Die Geschichte des nordfranzösischen Fußballvereins RC Lens ist eng mit dem Bergbau verbunden. Der Klub war jahrzehntelang im Besitz des Kohle-Unternehmens „Compagnie des mines de Lens“, in der Anfangszeit spielten die Bergarbeiter noch Fußball für den RC. Zwischen 1929 und 1933 errichteten Minenarbeiter zudem das Stade Bollaert-Delelis; in diesem Stadion trägt der Verein bis heute seine Heimspiele aus. So auch am vorvergangenen Wochenende, dem letzten vor der Winterpause der französischen Ligue 1. Gegen den OGC Nizza galt es für den RC Lens, die Tabellenführung zu verteidigen. Mindestens bis zum Wiederbeginn Anfang Januar.
Ein Klub aus einer 32 000-Einwohner-Stadt – an der Spitze der französischen Liga? Noch vor der milliardenschweren Übermacht aus der Hauptstadt, Paris Saint-Germain? Es klingt wie ein Wunder, ist aber keine Premiere. Bereits in der Saison 2022/23 hatte sich der RC Lens einen Meisterschaftskampf mit den Parisern geliefert; entschieden wurde dieser erst am vorletzten Spieltag, durch ein Tor von Lionel Messi für PSG. Damals war die Wettbewerbsfähigkeit des Kleinstadtklubs eine noch größere Überraschung als heute, denn nur fünf Jahre zuvor war der RC Lens am Abgrund gestanden.
2015 war der Verein zwangsweise in die Ligue 2 zurückgeschickt worden; der Aufstieg aus dem Jahr wurde annulliert, weil finanzielle Auflagen nicht erfüllt worden waren. Am achten Spieltag der Saison 2017/18 stand Lens dann mit null Punkten im Tabellenkeller der Ligue 2. Trotzdem hielten die Fans zu ihrem Verein. „An einem Montagabend empfingen sie Quevilly-Rouen, und 21 000 Menschen kamen ins Bollaert-Stadion“, erinnert sich der französische Journalist Grégory Lallemand. Lens hielt damals noch die Klasse und kehrte schließlich 2020 in die Ligue 1 zurück.
30 Spieler gingen, 30 neue kamen: offenbar die richtigen
Seitdem ist der RC Lens im permanenten Wandel. Im vergangenen Sommer verließ etwa nach nur einer Saison der Trainer Will Still den Verein; „ich muss nach Hause gehen“, sagte er mit Bezug auf eine Krebserkrankung seiner Partnerin. Für ihn übernahm Pierre Sage, der zuvor in Lyon entlassen worden war. Für die Transfers zeichnet sich Sportdirektor Jean-Louis Leca verantwortlich. Vor der laufenden Saison verließen 30 Spieler den Klub, 30 kamen neu hinzu. Aufgrund der vielen neuen Gesichter war der Verein ein einziges Fragezeichen.
Doch zu diesen Transfers gehört auch der Stürmer Odsonne Édouard, der in der vergangenen Saison noch von Crystal Palace an Leicester City ausgeliehen war und dort nur 142 Minuten in der Premier League absolvierte. Lens kaufte ihn für 3,7 Millionen Euro. Und Édouard, der in Paris geboren wurde und für PSG in der Jugend spielte, blühte wieder auf. Zudem ergänzt Florian Thauvin den Angriff, ausgebildet beim „Derby du Nord“-Rivalen OSC Lille und später Teil des Weltmeister-Kaders von 2018. Wesley Saïd komplementiert das Sturmtrio, welches bereits 18 Tore erzielen konnte. Ein weiterer Grund für den Erfolg: Mit erst 13 Gegentoren hat Lens die beste Defensive der Liga.

Trotz sechs neuer Stammspieler wirkt die Mannschaft, als hätte sie schon Jahre zusammengespielt. Das war auch im Spiel gegen Nizza erkennbar, das Lens 2:0 gewann. „Beim ersten Tor wusste er genau, wo der Ball hinkommt“, beschrieb Mathieu Udol danach das Zusammenspiel mit dem Stürmer Éduardo. Udol wurde ebenfalls erst im Sommer verpflichtet und von Sage vom Innenverteidiger zum Außenverteidiger umgeschult. Mit fünf Assists ist er eine weitere Schlüsselfigur des Erfolgs.
„Wir feiern Weihnachten auf dem ersten Platz, und das ist eine schöne Sache für alle Menschen in der Region“, sagt Pierre Sage und unterstreicht damit die kulturelle Bedeutung des Vereins. Trotz der Schließung der letzten Minen 1986 ist das bis heute so. Am letzten Spieltag vor der Winterpause erinnerten Fans und Verein an ihre Wurzeln. Auf der Choreografie war die heilige Barbara, die Schutzpatronin der Bergarbeiter, abgebildet. „Nachkommen von Bergleuten, Erben ihrer Werte“ war auf dem Banner zu lesen. Für den RC Lens ist noch lange nicht Schicht im Schacht.

