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RB Leipzig:Kein Fußball für Sitzplätze

Fussball: Hoffenheim vs RB Leipzig 2:2

Mittelstürmer-Hochsprung: Hoffenheims neuer Neuner Sandro Wagner (Blau) gegen die Leipziger Youssuf Poulsen (ganz oben) und Marcel Sabitzer.

(Foto: Schmitt/actionpress)

Aufsteiger Leipzig punktet zur Premiere gegen Hoffenheim mit vitalem Spiel, Trainer Hasenhüttl hält sein Team für eine Bereicherung.

Von Philipp Selldorf, Sinsheim

Einen Polizisten als "Bullenschwein" zu bezeichnen, stellt den Tatbestand der Beleidigung dar und kostet unter Umständen viel Geld. Die Anhänger von RB Leipzig genießen diesen Schutz bisher nicht, wenn sie sich in fremden Stadien versammeln, und auch am Sonntagabend im eigentlich friedfertigen Kraichgau mussten sie diese Schmähung ungesühnt hinnehmen. Dies war ihnen vermutlich aber ziemlich egal, was weniger daran lag, dass es schon Satire darstellt, wenn ausgerechnet die Anhänger aus Hoffenheim die Rolle des Traditionswächters der Liga annehmen. Anfeindungen ähnlicher Art haben die TSG-Fans ja lange genug selbst ertragen müssen. Von Solidarität unter Leidensgenossen trotzdem keine Spur.

Nebenbei wurde die Verpflichtung des Schotten Oliver Burke bekannt

Die Verbalangriffe waren aber nebensächlich für die Gäste, die aus Leipzig gekommen waren - gar nicht so wenige übrigens. Bloß ein einziges Mal drohte von Seiten des Bundesliga-Neulings eine Eskalation. Da sah es allerdings wirklich bedrohlich aus, als ein Hüne in kurzer Sporthose und rotem Polo-Shirt nach dem Schlusspfiff auf den Schiedsrichter losstürmte, weil er mit eben diesem Schlusspfiff nicht einverstanden war. Den Hünen hätte man glatt für einen Hooligan halten können, aber Ralph Hasenhüttl musste von keinem Ordner zurückgehalten werden. Der RB-Trainer lud zwar lautstark seinen Ärger bei Schiedsrichter Stieler ab, der den Leipzigern einen Eckstoß vorenthalten hatte, indem er kurzerhand allzu pünktlich das Spiel beendete. Aber dann war's auch gut, und Hasenhüttl fing an, sich über das 2:2 in Hoffenheim zu freuen, wobei er sich sogar noch mehr über die Art und Weise gefreut hat, wie seine Mannschaft im ersten Erstligaspiel den ersten Punkt eroberte.

Hasenhüttl hatte während der 90 Minuten quasi mitgespielt, seinen Sitzplatz auf der Trainerbank hätte er untervermieten können. Fortdauernd lief er hin und her in seiner Coachingzone, er dirigierte und gestikulierte, und als Dominik Kaiser das 1:1 und Marcel Sabitzer in der 90. Minute das 2:2 schossen, war der österreichische Cheftrainer jeweils der erste Gratulant. Umgehend rannte er auf den Platz, um ohne Angst vor Distanzlosigkeit seine Freude mit den Spielern zu teilen.

Es sei "ein euphorischer Tag für alle" gewesen, sagte der dänische Angreifer Yussuf Poulsen, einer von neun Spielern auf dem Platz, die aus dem Leipziger Zweitligakader stammten. Diese Begeisterung blieb dem Betrachter nicht verborgen. Das Leipziger Spiel wurde - neben den gängigen fußballerischen Kriterien, die einer vorwiegend jungen Mannschaft aus gut ausgebildeten Internatsschülern zu eigen sind - von Beherztheit und Leidenschaft getragen. Er habe sich "schnell in diese Mentalität verliebt", sagte Hasenhüttl, dessen körperlicher Einsatz am Rand ein Abbild des lebendigen Spiels der Mannschaft war.

Lässt man die Grundsatzdebatte um den Marketing-Hintergrund der Leipziger Betriebssportvereinigung beiseite, dann konnte man diesen Abend als gelungen bezeichnen. Zwei Teams standen sich gegenüber, die vor allem den Willen zu erkennen gaben, Tore zu schießen - keine Selbstverständlichkeit in Zeiten des Neo-Catenaccio, der bei der EM den Trend dominierte.

Es begann damit, dass es zunächst so aussah, als wollten die um Zugang Sandro Wagner offensiv formierten Hoffenheimer ihren unerfahrenen Gegner im Handumdrehen auffressen, doch nachdem sie drei Chancen vergeben hatten, mussten sie froh sein, dass die von Kapitän Kaiser angetriebenen Leipziger nicht selbst in Führung gingen. Hier setzte Timo Werner sein Werk aus Zeiten beim VfB Stuttgart fort: Als Angreifer ist er gefährlich, als Torjäger muss er noch viel lernen.

In Leipzig könnte er dazu Gelegenheit bekommen, Angriffslust hat hier Priorität: "Wir werden so offensiv aufstellen, wie wir immer gespielt haben. Wir fühlen uns wohl in dem System", sagte Poulsen und verriet damit kein Geheimnis. Der Spielstil ist nicht nur ein Prinzip, sondern auch ein Werbemittel und ein Stück Legitimation. Unaufgefordert gab Hasenhüttl bekannt: "Zum Thema Bereicherung der Liga: Wir haben am ersten Spieltag die zweitmeisten Torschüsse abgegeben - nach Bayern."

Da war selbst Ralf Rangnick, der Spiritus Rector des Unternehmens, entspannt und locker. Dem Ehrgeiz, seine Schöpfung ans Ziel zu bringen - in die Elite des deutschen Fußballs -, war er an diesem Tag ein Stück nähergekommen. Rangnick lehnte an einer Wand im Pressesaal und erzählte ganz nebenbei, dass es ihm gelungen sei, den schottischen Nationalspieler Oliver Burke, 19, zu verpflichten - eine schwierige Operation, die er selbst als "Entführung aus dem Serail" bezeichnete. Die Leipziger machten den Transfer in einer Art Kommandoaktion fix, bevor die zahlreich interessierte Konkurrenz (angeblich auch der FC Bayern) intervenieren konnte. Zwölf Millionen Euro Ablöse bringt der Aufsteiger für den Zweitligaspieler von Nottingham Forest auf. Ein weiterer Neuling - Verteidiger Bernardo - kommt vom Bruderklub RB Salzburg. Dass sich Salzburgs Trainer Garcia über den nächsten Transfer zu Leipzig arg beklagte, war den Leipzigern wohl so egal wie die Fan-Beschimpfungen.

© SZ vom 30.08.2016
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