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Türkgücü München:Wenn Amateur-Kicker plötzlich Profis sind

v.li.: Rene Schröder (TSV Rain am Lech, 4) Yasin Yilmaz (Türkgücü München, 10) im Zweikampf, Duell, duel, tackle, Dynam

Identifikationsfigur unter Vollprofis: Kapitän Yasin Yilmaz (am Ball) ist der einzige Türkgücü-Spieler, der nebenher arbeitet.

(Foto: Sven Leifer/imago)
  • Regionalligist Türkgücü München hat im Gegensatz zu vielen Konkurrenten Geld und professionalisierte sich im Sommer.
  • Der Klub wurde mit sechs Punkten Vorsprung Herbstmeister - doch er kämpft auch mit dem rasanten Umbruch.
  • Die Trainingsbedingungen sind nicht adäquat und es fehlen Zuschauer.

Am vergangenen Samstag trafen Mieter und Untermieter direkt aufeinander, und es bestätigte sich der Eindruck, dass der Untermieter bald wieder ausziehen wird. Türkgücü München nutzt zurzeit die Anlage des SV Heimstetten für seine vermutlich einzige Regionalliga-Saison, die Mannschaft gewann 4:0 gegen den Außenseiter und beendet die Hinrunde mit sechs Punkten Vorsprung auf die Konkurrenz aus Bayreuth und Schweinfurt. Gefeiert wurde deswegen aber noch lange nicht. Das Erste, was Trainer Reiner Maurer nach dem Sieg tat: Er sah sich noch am selben Abend den nächsten Gegner auf Video an, den SV Schalding-Heining. Bei Türkgücü München handelt es sich um eine Profimannschaft, die sich im Moment noch im Amateurgewerbe befindet. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Aufstieg für den Trainer schon selbstverständlich ist; es bedeutet das genaue Gegenteil.

Gerne hatte man bislang Schweinfurt die Favoritenrolle überlassen. Aber jetzt, natürlich, müsse man "die Rolle vom Jäger zum Gejagten auch annehmen", sagt Maurer. Trotzdem wirkt es manchmal so, als suche der ehemalige Profi und frühere 1860-Coach zwanghaft nach Problemen, die sich noch auftun könnten. "Viele Spieler haben jetzt gerade zwei bis vier gelbe Karten", sagt er zum Beispiel, es drohten also Sperren.

Maurer wird auch nicht müde zu erwähnen, dass die Umstellung im Sommer ein durchaus riskantes Unterfangen war. Die meisten der 22 neuen Spieler waren nämlich zuvor keine Profis. Da müsse sich erst zeigen, wie der jeweilige Körper auf die krasse Umstellung reagiere. Man könne die körperliche Belastung gut veranschaulichen, wenn man das andere Extrem betrachte: "Wenn Sie jeden Tag ein Schnitzel essen, schaffen Sie es dann auf einmal, drei Schnitzel am Tag zu essen?" Die Erwartungen an sein Team, vom Fleck weg die Liga zu dominieren, seien "völlig überzogen" gewesen. Insofern sei der Start mit Niederlagen in Garching und später in Buchbach auch gar nicht so holprig verlaufen, zumal viele Spieler verletzt waren.

Das nötige Geld ist natürlich vorhanden, was den Verein bei vielen Traditions-Amateurklubs nicht unbedingt beliebter macht. Doch erstens sind die Türkgücü-Spieler hauptberuflich eben Fußballer, die nicht mehr nebenher arbeiten; einzige Ausnahme ist der frühere Profi Yasin Yilmaz. Zweitens hat Türkgücüs Präsident Hasan Kivran sich und den Sponsoren langfristig gesehen vielleicht eine ganze Menge Geld gespart. Auf die Frage, ob der Verein beim Gang in die dritte Liga wieder genauso viele Spieler holen würde wie im vergangenen Jahr, sagt Maurer: "Das wäre ja uferlos teuer!" Viele der aktuellen Verträge haben zwei Jahre Laufzeit, und sie gelten sowohl für die dritte wie für die vierte Liga. Klar würde man ein paar neue Spieler brauchen, sagt Maurer. Wie viele, könne er noch nicht sagen - bei vielen sei die Entwicklung zum Profi ja noch nicht abgeschlossen.

Türkgücü hofft auf einen Schub durch Spiele im Grünwalder Stadion

Zwei Aspekte gibt es, in denen der Verein ein professionelles Umfeld noch vermisst. Erstens fehlen Zuschauer, zu den Heimspielen kommen im Schnitt weniger als 500. "Wir sind eben ein junger Verein", sagt Geschäftsführer Robert Hettich dazu. Nicht nur der frühere Löwe Maurer freut sich darauf, nach der Winterpause fünf Heimspiele im Grünwalder Stadion austragen zu dürfen, darunter die Spitzenspiele gegen Bayreuth und Schweinfurt. "Wir erhoffen uns davon einen Schub", sagt Hettich mit Blick auf die Besucherzahlen. Wohlwissend, dass der Verein bei diesem Thema auch noch anderweitig tätig werden muss, um dem Projekt Türkgücü Leben einzuhauchen.

Zweitens fehlt dem Verein nicht nur für die Heimspiele noch die dauerhafte Heimat. "Wir haben die schlechtesten Trainingsbedingungen", sagt Maurer, und er befürchtet, dass sich das in der kalten Jahreszeit auf das Spiel seiner Mannschaft auswirken kann. Zurzeit trainiert die Mannschaft noch auf einer Bezirkssportanlage im Münchner Osten.

Viele waren überrascht, als Türkgücü Anfang Juli bei einem Brauerei-Amateurturnier mit der vollen Kapelle aufwartete, der VfL Frohnlach wurde im Finale 4:0 besiegt. Doch der erste Preis ist ein einwöchiges Trainingslager in der Nähe von Barcelona. Ein zweites Trainingslager im türkischen Belek zahlt der Verein selbst. Damit wäre die Winter-Vorbereitung schon einmal zu einem großen Teil überbrückt. Dass Türkgücü aber auch als Drittligist auf demselben Platz trainieren würde wie etwa der SV Gartenstadt Trudering, das erscheint sehr unwahrscheinlich.

© SZ vom 30.10.2019/tbr
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