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RB Leipzig:"Red Bull kann man nicht mit Dietmar Hopp vergleichen"

RB Leipzig Celebrates Bundesliga Promotion; Rangnick

Aufstiegsexperte: Ralf Rangnick hat nun den zweiten Klub von der Regionalliga in die Spitzengruppe der Bundesliga geführt.

(Foto: Ronny Hartmann/Bongarts/Getty Images)
  • Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick spricht im SZ-Interview über die Ziele von RB Leipzig und den Unterschied zu Hoffenheim.
  • Prinzipiell habe Leipzig eine größere Dimension, es gebe nur Grenzen, die man sich selbst setzt. Auch Titelgewinne und die Teilnahme an der Champions League seien möglich.
  • Er hatte Angebote als englischer und belgischer Nationaltrainer. England sagte ihm jedoch ab und Belgien schloss eine Doppellösung mit Arbeitsplatz in Leipzig aus.

Von Moritz Kielbassa

Ralf Rangnick, 58, war zwar noch nie Champions-League-Sieger oder Meister - dafür hat er sich einen anderen Titel erarbeitet: Er ist der erfolgreichste Aufstiegs-Experte des deutschen Fußballs. Gleich zwei spezielle Vereine hat er mit ebenso speziellen Methoden von der Regionalliga bis in die Spitzengruppe der Bundesliga geführt: Erst die TSG Hoffenheim als Trainer - und jetzt RB Leipzig, wo er 2012 als Sportdirektor anfing und 2015 auch noch mal als Trainer einsprang, weil er seinen Wunschkandidaten, Ralph Hasenhüttl, erst ein Jahr später aus Ingolstadt weglotsen konnte. Rangnick stieg als Coach mit Leipzig auf - und Nachfolger Hasenhüttl steht mit dem Neuling jetzt ungeschlagen auf Platz zwei, punktgleich mit dem FC Bayern.

Rangnicks früheres Ziehkind Hoffenheim folgt direkt dahinter als Tabellendritter. Bei der TSG hatte er Anfang 2011 nach Differenzen mit Mäzen Dietmar Hopp aufgehört. Heute sagt ihm der Blick auf die Tabelle: "Es hat die Hoffenheimer bisher jedes Mal ein großes Stück in Ihrer Entwicklung zurückgeworfen, wenn sie von unserem ursprünglichen Weg abgerückt sind. Und wenn sie in höchster Abstiegsgefahr auf diesen Weg zurückgekehrt sind - wie 2013 mit Trainer Markus Gisdol oder jetzt mit Julian Nagelsmann - hat sich der Erfolg wieder eingestellt."

Im SZ-Interview macht Rangnick aber auch deutlich, dass er zwischen Leipzig und Hoffenheim "viele Unterschiede" erkenne. "Red Bull kann man auch nicht mit Dietmar Hopp vergleichen, hier stehen als Hauptsponsor ein Konzern und viele weitere starke Partner dahinter, nicht nur ein Mäzen", sagt Rangnick. Und: "Größe der Stadt, Zahl der Fans, Sponsoren, Außendarstellung und Medieninteresse - da hat Leipzig eine größere Dimension. Wir können auf lange Sicht mehr werden als nur eine regionale Größe". Generell bestätigt Rangnick, dass es mit dem Konzern Red Bull als Hauptgeldgeber in Leipzig bei der Zielsetzung "grundsätzlich (...) keine Grenzen gibt - und wenn, dann solche, die wir uns selbst setzen". Soll heißen: Auch Titelgewinne oder die Champions League sind irgendwann reelle Ambitionen für RB. Allerdings legt Rangnick Wert auf ein organisches Wachstum - auch beim Gehaltsgefüge.

Dass sich der reiche Start-up-Klub Leipzig einen Höchstlohn (Salary Cap) auferlegt hat und nach eigener Darstellung derzeit keinem Spieler mehr bezahlt als drei Millionen Euro im Jahr, glauben viele Branchen-Vertreter nicht. Rangnick sagt dazu: "Der Salary Cap ist kein Märchen. Wir liegen glaubwürdig mit unserem Etat im Mittelfeld der Liga. Ich sage aber auch: Das muss in den nächsten fünf Jahren nicht so bleiben. Wenn wir uns dauerhaft im oberen Tabellendrittel bewegen wollen, (...) müssen wir unser Gehaltsniveau Schritt für Schritt anheben - aber nicht von heute auf morgen."

