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Jesse Marsch vor Wechsel nach Leipzig:Die nächste Konfektionsgröße

SOCCER - CL, RBS VS Bayern SALZBURG,AUSTRIA,03.NOV.20 - SOCCER - UEFA Champions League, group stage, Red Bull Salzburg

Päsentierte sich mit Salzburg ehrenwert in der Champions League: Trainer Jesse Marsch.

(Foto: imago images/GEPA pictures)

Jesse Marsch hat in den RB-Filialen in New York und Salzburg reüssiert - nun soll er Julian Nagelsmann in Leipzig beerben. Sein Wechsel könnte das Trainerkarussell der deutschen Top-Klubs in Schwung halten.

Von Javier Cáceres, Thomas Hürner und Moritz Kielbassa

Vor ein paar Tagen strahlte der Bezahlsender Sky eine halbstündige Interviewsendung mit dem US-amerikanischen Trainer Jesse Marsch aus. Es ging natürlich auch um seine Zukunft, zurzeit ist er sehr erfolgreich als Chefcoach in Salzburg. Ob man ihn bald, wie alle erwarten, in der deutschen Bundesliga sehen werde? "Aaaaaaah ...", lautmalte Marsch, als ringe er um Zeit, dann sagte er: "Es ist eine Möglichkeit." Nachfrage: Ist Deutschland denn ein Ziel? "Ääähm. Yeah! Vielleicht!? Ganz ehrlich, ich weiß nicht!" Danach folgte ein typischer Jesse-Marsch-Satz: Es gehe darum, "den besten Fit für mich als Mensch zu finden", sagte er - wenn man so will: die richtige Konfektionsgröße.

Marsch, 47, trägt im Fußball-Netzwerk von RB seit Jahren Konfektionsgrößen in allen denkbaren Stufen. Erst war er Chefcoach bei New York RB (ab 2015), dann ein Jahr Ralf Rangnicks Co-Trainer bei RB Leipzig (wobei er intensiv Deutsch lernte), anschließend Chef bei RB Salzburg (seit 2019) - und am 1. Juli soll er nun nach Leipzig zurückkehren, aber diesmal als Frontmann. Nach SZ-Informationen sind sich Marsch und die Leipziger Sportbosse um Geschäftsführer Oliver Mintzlaff bereits einig - ob es noch vor dem Pokal-Halbfinale in Bremen (Freitag, 20.30 Uhr) einen offiziellen Vollzug gibt, ist unklar. Aber fest steht: Marsch soll den zum FC Bayern abwandernden Julian Nagelsmann beerben.

Den Arbeitsauftrag an den neuen Trainer hatte Mintzlaff bereits tags zuvor bei der Pressekonferenz mit Nagelsmann formuliert: "Wir werden die Lücke schließen", lautete seine Antwort auf Fragen, ob Leipzig angesichts der massiven Personalverluste im Sommer künftig nicht mehr das Zeug zum FC-Bayern-Jäger haben werde. Das Gegenteil sei nächste Saison das Ziel, so Mintzlaff: "Julian wird uns spüren! Wir werden weiter auf Angriff gehen."

RB (Salzburg) will seit Jahren den Eindruck vermeiden, für RB (Leipzig) ein SB-Markt zu sein

Dass die Salzburger am Mittwoch zwar Gespräche mit Leipzig bestätigten, aber noch nicht Marschs Abschied, lag wohl auch daran, dass am Abend ein Ligaspiel anstand. Es endete nur 1:1 gegen Wolfsberg, dennoch lobte der chronisch sonniggelaunte und amerikanisch-selbstbewusste Marsch seine jungee B-Elf, die schon mit Blick aufs Pokalfinale am Samstag gegen Linz zum Einsatz kam: "Wir hatten eine Super-Mentalität", sagte Marsch - ein Satz, den sich alle Leipziger schon mal einprägen können. Darin koppelt Marsch seine beiden Lieblingswörter: "Super" findet er fast alles und fast jeden, und "Mentalität" ist für ihn die wichtigste aller Fußballtugenden. Nur das, was alle wissen wollten, das sagte er nicht. Leipzig? "Lassen wir dieses Thema weg für diesen Moment", bat Marsch, "wir müssen uns fokussieren für Samstag."

