Fußball-RegionalligaSchweinfurt und Guardiola in einem Atemzug

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Häufig Grund zum Strahlen: Schweinfurts Trainer Victor Kleinhenz.
Häufig Grund zum Strahlen: Schweinfurts Trainer Victor Kleinhenz. (Foto: Frank Scheuring/Foto2press/Imago)

Der 1. FC Schweinfurt 05 steht nach mehr als 20 Jahren vor der Rückkehr in den professionellen Fußball. Das ist auch das Werk des Trainertalents Victor Kleinhenz.

Von Sebastian Leisgang

Man muss schon ein paar Mal um die Ecke denken, um Victor Kleinhenz folgen zu können, aber möglicherweise gibt es tatsächlich eine direkte Linie, die von Pep Guardiola zum 1. FC Schweinfurt 05 führt. Zugegeben, es ist ziemlich weit hergeholt, das Szenario hat derart viele Konjunktive, dass es wohl kaum eintreten wird – aber es ist viel zu amüsant, um es nicht wenigstens mal durchzudeklinieren.

Kleinhenz, schwarze Trainingsjacke, ein Glas Orangensaft vor sich, sitzt in einem Café in der Würzburger Innenstadt und lacht. Einer seiner Spieler habe den Gedanken mit all den Wenns und Danns vor ein paar Tagen tatsächlich mal ausgesprochen, verrät Schweinfurts Trainer: Sollte Arminia Bielefeld den Aufstieg in die zweite Bundesliga verpassen, das Finale des DFB-Pokals gegen den VfB Stuttgart aber gewinnen, so würden die Ostwestfalen in der nächsten Saison in der Europa League spielen. Dort, die nächste steile These, könnte Bielefeld auf Manchester City treffen, wenn sich Guardiolas Mannschaft tatsächlich nicht für die Königsklasse qualifizieren sollte, sondern lediglich für die Europa League. Und dann, Kleinheinz fährt ein breites Grinsen ins Gesicht, könnte Guardiola ein Drittliga-Spiel zwischen Schweinfurt und Bielefeld hernehmen, um sein Team auf das Duell mit der Arminia vorzubereiten.

Schweinfurt und Guardiola in einem Atemzug, es ist die Pointe einer Geschichte, die ziemlich romantische Züge trägt und in einer ihrer vielen Facetten auch davon erzählt, dass nicht nur Schweinfurt bald groß rauskommen könnte – sondern auch Kleinhenz.

Als Anfang des Jahrtausends zuletzt Profifußball im Sachs-Stadion gespielt wurde, saß Kleinhenz mit seinen Eltern, Großeltern und Freunden auf der Tribüne. Und heute, über zwei Jahrzehnte später, steht der 33-Jährige unten an der Seitenlinie und dirigiert seine Mannschaft dorthin zurück, wo er sie damals von oben gesehen hat.

Wenn er an die damalige Zeit denkt, spricht Kleinhenz von „Bildern“, die er in seinem Kopf habe: Bilder von Mitschülern, die im Pausenhof Schweinfurt-Trikots tragen. Bilder von einem mit Autos verstopften Volksfestparkplatz. Bilder von Menschenschlangen, die sich vom Stadioneingang bis zur Niederwerrner Straße erstrecken. Bilder wie diese treiben ihn an, sagt Kleinhenz und spricht dann von einem „Denken von Samstag zu Samstag“. Von Schweinfurt-Spiel zu Schweinfurt-Spiel also – der Fußball als Taktgeber für den Alltag der Menschen. So war es damals, als Kleinhenz zehn oder elf Jahre alt war, und so soll es auch jetzt wieder sein.

Kleinhenz gilt als beflissenes Trainertalent, das es noch ziemlich weit bringen könnte

Wer nachvollziehen will, wie es Victor Kleinhenz von der Tribüne an die Seitenlinie geschafft hat, muss verstehen, welchen Raum Fußball in seinem Leben einnimmt. Wenn er morgens aufsteht, denkt er an Fußball. Und wenn er abends schlafen geht, denkt er auch an Fußball. „Das ist für die Familie nicht immer einfach“, sagt Kleinhenz, „aber das ist meine Realität.“

Er war erst 18, als er in seinem Heimatort Wartmannsroth ein Jugendteam in der untersten Liga betreute. Mit 22 übernahm er dann die erste Mannschaft in der Kreisklasse – und mit 25 führte er den FC Thulba als Spielertrainer in die Bezirksliga. Es sind also Dorfvereine, die seinen Werdegang pflastern, doch auf diesem Weg, im Kleinen, lernte er das Fußball-Einmaleins von der Pike auf und kam Schritt für Schritt immer größer raus. Heute gilt Kleinhenz als beflissenes Trainertalent, das es noch ziemlich weit bringen könnte.

Auf seinem Weg habe er stets Fehler machen dürfen, erklärt Kleinhenz im Café. Aus diesen Fehlern habe er dann mehr und mehr dazugelernt. Erst in der Regionalliga, beim TSV Aubstadt, erfuhr er zum ersten Mal Gegenwind und wurde freigestellt. Heute sagt Kleinhenz: „Die Entlassung in Aubstadt hat mich extrem geprägt. Ich bin ein Stück weit pragmatischer geworden nach dieser Zeit.“ Er, der sein Ideal vom Kurzpassspiel predigte, verstand, dass man mit Dogmatismus nicht immer weiterkommt. Nach seiner Beurlaubung in Aubstadt verschlug es ihn im Sommer 2023 zur U19 des FC Augsburg, ehe sich schließlich der Regionalligist FC Schweinfurt bei ihm meldete – sein Verein, den er nun wieder dorthin bringen dürfte, wo er einst war. Nachdem der Klub jahrelang unter Profibedingungen den Aufstieg anstrebte und stets scheiterte, versucht er es jetzt nicht nur mit einem verwurzelten Trainer, sondern auch hauptsächlich mit ambitionierten Amateuren aus der Region – und steht kurz vor dem Ziel.

An diesem Donnerstag um 19 Uhr empfängt Schweinfurt die zweite Mannschaft des FC Bayern. Selbst bei einem Sieg kann Kleinhenz’ Team zwar noch nicht die Meisterschaft feiern, doch es ist schon jetzt nur noch eine Frage der Zeit, bis es so weit ist. Im Hintergrund arbeiten sie in Schweinfurt längst Pläne für den Aufstieg aus, und auch Kleinhenz gesteht: „Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, ich hätte nicht schon mal den einen oder anderen Gedanken gehabt, der mich geistig durch ein Drittliga-Stadion führt.“ Etwa das von Hansa Rostock, das von Alemannia Aachen – oder eben das von Arminia Bielefeld. Doch Pep Guardiola, den wird Victor Kleinhenz auch in der nächsten Saison eher nicht zu Gesicht bekommen.

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