Süddeutsche Zeitung

RB Leipzig:Seitenverkehrter van Basten

Bei Leipzigs 2:0 in Augsburg glänzt Poulsen mit spektakulärem Tor - ob Werner zu ersetzen ist, werden erst die nächsten Wochen zeigen.

Von Felix Haselsteiner, Augsburg

"Das Leben", sagte Julian Nagelsmann und schweifte dann kurz von der Fußball- in die Daseinsphilosophie ab, "ist manchmal nicht immer gerecht. Aber manchmal eben dann schon, wenn Leute, die Vollgas geben, belohnt werden." Nun ist Nagelsmann, 33, eigentlich nicht dafür bekannt, nach Fußballspielen über das Leben zu sprechen, sondern über Anlaufverhalten, Umschaltmomente oder Seitenverlagerungen. Doch die Anmut von Yussuf Poulsens Treffer zum 2:0 schien auch in Nagelsmann etwas ausgelöst zu haben.

24 Sekunden nach seiner Einwechslung hatte Poulsen einen Chip-Pass von Mittelfeldspieler Dani Olmo bekommen, er stand links im Strafraum, und weil gerade kein Gegenspieler wirklich nah an ihm dran war, nahm der Däne den Ball mit seinem schwächeren linken Fuß volley. An Torwart Rafal Gikiewicz vorbei rauschte der Schuss ins Netz, ein formvollendeter Treffer. Irgendwo in der Arena rief direkt jemand "van Basten", und dieser historische Vergleich hinkt allenfalls deshalb, weil der Niederländer bei der EM 1988 von rechts außen mit dem rechten Fuß traf. Poulsens Tor war eines, das zu Überhöhungen einlud, weshalb die Erklärung des Schützen umso nüchterner wirkte.

"Der Ball kam gut, ich habe einfach gedacht, ich probiere mal abzuschließen", sagte Poulsen nach dem Spiel mit der Coolness desjenigen, der sein Traumtor lieber von anderen loben lässt. Seinem Teamkollegen, dem Spanier Angelino, der das 1:0 in der ersten Halbzeit erzielt hatte, etwa hatten "die Worte gefehlt", er hatte ein "unglaubliches" Tor gesehen. Was Trainer Nagelsmann allerdings mit seiner philosophischen Antwort hatte sagen wollen, war mehr als nur ein Lob. Denn Poulsens Treffer, und da hatte Nagelsmann durchaus Recht, hat eben noch eine weitere Ebene.

Man konnte sich am Samstag in Augsburg nämlich auch zurückerinnern an eine Partie Ende Juli: selber Ort, andere Temperaturen - und andere Protagonisten. Timo Werner hatte damals, am 34. Spieltag der vergangenen Saison, zwei Tore gegen den FC Augsburg erzielt, bei seinem letzten Auftritt im Leipziger Trikot. Und schon damals hatte man sich denken können, dass Nagelsmanns Aufgabe, den bald darauf nach London abwandernden Rekordtorschützen im Leipziger Sturm zu ersetzen, keine leichte werden dürfen. Dann verkaufte RB im Sommer auch noch den Stürmer Patrik Schick und holte dafür aus Salzburg Hee-chan Hwang, einen guten Stürmer, aber eher keinen, der auf Anhieb große Spiele entscheiden wird.

Die Konstante, und das gilt in Leipzig ja seit den Drittligazeiten 2013, war immer Yussuf Poulsen. Der 26-Jährige hat in den vergangenen Jahren oft neben Werner gespielt, manchmal vor ihm, ab und an aber auch: gar nicht. Und doch gab er, das betonte Nagelsmann, "immer Vollgas" - und nun scheint er sich in der aktuellen Saison selbst zu belohnen. Drei Tore und zwei Vorlagen in vier Spielen hat Poulsen bisher als Bilanz vorzuweisen. Und sollte das nicht reichen, ließe sich als Beleg für Poulsens Wert auch noch die erste Halbzeit aus dem Spiel gegen Augsburg anführen, als Leipzig zwar drückend überlegen war und den FCA kaum atmen ließ - als es aber sichtbar an einem Spieler in der Zentrale fehlte, den man anspielen konnte.

"Wir hatten ein paar Flanken mehr heute", sagte Nagelsmann über den ersten Durchgang: "Da hätte uns ein Stürmer schon gut getan." Poulsen jedoch hatte unter der Woche noch mit der dänischen Nationalmannschaft gespielt, und weil Leipzig in den kommenden drei Wochen sechs Spiele hat, habe Nagelsmann ihm eine Pause geben wollen: "Alles gut", sagte Poulsen, erneut cool, "man kann nicht jedes Spiel von Anfang an machen."

In ähnlichem Tonfall kommentierte der Däne schließlich auch noch die Tatsache, dass RB Leipzig derzeit mit zehn Punkten die Tabelle der Bundesliga anführt: "Die Tabellenposition können wir uns im nächsten Jahr anschauen", sagte Poulsen, der mit seinem Arbeitseifer derzeit repräsentativ für die ganze Mannschaft steht. Die Leipziger nämlich scheinen ihr aggressives Pressing-System in dieser Saison noch einmal auf ein neues Level bringen zu wollen, was zum Beispiel dafür sorgt, dass Mannschaften wie der FC Augsburg beachtenswert chancenlos wirken. "Wir haben es nicht geschafft, uns von hinten heraus zu befreien", sagte Augsburgs Trainer Heiko Herrlich, dessen Mannschaft bislang die besten Laufstatistiken in der Liga hat - was gegen das perfekt eingestellte Leipzig aber rein gar nichts half.

So unwichtig es ihnen nach außen hin sein mag, die Leipziger empfangen am Dienstag Istanbul Başakşehir zum Auftakt in der Champions League als Bundesliga-Tabellenführer. Und um fernab jeder Philosophie mal wieder in die Realität zurückzukehren: Es wird sich wohl erst in den anstrengenden Herbstwochen zeigen, ob das Leipziger Ein-Stürmer-Konzept dann auch wirklich aufgeht - oder ob Traumtore und Tabellenführungen nur eine Momentaufnahme des vierten Spieltags bleiben.

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Quelle:
SZ vom 19.10.2020
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