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Champions League:Real steht mitten im reißenden Fluss

Schachtjor Donezk - Real Madrid

Es wird kühler um ihn herum: Real Madrids Trainer Zinédine Zidane mit Mütze bei der Niederlage gegen Schachtjor Donezk.

(Foto: dpa)

Nach der zweiten Niederlage gegen Donezk droht Madrid das frühe Aus in der Königsklasse - an Nachfolgekandidaten für Trainer Zinédine Zidane mangelt es nicht.

Von Javier Cáceres

Die Sportzeitung Marca ist gewiss alles andere als ein Wehr der spanischen Gegenkultur. Am Mittwoch aber, da ging sie mit einer Schlagzeile auf den Markt, die ursprünglich einem Theaterstück des kommunistischen, von der Franco-Diktatur zum Tode verurteilten Poeten und Dramaturgen Miguel Hernández stammt - und die später auch der spanischen Punkband Reincidentes zum Titel eines Songs gereichte: "Quién te ha visto y quién te ve ...", in etwa: "Wer du warst und wer du jetzt bist ..." Die Nachricht, die sich dahinter verbarg: Real Madrid hatte bei Schachtjor Donezk in der Champions League mit 0:2 verloren - ausgerechnet in Kiew, dem Ort, wo Real Madrid vor zweieinhalb Jahren gegen den FC Liverpool eine Serie von drei Königsklassen-Titeln beschloss und den 13. Henkeltopf seiner Geschichte entgegennahm.

Die Pleite kompromittiert die Optionen Madrids, in die K.-o.-Runde vorzudringen, in ungeahnter Weise. Im Grunde sind sie nur deshalb noch im elitären Wettbewerb, weil die Gladbacher Borussia sich am zweiten Spieltag der Gruppe B, Ende Oktober, außerstande sah, eine 2:0-Führung über die Schlusssekunden zu retten - und auch am Dienstag gegen Inter Mailand 2:3 verlor. Die Lage in der Gruppe besagt nun einerseits, dass Real Madrid sich noch aus eigener Kraft ins Achtelfinale schleppen kann, unter Umständen reicht sogar ein Unentschieden. Andererseits nagt es am Selbstverständnis des spanischen Rekordmeisters, dass er gegen Donezk schon wieder verlor.

Real Madrid war den Ukrainern schon im Hinspiel 2:3 unterlegen. Nun setzte es nach einer passablen ersten Hälfte in der Ukraine durch Tore von Dentinho (57.) und Manor Salomon (82.) ein 0:2. Und das wiederum bedeutet, dass rund um Trainer Zinédine Zidane wieder einmal der, nun ja, Punk tobt. Die ersten Fragen, die ihm am Dienstag gestellt wurden, kreisten um seine berufliche Zukunft. Beziehungsweise darum, ob er zu demissionieren gedenke. "Nein, ganz und gar nicht. Ich werde nicht zurücktreten. Ich habe genug Kraft", sagte der Franzose. Die Frage ist nun freilich, ob er zurückgetreten wird. Denn: Sollte Real Madrid nur Gruppendritter werden, stünde der erstmalige Abstieg in die Europa League zu begutachten, was als "Schandfleck" in der Klubgeschichte empfunden würde, wie es die Zeitung El Mundo schrieb. Sollte Real gar nur Tabellenletzter werden, würde sich der Klub vorerst ganz aus Europa verabschieden.

In der Meisterschaft stehen zwei Spitzenspiele an

Entsprechend war die Hektik nach der Partie; groß genug jedenfalls, dass die mit Klub-Boss Florentino Pérez gut verbandelte Zeitung El Mundo noch am Abend die Eilmeldung verschickte, Zidane stehe vor der Ablösung. Sie wurde zwar umgehend korrigiert, und auch die Zeitung As beteuerte am Mittwoch unter Berufung auf autorisierte Klubkreise, dass Zidane nicht zur Debatte stehe. Aber das Grollen in der Vereinsführung ist enorm.

Der Grund: Nicht nur kontinental, auch national läuft es für das Team des deutschen Nationalspielers Toni Kroos alles andere als geschmeidig. Madrid ist in der Liga Tabellenvierter, mit sieben Punkten Rückstand auf Spitzenreiter Real Sociedad San Sebastián. Spaniens Rekordmeister hat in der laufenden Saison nur sieben Pflichtspielsiege erzielt, drei Unentschieden fabriziert und fünf Niederlagen kassiert - bei 25:21 Toren. Das ist objektiv zu wenig. Aber Real Madrid steht mitten in einem reißenden Fluss. Und das nährt die Zweifel, ob jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, das Pferd zu wechseln.

Denn: In der nationalen Meisterschaft stehen zwei Spitzenspiele an - am Samstag beim FC Sevilla und in der darauffolgenden Woche gegen den Nachbarn Atlético Madrid. Zwischendrin kommt Mönchengladbach zu einer Art Finale zu Besuch. Es gilt als kaum vorstellbar, dass Real im Falle einer Niederlage beim FC Sevilla an Zidane festhält und dann ein Aus in der Champions League riskiert. Denn dann würde Vereinschef Pérez der fahrlässigen Untätigkeit geziehen werden. Ein Aus gegen Gladbach wiederum dürfte den zweiten Abschied Zidanes besiegeln. Nach dem Champions-League-Triumph von Kiew von 2018 hatte er seinen Rücktritt erklärt.

An Nachfolgekandidaten mangelt es wieder einmal nicht. Mal heißt es, dass dem Trainer der zweiten Mannschaft, der Klublegende Raúl González, eine Beförderung winkt. Dann wieder ist zu hören, dass der Argentinier Mauricio Pochettino schon vor Wochen kontaktiert wurde. Vereinsboss Pérez soll Notiz davon genommen haben, was Pochettino bei Tottenham Hotspur gelang: Mitten im stadionbaubedingten Umzug der Spurs in eine neue Arena die Mannschaft zu Erfolgen, ja sogar ins Champions-League-Finale (2019, gegen Liverpool) geführt zu haben, mit vielen Spielern aus dem eigenen Nachwuchs. Das sind Umstände, die an das Real Madrid der Gegenwart erinnern. Denn in der spanischen Hauptstadt ist der Umbau des Estadio Santiago Bernabéu im vollen Gange - und der Klub hat wenig Geld, um in neue Spieler zu investieren.

© SZ vom 03.12.2020/chge
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