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Real und Atlético Madrid:Mit Blick auf die M30

Unten, im etwas ärmeren Süden Madrids, am Flussufer des Manzanares, gerade noch innerhalb der Ringautobahn M30, steht das Stadion von Atleti, das Vicente Calderón, 55 000 Plätze, benannt nach dem legendären Vereinspräsidenten. Es ist kein schönes Stadion, nicht im klassischen Sinn. Drei Viertel sind ungedeckt. Und an den Seiten der nüchternen, ältlichen Haupttribüne ist das Rund offen, da sieht man direkt auf die M30, die sich röhrend unter den besten Plätzen durchwindet. Bei Abendspielen kann das ganz schön irritieren: Da blendet den Zuschauer auf der Haupttribüne auch schon mal das Scheinwerferlicht der Autos. Doch das kümmert drüben, auf den billigeren Plätzen, niemanden.

Die Colchoneros, die Matratzenmacher, wie die Fans von Atlético wegen der rot-weißen Trikotstreifen heißen, die in Muster und Farbe an die Bettmatratzen aus fernen Zeiten erinnern, sind gerne laut und chaotisch. Sie sehen sich selbst als die leidenschaftlichsten Aficionados im Land, und das wohl zu Recht. Im Calderón, einer Schwitzbude des Fußballs, sitzen nur selten Touristen, Ort und Dekor passen schlecht in ein Sightseeing-Programm.

Ganz anders die Betonarena ganz oben im reichen Norden der Stadt, das Stadion Santiago Bernabéu im Viertel Chamartín, wo auch die Bürotürme der Banken und der Multinationalen stehen, wo die Botschafter residieren, wo alles chic und teuer ist. Kein Touristenbus verpasst diesen Halt. Das Bernabéu, erbaut 1947, ist mehr ein Tempel als ein Sportplatz.

Im fensterlosen Stadionbauch, im Museum, stellt der Verein seine Trophäen aus, das Schuhwerk seines einstigen Chefpredigers Alfredo Di Stéfano etwa, die Bilder der großartigen Messdiener Zidane, Raúl, Ronaldo, Beckham. Die Schüssel gemahnt auch an ein Opernhaus, eines für 84 000 Besucher, mit Logen und einem vorzüglichen Restaurant mit Rasensicht, dem "Puerta 57". Die offizielle Vereinshymne, "Hala Madrid!", ist eine Arie, gesungen von Plácido Domingo. So inszeniert der Verein seinen Gestus. Das Publikum ist verwöhnt, Ästhetik ist ihm mindestens so wichtig wie das Siegen. Die Madridistas pfeifen auch schon mal beim Stand von 4:0, wenn ein Pass misslingt, als wäre er ein Misston in der großen Symphonie von Real Madrid. Oder eben einfach nur von: "El Madrid".

So nennt man in Spanien die Königlichen seit der Zeit vor 1920, als der Verein noch ohne royalistischen Zusatz auftrat, sondern nur als Madrid Football Club. Die Verkürzung "El Madrid" spiegelt natürlich auch den Anspruch auf die städtische Herrschaft. Glaubt man den Schätzungen, dann fiebern siebzig Prozent der Madrilenen mit Real und dreißig Prozent mit Atlético. König Juan Carlos I. ist ein "Merengue", wie sich die Fans von Real auch nennen, so weiß wie Trikot und Schaumgebäck. Sein Sohn dagegen, Kronprinz Felipe, ist ein bekennender Matratzenmacher. Wie stark dieses Bekenntnis des Thronfolgers der politischen Opportunität geschuldet ist, bleibt zu klären. Wahrscheinlich nicht ganz unwesentlich. Ungeklärt und strittig bleibt auch die alte Frage, welcher Verein in den Jahren der Diktatur franquistisch war - oder franquistischer.

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