Regionalliga Süd Böser großer roter Bruder

Befreiung durch den Einwechselspieler: Löwen-Spieler Benjamin Kindsvater (links) strippt nach dem 1:0 gegen Illertissen, zur Freude auch seiner Kollegen Simon Seferings und Sascha Mölders (rechts).

(Foto: Bernd Feil/M.i.S./imago)

Die 60-Meisterschaft in der Regionalliga ist erneut vertagt, weil der FC Bayern II im Fernduell gewinnt.

Von Christoph Leischwitz

Laut der Aussage eines Offiziellen des FV Illertissen hatte der TSV 1860 München hier schon einmal gespielt, am 24. Juni 1977, es habe sich um das Eröffnungsspiel des Stadions gehandelt. Knapp 41 Jahre später saß Willi Bierofka, der damals eigentlich dabei gewesen sein müsste (sich aber nicht mehr erinnern konnte) in der ersten Reihe der Haupttribüne und wollte zusehen, wie sein Sohn Daniel als 1860-Trainer die vorzeitige Meisterschaft in der höchsten deutschen Amateurklasse feiert - vorausgesetzt, die U23 des FC Bayern, die ebenfalls am Dienstagabend auswärts antrat, hätte nicht gewonnnen.

Es wäre angesichts der Gegner in dieser Vierte-Liga-Saison recht repräsentativ gewesen, wenn der Traditionsklub in einem 17 000-Einwohner-Dörfchen im Landkreis Neu-Ulm feiern könnte, wo hinter dem Tor der Löwenzahn wächst und jeder Flutlichtmast genau vier Lampen trägt. Und wo die 4800 Zuschauer selbstredend für einen Besucherrekord sorgten (die DFB-Pokalspiele in der Vereinshistorie wurden ausgelagert). Um 20.50 Uhr durften die Sechziger nach einem hart erarbeiteten 2:0-Erfolg immer noch nicht feiern. Aber dank neun Punkten Vorsprung bei noch drei ausstehenden Spielen und einem besseren Torverhältnis von 16 Treffern durfte man zumindest eine So-gut-wie-Meisterschaft feiern. "Mja gut", sagte Torwart Marco Hiller nach dem Spiel auf die Frage, ob er schon Gratulationen annehme. Viel könne da nicht mehr passieren. Der befürchtete Platzsturm blieb aus. "Wir haben das Spiel über den Willen gewonnen", sagte Bierofka angesichts des vierten Spiels innerhalb von zehn Tagen. Meisterschaft? "Wir müssen scharf bleiben", hatte Trainer Daniel Bierofka einen Tag vor dem Spiel gesagt, es sei ja noch nichts entschieden. Na ja.

Die erste Halbzeit blieb überraschend unscharf. Kaum scharfe Bälle in den Sechzehner des Gastgebers, wenig scharfe Schüsse aufs Tor, und nicht einmal besonders scharfe Bemerkungen von Bierofka, die ihm sonst schon mal über die Lippen kommen. Die ersten zehn Minuten passierte: überhaupt nichts. Ein Eckball brachte dann die erste Gefahr vor dem Tor der Gastgeber. Philipp Steinhart köpfte nach der Flanke von Jan Mauersberger an Torwart Janik Schilder vorbei ins ferne Eck, dort klärte allerdings Antonio Pangallo auf der Linie (11.). In der Folge geriet die Illertisser Abwehr zwar einige Male in Unordnung, Sechzig nutzte die kurze Überlegenheit aber nicht. Ex-Profi Timo Gebhart, nach langer Verletzungspause wieder im Training, stand diesmal noch nicht im Kader.

Wenn es bei Sechzig mal nicht läuft im Angriff, dann wird oft auf jenes Mittel zurückgegriffen, das die anderen Teams der Liga nicht haben: der lange Ball auf Sascha Mölders. Aber selbst diese Bälle blieben lange Zeit aus, weil Illertissen sie mit viel Laufarbeit zu verhindern wusste. Der frühere Bundesliga-Profi schoss zum ersten Mal in der 40. Minute aufs Tor und verzog. Er sollte an diesem Abend ausnahmsweise keine große Rolle spielen.

In einem noch viel kleineren Regionalliga-Dorf, in Pipinsried bei Dachau, war 45 Minuten früher das Spiel angepfiffen worden. Der FC Bayern II hatte dort schnell für klare Verhältnisse gesorgt im zeitversetzten Fernduell. Als die Sechziger in Illertissen den Weg in die Kabine antraten, führte die Mannschaft von Tim Walter bereits 3:0 - am Ende gewann der große böse rote Bruder 4:1. Falls die Spieler des Tabellenführers das Zwischenergebnis gehört hatten, so wirkte das zunächst nicht motivationssteigernd: Sechzig blieb blass und weitgehend einfallslos. Zehn Minuten in die zweite Halbzeit hinein waren erste Pfiffe im Stadion zu hören.

Die sportliche und emotionale Wende brachte dann bezeichnenderweise ein Einwechselspieler. Nur drei Minuten nach seiner Einwechslung dribbelte sich Kindsvater im gegnerischen Sechzehner frei und traf ins linke untere Eck (68.). Wie groß die Anspannung davor gewesen war, war dem 25-Jährigen leicht anzusehen: Er lief mit nacktem Oberkörper auf die jubelnden Fans auf der bewaldeten Gegengerade zu. "Ich bin reingekommen, habe mir gedacht: 0:0, wir müssen jetzt ein Tor machen", sagte Kindsvater später, beim Solo zum Tor hatte er seine ersten Ballkontakte gehabt.

Der Illertisser Widerstand war gebrochen, Nico Karger traf mit einem feinen Schlenzer zum 2:0 für 1860 (78.). "Ihr seid müde, wir haben noch Durst", schrie ein erleichterter Sechzig-Fan auf der Haupttribüne. Die unter Profibedingungen trainierenden Sechziger hatten einmal mehr ein Spiel über ihre bessere Kondition entschieden - auch wenn die Schlussphase nur noch dahinplätscherte.

Womöglich fällt nun die endgültige Entscheidung nicht auf dem Land, sondern in der Landeshauptstadt: am Sonntag im Grünwalder Stadion. Allerdings mit deutlich weniger Sechzig-Fans als in Illertissen: Im Derby hat diesmal der FC Bayern II Heimrecht.