFB von einem Mann geführt, der nur so tue, als seien ihm Integration und Anti-Rassismus-Kampagnen ein Anliegen, und der darüber hinaus sein Fähnchen gern nach dem Wind drehe. "Es gehört für uns als Verband auch zum respektvollen Umgang mit einem verdienten Nationalspieler, dass wir manche für uns in Ton und Inhalt nicht nachvollziehbare Aussage in der Öffentlichkeit unkommentiert lassen", teilt der DFB mit. Eine geschickte Formulierung, um zu manchem, was nun öffentlich auf dem Tisch liegt, nichts zu sagen.

Ein Quereinsteiger im Fußballbetrieb

In jedem Fall lenkt all das den Scheinwerfer auf eine Figur, die bisher eher im Hintergrund gewirkt hat - zumindest wirkte es lange so: Reinhard Grindel, 56, den DFB-Präsidenten. Jetzt benennt ihn Özil als den Steuermann, der die Integrationspolitik der Nationalelf an die Wand gefahren habe. Grindel, der Quereinsteiger im Fußballbetrieb, den nur eine schicksalhafte Fügung an die Verbandsspitze gespült hatte: Als sich Ende 2015 in der Affäre um ungeklärte Millionenflüsse rund um die WM 2006 der Amtsinhaber Wolfgang Niersbach heillos verstrickt hatte, musste der DFB einen neuen Frontmann aus dem Hut zaubern. Allerlei Kandidaten winkten ab: Reinhard Rauball, Bierhoff, Heribert Bruchhagen. Auch der damalige Interimschef Rainer Koch erklärte den Verzicht, zugleich warb er für den erst seit 2013 amtierenden Schatzmeister: Grindel. Monate später war der Niedersachse gewählt.

Dabei hat die enorme Dimension der Sommermärchen-Affäre stets auch überschattet, dass Grindel nie unumstritten war. Zunächst Journalist, der die ZDF-Büros in Berlin und später Brüssel leitete, war er 2002 für die CDU in den Bundestag eingezogen. Trotz der Schatzmeister-Funktion im DFB fungierte er dort auch als Vize-Chef des Sportausschusses - sogar noch, als sich der Ausschuss schon mit den anrüchigen Millionenzahlungen im DFB-Kontext befasste. Und als 2014 das Parlament ein Gesetz zur Strafbarkeit von Abgeordnetenbestechung anschob, gab es neben 582 Ja-Stimmen und drei Ablehnungen sieben Enthaltungen. Eine davon kam von Grindel, der im DFB zu der Zeit Anti- Korruptionsbeauftragter war. Auch in der Europa-Union Uefa ließ er sich nach seinem Einstieg 2017 an die Spitze des Governance- und Compliance-Komitees wählen.