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RB Leipzig:Kürzere Zündschnüre

Benfica Lissabon - RB Leipzig

An Timo Werners Toren (im Bild feiert er sein 1:0 mit Teamkollege Nordi Mukiele) gegen Benfica stach ins Auge, dass es Direktabnahmen waren.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

"Wir hatten diesen Stürmer heute auf dem Feld und Benfica nicht": Beim 2:1 in Lissabon erzielt Leipzigs Angreifer Timo Werner zwei Tore und zeigt, wie sehr er sich weiterentwickelt hat.

Am Ende waren sie wieder die alten Freunde, die sie schon immer waren. Sie plauschten und tauschten, wie es sich gehört, im Estádio da Luz zu Lissabon ihre Trikots. Hier Odysseas Vlachodimos, Torwart bei SL Benfica, dort Timo Werner, Stürmer bei RB Leipzig, die eine gemeinsame Vergangenheit hatten, beim VfB in ihrer Geburtsstadt Stuttgart. Und die soeben, in der Gegenwart, in entscheidenden Momenten aufeinandergetroffen waren.

Dass er seinem früheren Mannschaftskameraden eine Menge gönne, stand außer Frage, und dennoch: "Dass der Timo gleich zwei Glocken macht, war ein bisschen Sch...", lamentierte Vlachodimos, 25, später am Mikrofon des Streamingdienstes DAZN. Diese beiden Treffer Werners verhalfen den Leipzigern zum 2:1-Auftaktsieg in der diesjährigen Champions League - und ihrem Trainer Julian Nagelsmann zum ersten Königsklassentriumph der noch jungen Karriere. In einem Spiel übrigens, das deutlich attraktiver war als die Partie zwischen Leipzigs nächstem Gegner Olympique Lyon und Zenit St. Petersburg (1:1).

Das Spiel in Lissabon hätte, da waren sich beide Trainer einig, ebenfalls Unentschieden ausgehen können. Das ließ sich auch statistisch belegen, in den Kategorien "Abschlüsse" (14 für Benfica, 12 für Leipzig), "Angriffe" (31:35) oder Fouls (11:12) waren kaum Unterschiede zu erkennen, gleiches galt für die Prozentsätze in Sachen Passquote (83:82) oder Ballbesitz (49:51). Und so war es nur nachvollziehbar, dass der Trainer der Portugiesen, Bruno Lage, keine Variable fand, die ihm als Erklärung für Benficas dritte Champions-League-Auftaktniederlage in Serie reichte. "Wir haben nicht wegen Grund A oder Grund B verloren", sagte Lage. Sein deutscher Kollege Nagelsmann hingegen wusste sehr wohl, warum RB aus Portugals Hauptstadt einen Triumph davontragen konnte; wegen der neuen RB-Konstante Timo Werner. "Wir hatten diesen Stürmer heute auf dem Feld und Benfica nicht. Deswegen haben wir gewonnen", sagte Nagelsmann.

Sieben Tore hat Werner in sieben Pflichtspielen unter Nagelsmann erzielt; es sind Daten, die ihm das Gefühl geben werden, dass es eine für ihn gute Lösung war, im Sommer nicht zum FC Bayern zu wechseln und stattdessen in Leipzig zu verlängern. RB-Sportdirektor Markus Krösche attestierte ihm am Dienstag eine größere Ruhe: "Die Vertragsverlängerung tut ihm gut, er hat eine gewisse Sicherheit". Doch nicht nur das: "Die Art und Weise, wie Julian jetzt spielen lässt, kommt ihm noch ein bisschen mehr zugute", sagte Krösche.

"Wir spielen geilen Fußball!", versichert RB Leipzigs Regisseur Emil Forsberg

Aus der Mannschaft kamen viele lobende Worte für den Trainer: "Insgesamt macht er jeden Spieler besser", sagte Kapitän Willi Orban - und deutete an, dass sich die Mannschaft mit dem Ansatz von Nagelsmann wohler fühlt als unter dem stärker auf Umschaltspiel angelegten Stil der Vergangenheit. "Wir haben ein bisschen mehr Struktur, gerade im Spiel mit dem Ball", fügte der Innenverteidiger hinzu. "Als Mannschaft machen wir es sehr gut. Wir spielen geilen Fußball!", versicherte Regisseur Emil Forsberg, der in Lissabon zu den auffälligsten Spielern zählte. Und auch Werner verlieh dem Chor, die den neuen Trainer lobpreisten, eine größere Amplitude. "Er stellt uns gut ein, macht taktisch immer wieder etwas anders - und reagiert auf den Gegner", erklärte Werner.

Er selbst scheint in diesem neuen Umfeld eine kleine Verwandlung zu durchlaufen. In der Vergangenheit wirkte er oft wie ein Stürmer, der eine Prärie vor sich haben musste, um Gefahr auszustrahlen und Torerfolge zu feiern - was aber stets auch das Risiko barg, dass er vor dem Tor nicht ausgeruht genug war. Nun scheint er Gefallen daran zu finden, dass sich die Zündschnüre verkürzt haben, an deren Ende er mit großer Präzision explodieren kann. Unvermittelter als früher. An seinen Toren gegen Benfica stach ins Auge, dass es Direktabnahmen waren: Zur Führung traf Werner, nachdem sein Sturmpartner Yussuf Poulsen einen Pass von Außenverteidiger Nordi Mukiele hatte abtropfen lassen (69.); Werner vollstreckte aus 14 Metern, mit dem ersten Ballkontakt. Beim zwischenzeitlichen 2:0, dem Benfica nur noch den Treffer von Haris Seferovic (84.) entgegensetzen konnte, vollendete Werner einen ansehnlichen Spielzug der Leipziger (78.). Den Rest erledigte im Zweifel der glänzende RB-Torwart Peter Gulacsi. Die Leistung der Leipziger war aber insgesamt beeindruckend genug, um Benficas Fans zu Applaus zu verleiten: Gegen dieses RB-Team kann man schon mal verlieren - anders ließ sich der Beifall nicht deuten, der nach Spielschluss im Estádio Da Luz zu hören war.

Für die Leipziger hieß das andererseits nur, dass man dem eigenen Anspruch entsprochen hatte. "Es war nicht so, dass wir hierhergefahren sind, um dabei zu sein. Wir wollen weiterkommen. Und wir wollen auch als Tabellenerster weiterkommen, wenn es möglich ist", sagte Werner. Das dürfte sich umso einfacher gestalten, je häufiger Werner trifft. "Er kann gerne in der Quote so weitermachen", sagte Trainer Nagelsmann.