Süddeutsche Zeitung

Meisterschaft in Spanien:Ein Titel, der Real Madrid in den Schoß fiel

Toni Kroos feiert mit fettigem Essen, Zidane ist der große Macher: Reals alte Recken finden im richtigen Moment der Saison ihre Bestform und gewinnen wieder mal den Titel - und sie sind noch nicht fertig.

Von Jonas Beckenkamp

Toni Kroos ist eher kein Typ für Überschwang, im Erfolg schon gar nicht. Es sei an das Weltmeisterfoto aus der deutschen Kabine 2014 erinnert. Alle da, sogar die Kanzlerin, aber Kroos sitzt außen vor und hantiert an seinen Fußballschuhen herum. Jetzt hat Kroos wieder einen Titel gewonnen, er hat überhaupt schon sehr viel gewonnen in seiner Karriere - diesmal ist es die Meisterschaft mit Real Madrid, sein zweiter Titel in La Liga. Und wie Bildern im Netz zu entnehmen ist, gönnte sich der deutsche Nationalspieler auch in diesem Moment Bodenständiges: Hamburger mit Fritten, sein "Champions Dinner."

Die insgesamt 34. Meisterschaft sicherten sich Kroos und Real am Donnerstagabend mit einem 2:1 (1:0) gegen Villarreal. Es war kein glanzvoller Auftritt, aber es sind eben auch keine glanzvollen Zeiten für den Fußball. Wie immer in den vergangenen Wochen traf Karim Benzema, seine beiden Tore entschieden den einseitigen Kick gegen den Tabellenfünften. Somit war sogar bedeutungslos geworden, wie sich der zuletzt strauchelnde FC Barcelona schlägt. Bei dessen 1:2 Heimpleite gegen Osasuna entlud sich Lionel Messis Frust in drastischen Worten: "Wir waren ein schwaches Team", sagte der Argentinier und fasste damit die gesamte Saison Barças zusammen.

Barcelona gegen Real, diese Fehde verlief vor allem zum Ende dieser Saison zunehmend blutleer, was vor allem an den Katalanen lag. Das Rückspiel des Clásico hatte der Titelverteidiger kurz vor dem Coronavirus-Lockdown 0:2 gegen Real verloren und als die Liga wieder angepfiffen war, leistete man sich eine Serie unerklärlicher Unentschieden, über die sich Real jetzt königlich freuen kann. Die Madrilenen fanden im richtigen Moment zusammen, Trainer Zinédine Zidane entdeckte nach eigenen Aussagen einen neuen Geist im Team, das nach schlaffem Saisonstart "etwas Großes" erschaffen wollte.

Zidane ist mehr Menschenfänger als Taktikweltmeister, und genau das brauchen die etablierten, trophäenbehangenen Profis bei Real offenbar. Nach zuletzt vier Champions-League-Titeln muss sich eine solch große Mannschaft erst mal neu motivieren, es reichte am Ende auch gesunder Minimalismus, um wieder mal Meister zu werden. So durfte man feiern, wenn auch nicht mit den eigenen Fans am berühmten Cibeles-Brunnen nahe dem Bernabeu-Stadion. Der Verein hatte seinen Anhängern höchstselbst davon abgeraten - es bleibt also bei einer dezent beschwipsten Corona-Meisterschaft.

Ein wenig goldsilberner Flitter rieselte dennoch durch das kleine Ausweichstadion der Madrilenen, es gab vorab (am vorletzten Spieltag) direkt den Meisterpokal und ein zünftiges Siegerfoto samt "Campeones"-Schild im Hintergrund. Feiern in Covid-Zeiten.

Bei Real überwog ohnehin eher die Erleichterung über den ersten Titel nach drei Jahren. Er fiel dem Klub letztlich halt irgendwie in den Schoß. "Es ist das Ergebnis harter Arbeit und von Beharrlichkeit", sagte Real-Anführer Sergio Ramos, der sich besonders in der Rückrunde noch einmal aufraffte und Tor um Tor erzielte, wenn in engen Partien welche gefragt waren.

Es sind weiterhin dieselben bei Real

Als Macher des zurückgekehrten Erfolgs gilt aber weithin Zidane. Seit März 2019 besetzt er wieder die Trainerbank von Real. Die Meisterschaft nun holte der 48-Jährige mit vielen Akteuren, auf die er schon in seiner ersten Amtszeit von 2016 bis 2018 setzen konnte und mit denen er dreimal die Champions League gewann. Casemiro, Benzema, Kroos, Modric, Varane, Carvajal - es sind dieselben alten Recken wie eh und je. "Wir glauben an ihn, an alles, was er sagt", lobte Ramos den Mister.

Der Fokus liegt auf der Champions-League

Dabei wirkt der hochdekorierte Franzose oft ernst, verkopft, für manche unnahbar. Gareth Bale zum Beispiel kommt seit Jahren überhaupt nicht mit Zidane klar und treibt nun seine Mätzchen auf der Bank. Doch in der Nacht im kleinen Alfredo-Di-Stéfano-Stadion, der Ausweichheimstätte von Real in Corona-Zeiten, war der Coach nach seinem zweiten Meister-Titel als Trainer ungewohnt gelöst, herzte jeden Spieler innig und wurde von den Geherzten in die Luft geschmissen. Zidane kann also auch nach außen menscheln, er hat immer noch ein hohes Standing, das wurde deutlich.

"Das Gefühl ist gewaltig, denn was die Spieler geleistet haben, ist beeindruckend. Ich habe keine Worte für die Emotionen, die ich habe", meinte er selbst - es waren für seine Verhältnisse Worte des Überschwangs. "Es ist ein beeindruckendes Team von Menschen, und wenn ich sie so glücklich sehe, bin ich sehr glücklich."

Ein Ziel bleibt nun noch für den Rest der Saison: die Endrunde der Champions League in Portugal. Doch um dorthin zu gelangen, muss Real erst noch eine gewaltige Aufgabe meistern. Am 7. August braucht es gegen ManCity um Trainer Pep Guardiola eine maximale Anstrengung, um das 1:2 aus dem Achtelfinal-Hinspiel noch umzubiegen. Aber wer, wenn nicht die Untoten von Real könnte diese Großtat noch vollbringen?

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