In einem solchen dritten Durchgang wie am vergangenen Sonntag braucht es nur wenig, um bei gestandenen Baseballprofis den Puls in die Höhe zu treiben. Regensburgs Schlagmann Eric Harms trifft den Ball nicht sauber, schmettert ihn vor sich in die braune Asche, von wo aus er gleich wieder in den Handschuh des Hamburger Werfers Ivan Andueza Alvarez fliegt. Dieser joggt damit locker zur ersten Base, ohne Harms aus den Augen zu lassen, der selbst losgelaufen ist, in der Hoffnung, aus seinem Schlag etwas Vorzeigbares zu machen. Kurz bevor der Regensburger sein Ziel erreicht, wirft Alvarez den Ball aus dem Handgelenk zu seinem wartenden Mitspieler an der First Base – eine klare Provokation. Unfreundliche Worte fliegen über den Platz, Spieler springen auf. Sogar der Regensburger Assistenztrainer Lenin Santa Cruz muss vom Schiedsrichter ermahnt werden.
Dass die Nerven bei den Regensburgern derart blank liegen, hat einen einfachen Grund. Zuvor konnte die Offensive der Hamburger allein im dritten Durchgang gleich elf Punkte erzielen. Zur Einordnung: Im ersten Spiel der Halbfinalserie, das Regensburg gewann, fielen acht Punkte – über die gesamte Spieldauer, von beiden Teams zusammengerechnet. „Das war ein richtig hartes Inning, sowas habe ich hier noch nie erlebt“, wird der erfahrene Regensburger Cheftrainer Matt Vance nach dem Spiel sagen. Pitcher Chikara Igami konnte die Hamburger Schlagmänner nicht überlisten und wurde noch im Inning ausgewechselt. „Die Werfer haben nicht abgeliefert, die Verteidigung hat nicht abgeliefert, und die Hamburger haben das eiskalt ausgenutzt“, so Vance.
Obwohl Regensburg sowohl den zweiten als auch den vierten Durchgang dominiert, schafft es das Team von Vance nicht mehr, den Rückstand aufzuholen, und verliert vor Heimpublikum 10:13. Nun gehe es mit gemischten Gefühlen nach Hamburg, sagt der Trainer. Vance sieht in der Niederlage allerdings keinen Grund für umfangreiche Änderungen: „Wir sind weiterhin eine sehr starke Mannschaft. Wir werden das wieder zeigen und unser Spiel machen.“
Der einzige aktive deutsche Spieler in der amerikanischen Profiliga MLB, Max Kepler, wurde in Regensburg ausgebildet
Das wird nötig sein, um den Traum von der deutschen Meisterschaft lebendig zu halten. Zuletzt gelang den Legionären dieser Erfolg vor zwölf Jahren. Eine lange Durststrecke für einen Verein, der über die Landesgrenzen hinaus als Standort für hochklassigen Baseball bekannt ist. Gleich neben dem Stadion der Legionäre steht das moderne Sportinternat Regensburg. Der einzige aktive deutsche Spieler in der amerikanischen Profiliga MLB, Max Kepler, wurde unter anderem hier ausgebildet.
Die dort angesiedelte Bayerische Baseball Academy ist ein Sprungbrett für viele Talente, die den Karriereschritt an ein College in den USA wagen wollen. „Kein anderer Standort in Europa hat so vielen Spielern zu US-Profiverträgen verholfen wie Regensburg“, sagt Armin Zimmermann, Vorstandsmitglied der Legionäre. Auch wenn die Academy nicht direkt zum Verein gehört und ein eigenes Team in der zweiten Bundesliga stellt, profitiert der gesamte Standort von der dortigen Nachwuchsarbeit.
In der Deutschen Baseballliga scheinen die Statistiken allerdings ein anderes Bild zu zeichnen. Unter den Top-Spielern der Liga, die jünger als 21 Jahre sind, befindet sich keiner der Regensburg Legionäre. Nicht unter den Werfern und auch nicht unter den Schlagmännern. Dagegen dominieren die Talente der Gauting Indians und Stuttgart Reds den Süden Deutschlands. Die Spieler der Regensburg Legionäre, die bisher in der Halbfinalserie eingesetzt wurden, sind zudem durchschnittlich 1997 geboren – nicht gerade Youngsters.
Tomas Bison, General Manager und Nachwuchskoordinator der Legionäre, sieht darin keinen Widerspruch: „Andere Teams müssen dringender junge Talente in ihre erste Mannschaft integrieren. Sie haben nicht die Tiefe in ihrem Kader wie wir sie haben.“ Neben der Academy haben auch die Legionäre selbst eine weitere Mannschaft in der zweiten Bundesliga, in der sich Nachwuchsspieler beweisen können. Hinzu kommt ein reines U23-Team als „Entwicklungsteam“. Die Talente würden sich dadurch über mehrere Mannschaften verteilen.
Weder Gauting noch Stuttgart haben es ins Halbfinale der Deutschen Baseballliga geschafft, was dafür spricht, dass nur mit gutem Nachwuchs keine Meisterschaft gewonnen werden kann. Vereine wie Regensburg verlassen sich insbesondere auf Routiniers. „Wir haben klare kurzfristige Ziele, die einen Kern an erfahrenen Spielern erfordern“, sagt Bison. Seiner Meinung nach brauche der deutsche Baseball auch Teams wie Gauting, in denen sehr junge Spieler schon auf der großen Bühne beweisen können, was sie drauf hätten.
Ein Talent, der es in dieser Saison in die Regensburger Mannschaft geschafft hat, ist der 19-jährige Juan Salazar. Im ersten Spiel durfte er nach Routinier Christian Pedrol auf den Werferhügel. Auch auf ihn wird es ankommen, wenn Regensburg kommendes Wochenende in Hamburg versucht, den Einzug ins Finale klarzumachen.

