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Regensburg - Nürnberg:Glasige Augen

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Endlich wieder Publikum: 3011 Zuschauer durften der Partie gegen den Club in Regensburg auf den Sitzplätzen beiwohnen - in dem engen Stadion reichte das für eine gute Stimmung.

(Foto: Heiko Becker/HMB-Media/imago images)

So ganz hat die Nürnberger Mannschaft die Ideen des neuen Trainers Robert Klauß noch nicht verinnerlicht -der SSV Jahn ist beim 1:1 zum Zweitligastart allerdings auch ein unangenehmer Gegner.

Von Johannes Kirchmeier

Es war ein Schrei des Unverständnisses, der musste einfach mal raus: "Bewegen!", rief ein Anhänger im Zweitliga-Derby des SSV Jahn Regensburg gegen den 1. FC Nürnberg auf der Tribüne. "Wo soll er denn hinschmeißen, Mann?" Es ging um einen Einwurf, der Ball landete später doch wieder bei der gegnerischen Mannschaft. Aber die viel wichtigere Botschaft dahinter war: Die Zuschauer sind seit dem vergangenen Wochenende zurück in Bayerns Profistadien - und greifen gleich wieder als Stimmungsmacher ein, den Anfang der Rückkehr machte das Duell der stolzesten Vereine der Oberpfalz und Mittelfrankens, das am Ende 1:1 (0:1) endete, es war übrigens bereits das vierte Unentschieden der beiden Teams in Serie.

"Ich hatte glasige Augen, als wir rausgekommen sind", sagte der Regensburger Trainer Mersad Selimbegovic. Zum ersten Mal seit Ende Februar spielte der Jahn wieder vor seinen Fans. Sein Nürnberger Pendant Robert Klauß lobte die "heiße Atmosphäre" - auch das enge Stadion gefiel ihm sehr. In diesem sorgen dann eben auch 3011 sitzende Zuschauer schon für eine ungewohnt gute Stimmung in diesen Zeiten.

"Es war kein komplett gelungener Start in die Saison", findet der neue Club-Kapitän Valentini

Der eingangs erwähnte Zuschauer sympathisierte übrigens mit den Nürnbergern, obwohl im Grunde virusbedingt nur Heimanhänger erlaubt sind. Zwischen den nahen Großstädten Regensburg und Nürnberg gibt es aber wohl doch zu viele Überschneidungen. Der Schrei von der Tribüne nach etwa 40 Minuten entfaltete - bewusst oder unbewusst - seine Wirkung auf dem Platz. Kurz danach gingen die Nürnberger durch Tim Handwerker 1:0 in Führung. Weil sich Nürnbergs Offensive wieder wenig bewegte, traf der Linksverteidiger eben per Weitschuss mit seinem schwachen rechten Fuß ins kurze Eck, wohl haltbar für Jahn-Torwart Alexander Meyer (43. Minute). Recht viel mehr war da nicht an gefährlichen Angriffen aus Sicht der Nürnberger in Halbzeit eins: "Es war kein komplett gelungener Start in die Saison, weil wir spielerisch mehr machen müssen und auch können. Daran müssen wir arbeiten", sagte der Rechtsverteidiger und neue Kapitän Enrico Valentini.

Sein neuer Trainer Krauß war in seinem ersten Ligaspiel und nach dem 0:3 im DFB-Pokal gegen RB Leipzig zuerst darauf bedacht, die konterstarken Regensburger nicht ins Rollen kommen zu lassen. Nominell stürmten Robin Hack und Fabian Schleusener zwar vor den restlichen neun Spielern (Zugang Manuel Schäffler war noch nicht fit), auf dem Feld führten die beiden eher die fränkische Verteidigung an.

Lange blieb es so eine gemächliche Partie, ehe nach der Halbzeit dann das Regensburger Kollektiv das Spiel gegen die im Grunde begabteren Einzelkönner bestimmte. Folgerichtig kam der Jahn durch einen Elfmeter von Max Besuschkow zum Ausgleich (58.), wenngleich dafür die Hilfe der Video-Assistentin Bibiana Steinhaus nötig war. Valentini blockte eine Besuschkow-Flanke mit der Hand ab, nach mehreren Minuten Videostudium entschied der Referee Matthias Jöllenbeck auf Strafstoß - Valentinis Arm war ihm zu weit vom Körper entfernt. "Schade, dass wir so früh den Ausgleich kassieren", sagte Klauß, der allerdings auch fand: "Da sollte man nicht auf Elfmeter pfeifen. Er kriegt den Ball aus weniger als einem Meter Vollspann an den Arm geknallt."

Defensiv standen danach beide Teams sehr gut, offensiv reihten aber gerade die Franken zu viele Fehlpässe aneinander. So hatte der SSV am Ende mehr Ballbesitz und mehr Torschüsse auf dem Konto und brachte mehr Pässe an den eigenen Mann. "Wir waren nicht klar genug in unseren Aktionen", haderte Klauß. "Wir waren etwas überhastet, wenn wir dann den Ball flach am Fuß hatten, haben dann viele Fehler produziert."

Als Schleusener den Ball einmal doch ungedeckt annehmen darf, grätscht Elvedi noch dazwischen

So ganz hat seine Mannschaft seine Ideen noch nicht verinnerlicht, andererseits war der Jahn auch der erwartet unangenehme Auftaktgegner. Er verwickelte die Franken in allen Winkeln des Feldes in Zweikämpfe und gewann die wichtigsten - in der zweiten Hälfte etwa, als Schleusener den Ball einmal doch ungedeckt annehmen durfte. Vor dem Abschluss grätschte der Innenverteidiger Jan Elvedi dann allerdings noch dazwischen (71.).

So war die Premiere nicht nur aus Sicht der Regensburger Zuschauer und Bratwurstverkäufer eine gelungene. "Wir können zufrieden sein mit der Art und Weise, wie wir aufgetreten sind und mit welcher Intensität wir über 90 Minuten unterwegs waren", sagte der Routinier Oliver Hein. Sie nerven ihre Gegner auf dem Platz und dessen Fans auf der Tribüne also schon von Beginn an wieder kräftig - und das ist für die Regensburger eine wichtige Erkenntnis.

© SZ vom 21.09.2020

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