Generell will Rangnick mit kritischen Anmerkungen und taktischen Sticheleien der Konkurrenz "gelassener umgehen" als noch zur Hoffenheimer Trainerzeit. Damals hatte er sich auf verbale Scharmützel mit den Bayern und Uli Hoeneß eingelassen, zum Beispiel vollmundig angekündigt, man fahre zum Spitzenspiel nach München "nicht, um sich sich Autogramme zu holen, sondern wir wollen ihren Skalp". Acht Jahre später sagt Rangnick dazu: "Wenn ich das heute so lese, fasse ich mir an den Kopf und denke: Das hast du wirklich damals gesagt?" Mit Blick auf das mögliche Vorweihnachts-Spitzenspiel, wenn Leipzig am 21. Dezember bei den Bayern antreten muss, will Rangnick deshalb keine Kampfansagen machen. Auch auf die Frage nach möglichen Wintertransfers gibt er sich defensiv: "Wir haben, Stand heute, nichts vor. Es macht keinen Sinn zu sagen: Nur, weil wir jetzt so schön Zweiter sind, wollen wir plötzlich mehr erreichen als eine sorgenfreie Saison. Meister werden die Bayern, wenn sie ihr Ding durchziehen. (...) Und wir sind nicht aufgestiegen, um zu sagen: Ab jetzt spielen wir Monopoly, was kostet die Welt?"

Im Interview äußert sich Rangnick auch über den Leverkusener Trainer Roger Schmidt, den er aus gemeinsamen Jahren in Salzburg kennt, über Understatement-Vorwürfe von Kölns Manager Jörg Schmadtke ("wenn sich Leipzig mit Darmstadt vergleicht, wird es albern". Antwort Rangnick: "Das hat keiner von uns getan, wie machen uns nicht kleiner, als wir sind"). Und natürlich über seinen neuen Erfolgscoach Hasenhüttl, bei dem er sofort "fachlich und auch auch zwischenmenschlich ein gutes Gefühl hatte" Es sei "nicht selbstverständlich, dass es sofort flutscht, wenn nach einem Aufstieg ein neuer Trainer kommt und der Vorgänger als Sportdirektor bleibt", doch Hasenhüttl bekäme das "großartig" hin. Rangnick hat das Image, für jeden Trainer, der unter ihm arbeitet, ein anstrengender Übertrainer zu sein - über das Verhältnis von Ralph und Ralf sagt er jedoch charmant: "Wir freuen uns jeden Tag darauf, den anderen zu sehen."

Tiefe Einblicke gewährt Rangnick zudem in seine taktische Sicht auf den Spitzenfußball im Jahr 2016. Er betont, dass zwischen dem auf "Speed, Spielwitz und Tiefgang" aufgebauten Leipziger Umschaltfußball und dem Ballbesitz-Stil von Pep Guardiola "kein Schwarz-weiß-Gegensatz" bestehe: "Auch der Pep-Stil hat in Wahrheit viel mit unseren Ideen zu tun, mit extremem Pressing und Gegenpressing". Trotzdem sagt Rangnick, dass die Leipziger Grundbetrachtung des Fußballs auf der Frage aufbaue: "Was passiert, wenn der Gegner den Ball hat? Alles, was bei uns mit passiert ergibt sich daraus."

Die Leipziger seien "keine Ballbesitz-Fetischisten, aber wir verteufeln Ballbesitz auch nicht." Im modernen Fußball gehe es eben "auch um Dosierung und Zwischentöne", sich also "auch mal ruhigere Phasen im Spiel" zu gönnen, statt 90 Minuten Extrempressing zu praktizieren. Ballbesitz müsse allerdings qualitativ interpretatiert werden. Will heißen: "keine sinnlosen Seitenverlagerungen quer-quer", sondern "mit Geschwindigkeit und Spielwitz nach vorne spielen". Wenn man, wie Deutschland im EM-Halbfinale gegen Frankreich (0:2), "Ballbesitzzeiten von durchschnittlich 22 Sekunden" habe, sei dies eine trügerische Dominanz: "Nach so langem Ballbesitz hast du heut fast keine Chance mehr, ein Tor zu erzielen ."

Zudem bestätigt Rangnick, nach der EM im Sommer zwei reizvolle Anfragen gehabt zu haben: als Nationaltrainer von England und von Belgien. Mit den Chefs des englischen Verbands FA traf er sich ("das gebührte allein der Respekt vor so einem Verband und Amt"), und beim belgischen Team wäre für ihn "die hohe Talentdichte reizvoll gewesen", verbunden mit der Aussicht, bei einer WM oder EM in den nächsten Jahren auch mal Großes zu erreichen. Doch England wollte letztlich doch einen englischen Nationalcoach - und der belgische Verband schloss eine Doppellösung mit Leipzig aus. Damit war das Thema erledigt, denn Rangnick wäre niemals "komplett aus Leipzig weggegangen, dafür waren die viereinhalb Jahre als Sportdirektor zu wertvoll".

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© Sz.de/schm
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