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Regionalliga-Serie:Zurück im Nest

27 07 2019 Fussball Saison 2019 2020 Regionalliga Bayern 04 Spieltag SpVgg Greuther Fürth; Daniel Adlung

„Mein Blick auf den Fußball hat sich verändert.“ – Daniel Adlung.

(Foto: imago images / Zink)

Als spielender Co-Trainer bereitet Daniel Adlung Fürths Talente auf den Profi-Alltag vor - und sich selbst auf den "Tag X".

"Ja mei, der Adlung." Solche Seufzer hört man, wenn die Trainer der geschlagenen Gegner über die Niederlage gegen die U23 der Fürther referieren. Als Spielertrainer führte er den Kleeblatt-Nachwuchs an die Tabellenspitze der Regionalliga. Der Erfolg hat viel mit diesem Mann zu tun, der vor zwei Jahren den TSV 1860 München verließ und sich aufmachte nach Australien. Ja mei, der Adlung: Ein Teil der 1860-Anhänger verteufelte ihn damals, ein Teil der Anhänger wünschte ihm Glück; ganz kalt gelassen hat der Mann, dessen Markenzeichen eine Irokesenfrisur ("Ich kann das tragen") und großflächige Tätowierungen waren, die wenigsten. Nun, am Ende seiner Karriere, soll er in Fürth den Jungen erzählen, wie es zugeht in der Welt und im Profifußball.

Dabei wirkt Adlung auch mit 31 Jahren manchmal noch, als sei er einer der jungen Wilden, der er einst in Fürth war. Dort wurde er ausgebildet, dort wurde er Profi. 2008 wechselte er nach Wolfsburg, es hätte der Sprung in die Bundesliga für den U21-Nationalspieler werden sollen. Doch beim VfL schob man ihn in die zweite Mannschaft ab, danach wurde er zu Alemannia Aachen verliehen. Es folgten vier Jahre zweite Liga in Cottbus, bevor er zu 1860 wechselte, wo er die Chaostage unter Vitor Pereira erlebte ("We go to the top"), die im Sturz in die Regionalliga mündeten. Danach: Goodbye Deutschland, ihn lockte das "Abenteuer Australien". Er tauschte München mit Adelaide. Sonne, Meer, Fußball-Entwicklungsland. Marco Kurz, ehemals 1860-Trainer, und sein früherer Kollege Karim Matmour erwarteten ihn dort schon. Aber vom Meer hatte er wenig, höchstens bis zur Hüfte wagte er sich vor, "gefühlt war jeden Tag Hai-Alarm". Nach dem Training öffneten seine Kollegen eine App, um zu sehen, welche Strände sie besser meiden sollten. Nach einem Jahr war klar: "Wir wollten zurück", auch die Familie wünschte es sich.

"Ich will nicht nachtreten, ich hatte dort eine gute Zeit", sagt Adlung heute. Es seien "vertragliche Dinge versäumt" worden. "Aber ich bin mit den Leuten dort im Reinen." Nachdem er nach Australien gegangen war, hatte sich für Adlung das Thema 1860 erledigt. Obwohl er eng mit Trainer Daniel Bierofka verbunden ist: "Mit Biero schreibe ich immer noch Whatsapp." Aber über ein mögliches Engagement bei 1860 haben die beiden nie gesprochen. Und so kehrte er im vergangenen Sommer zurück in die Vertrautheit; zu jenem Klub, bei dem er seine Reise durch den Profifußball begann. Man könnte auch sagen: zurück ins Nest. Dort, in Fürth, haben sie die Stelle des spielenden Co-Trainers im vergangenen Jahr extra für ihn geschaffen. "Als Anker" für die Jungen begreife er sich nun. Er wisse schließlich, was in brenzligen Situationen zu tun sei, "hundertfach" habe er so etwas erlebt. Einer zu sein, der den jungen Spielern den Rücken frei hält, so formuliert Adlung den Anspruch an sich.

Als ihn das Angebot aus Fürth erreichte, da musste sich Adlung erst einmal mit der Aussicht anfreunden, sich vom gewohnten Profi-Alltag zu verabschieden: "Ich bin noch zu viel Fußballer, um das Spielen einfach sein zu lassen. Ich bin topfit." Aber auch die Zeit eines scheinbar ewig jungen Wilden vergeht, und so wollte Adlung vorsorgen, wenn der Körper nicht mehr kann. "Ich möchte vorbereitet sein, wenn der Tag X kommt - und dann sofort ins Trainergeschäft einzusteigen können." Erst jetzt habe er begriffen, dass das Spiel "viel komplexer" sei, "als man es als Spieler wahrnimmt", sagt Adlung: "Mein Blick auf den Fußball hat sich verändert." Seinen radikalen, emotionalen Spielstil kann und möchte er nicht ablegen, auch nicht als Spielertrainer. Im Frühjahr mündete das in einer Roten Karte, als er gegen das Bein eines Gegenspielers trat, der ihn den Ball beim Freistoß wegspitzelte.

Sechs Spiele, fünf Siege, nur drei Gegentore, das ist die Bilanz dieser jungen Saison, nachdem es in den vergangenen Jahren gegen den Abstieg ging. Adlung glaubt: "In den nächsten Jahren kann sich Fürth wieder auf den Nachwuchs freuen." Besonders das Talent Elias Abouchabaka ließ zuletzt beim Sieg gegen den VfR Garching mit zwei Toren aufhorchen, dem 19-Jährigen, der aus der Jugend von RB Leipzig kam, sagen viele eine große Zukunft bei den Profis voraus. Dort also, wo seine Übungsleiter schon waren: Cheftrainer Petr Ruman, Assistent Adlung und Athletiktrainer Roberto Hilbert, der im vergangenem Jahr noch die Außenbahn beackert hat, haben zusammen 350 Spiele für Fürths Profis bestritten. Und so ist gerade so etwas wie eine Gute-alte-Zeit-Fraktion am Werk. Noch ein Beispiel? Der Mann, der Adlung 2008 in Fürth verabschiedete, hieß Rachid Azzouzi, einst selbst Spieler beim Kleeblatt. Und der Mann, der ihn bei seiner Rückkehr begrüßte? Rachid Azzouzi, zwischendurch auch mal weg, nun Geschäftsführer Sport. In Fürth setzen sie gerade ganz auf Vergangenheit, um für die Zukunft ihres Vereins zu sorgen.