Süddeutsche Zeitung

Real Madrid:Ronaldos millionenschwere Lücken

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Von Javier Cáceres, Berlin/Madrid

Ein paar Tage vor dem Champions-League-Finale, das Real Madrid am 3. Juni gegen Juventus Turin gewann (4:1), gab Cristiano Ronaldo dem TV-Sender La Sexta ein Interview. Er sei "sehr gelassen", erklärte der Kapitän der portugiesischen Nationalelf, er sage das "aus dem Tiefsten meines Herzens". Hintergrund: Vorwürfe über eine angeblich millionenschwere Steuerhinterziehung.

Wenn man, wie er, alles richtig mache, könne man "ruhigen Gewissens ins Bett gehen", und er schlafe "Gott sei Dank immer sehr gut", beteuerte Ronaldo. Ob er sich nun unruhiger bettet? Am Dienstag erstattete die Staatsanwaltschaft bei einem Ermittlungsrichter in Madrid Anzeige gegen Ronaldo, der sich zurzeit mit Portugal auf den bevorstehenden Confed Cup vorbereitet. Ronaldo soll zwischen 2011 und 2014 knapp 14,8 Millionen Euro am spanischen Fiskus vorbeigeschleust und damit "bewusst" Steuern hinterzogen haben.

Ein Deal mit den Behörden?

Eine förmliche Anklage ist damit noch nicht erhoben, sie ist aber nur eine Frage der Zeit. Ob es dann zum Prozess kommt, ist damit aber nicht endgültig gesagt. Eine Option ist, dass Ronaldo mit den Behörden einen Deal schließt. Eine solche Einigung würde ein Schuldeingeständnis Ronaldos voraussetzen und damit auch den Willen, eine millionenschwere Strafe für ein angebliches Delikt zu zahlen, das er bestreitet. Er käme damit aber wohl nicht nur um einen Prozess, sondern auch um eine Gefängnisstrafe herum, wie sie der Argentinier Lionel Messi vom FC Barcelona hinnehmen musste (Vollzug des Urteils noch offen, tatsächlicher Haftantritt unwahrscheinlich).

Der Nachteil: Ronaldo stünde als Steuersünder da. Die Alternative wäre, sich auf die Unwägbarkeit eines Prozesses einzulassen, der wegen der hohen Beträge, die im Raum stehen, auch in eine Gefängnisstrafe münden könnte. Allerdings gibt es Rechtsexperten, die der Überzeugung sind, dass Ronaldo gute Chancen hätte, vor Gericht zu gewinnen. Nach Informationen der Online-Zeitung El Confidencial war unter den spanischen Steuerfahndern höchst umstritten, ob Ronaldo überhaupt bei der Staatsanwaltschaft angeschwärzt werden sollte. Das Risiko, in diesem komplexen Fall eine Blamage zu erleiden, sei vielen Finanzbeamten zu groß gewesen.

Der Grund: Ronaldo zehrte - anders als Messi - in den ersten Jahren seiner Zeit bei Real, ab 2009, von einem Privileg namens "Beckham-Gesetz". Es wurde unter dem konservativen Ministerpräsidenten José María Aznar (1996 bis 2004) verabschiedet und war ursprünglich dafür gedacht, nicht-spanische Wirtschaftsbosse auf die Iberische Halbinsel zu locken. Sie unterliegen bei einem Wechsel nach Spanien einem Einkommenssteuersatz von knapp 25 Prozent, der ausschließlich auf Einnahmen erhoben wird, die in Spanien erzielt werden.

Benannt wurde diese Regelung nach dem früheren englischen Fußballprofi David Beckham, weil auch ausländische Kicker unter das Gesetz fielen und Beckham dabei der Pionier war. Spanischen Klubs verschaffte die Regelung auf dem Transfermarkt lange Zeit einen sagenhaften Standortvorteil: Vom Brutto blieb für die Gastarbeiter mehr Netto übrig als in anderen Ländern Europas, wo der Spitzensteuersatz jenseits der 50 Prozent liegt. Vor einigen Jahren wurde das Beckham-Gesetz unter der sozialistischen Regierung (2004 bis 2011) dann auf Wirtschaftsbosse begrenzt.

Ins Gerede kam Ronaldo, weil ein vom Magazin Spiegel angeführtes, internationales Medienkonsortium dokumentiert hatte, dass er den Großteil seiner Werbeeinnahmen durch eine Briefkastenfirma auf dem Steuerparadies British Virgin Islands nach Irland schleuste. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft wurde dieses Konstrukt nur gegründet, um "einen illegalen steuerlichen Vorteil" zu erzielen. Ronaldo gab einen Teil seiner Einnahmen aber an: 11,5 Millionen Euro für die Jahre 2011 bis 2014, für die er auch Steuern abführte.

"Wir sind in einem Aquarium, in dem Sauerstoff fehlt"

Zudem leistete er 2015 freiwillig eine millionenschwere Steuernachzahlung. Die Staatsanwaltschaft meint nun unter anderem, dass Ronaldo in Spanien von 2011 bis 2014 Einnahmen von 43 Millionen Euro erzielt hatte. Dessen Verteidigung macht geltend, dass 92 Prozent von Ronaldos Werbeeinnahmen nicht in Spanien generiert werden.

Ronaldos Anwalt sagte am Dienstagabend im portugiesischen Fernsehen, sein Mandant sei "komplett überrascht" und fühle sich "ungerecht behandelt".

Derweil macht sich Real Madrid dafür stark, das "Beckham-Gesetz" für Fußballer wieder einzuführen: "Es gibt nicht viele spanische Industrien, die so führend sind wie der Fußball", sagt Reals Generaldirektor José Ángel Sánchez. Daher sei es untragbar, dass Fußballer die einzigen seien, die nicht dem Gesetz unterliegen. Mit englischen Premier-League-Klubs könnten spanische Vereine beim Werben um Top-Fußballer nicht mithalten, "dort bekommen Fußballer mehr Geld und zahlen weniger Steuern". Nur eine kleine Gruppe europäischer Klubs leiste noch Widerstand, "aber wir sind in einem Aquarium, in dem Sauerstoff fehlt". Nun sei die Verwaltung gefordert, sagte Sánchez.

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SZ vom 14.06.2017
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