Derweil verhandeln, wie beteuert wird, RB (Leipzig) und RB (Salzburg) um eine Ablösesumme für Marsch, dessen Vertrag bis 2022 keine Ausstiegsklausel beinhaltet. Die Ablöse dürfte aber nur einen Bruchteil, laut Salzburger Nachrichten knapp ein Zehntel jener bis zu 25 Millionen Euro betragen, die Leipzig für Nagelsmann erhält. Gratis allerdings ist auch Marsch nicht zu haben, zumal man seit Jahren den Eindruck vermeiden will, dass RB für RB ein SB-Markt ist. Administrativ wurden die beiden Fußballunternehmen ja vor einigen Jahren entflochten, und auch die Inzidenz von RB-Binnentransfers hatte zuletzt abgenommen. Wechselten alleine 2016/17 noch vier Spieler von Salzburg nach Leipzig - darunter Naby Keita und der künftige Bayern-Verteidiger Dayot Upamecano -, so kamen zuletzt auf demselben Transferweg in vier Jahren "nur" noch fünf nach Sachsen (Laimer, Haidara, Wolf, Hwang und Szoboszlai).

"Natürlich verstehe ich diesen Verein sehr gut", sagte Marsch vor einigen Tagen über Leipzig, er weiß ja selbst, dass er nach sechs Jahren im Dosenkosmos ein logischer Nagelsmann-Nachfolger ist, trotz gewisser fußball-stilistischer Unterschiede. "Wenn man mich fragt: 'Was ist der beste Fit?', dann ist Leipzig natürlich eine Top-Idee", sagte Marsch.

Offen ist Oliver Glasners Zukunft. Wird er Nachfolger von Marsch?

In Österreich ist seine Mission wohl bald erfüllt. 2020 holte er mit Salzburg das erwartete nationale Double, und die Chancen stehen gut, diesen Erfolg in Kürze zu wiederholen. Zudem präsentierte sich Marsch mit Salzburg zweimal ehrenwert in der Gruppenphase der Champions League. Im Herbst 2019, als sein Stürmer Erling Haaland durch die Decke ging, erlangte Marsch Bekanntheit durch ein Video, das ihn bei einer emotionalen Halbzeitansprache in Liverpool zeigte. "Das ist not a Fucking-Freundschaftsspiel!", rief er, mit Anzug und Schlips durch die Kabine fegend, seinen Spielern zu. Die holten daraufhin an der Anfield Road furios ein 0:3 auf (Endstand: 3:4).

Beim aktuellen Hochgeschwindigkeits-Trainerdomino im deutschen Fußball hängt nun irgendwie alles mit allem zusammen: Nagelsmann wird Bayern-Trainer, weil es Hansi Flick zur Nationalelf zieht, Jesse Marsch kommt wegen Nagelsmanns Abschied nach Leipzig. Marsch stand (ebenso wie Nagelsmann) auch auf der Liste von Tottenham - und er wurde auch bei Eintracht Frankfurt gehandelt, wo der ehemalige Salzburg-Coach Adi Hütter eine Vakanz hinterlässt. Er folgt in Mönchengladbach auf Marco Rose, der ebenfalls ein Salzburger "Ex" ist und demnächst Borussia Dortmund coacht. In Leipzig standen neben Marsch Oliver Glasner (Wolfsburg, früher Salzburg!) und Pellegrino Matarazzo (Stuttgart) auf der Kandidaten-Shortlist. Die ebenfalls medial gehandelten Roger Schmidt (Eindhoven, früher Salzburg!) und Bo Svensson (Mainz, früher Salzburg-Liefering!) kamen nicht in Betracht.

Offen ist, was aus Glasner wird, der bei Leipzig der Co-Favorit war. Der Tabellendritte VfL Wolfsburg bemüht sich offiziell um eine Fortsetzung der nicht reibungsfreien, aber erfolgreichen Zusammenarbeit mit dem Österreicher. Während lokale Medien bereits über Mark van Bommel und den Dortmunder Noch-Chef Edin Terzic als mögliche neue Wolfsburg-Trainer spekulieren, betont Sportboss Jörg Schmadtke, man sehe keinen Anlass, über etwas anderes nachzudenken als die Vertragserfüllung des Trainers. Doch Schmadtke und Glasner gaben sich zuletzt wenig Mühe, ihre Dissonanzen öffentlich zu verbergen. Hinzu kommt, dass Glasner auch aus privaten Gründen über eine Rückkehr in die Heimat nachdenken soll. Und in Salzburg, wo Glasner bereits von 2012 bis 2014 der "Co" von Roger Schmidt war, wird sehr wahrscheinlich die attraktivste Trainerstelle der Alpenrepublik frei.

© SZ/mok/tbr
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09.02.2020, Fussball 1. Bundesliga 2019/2020, 21. Spieltag, FC Bayern München - RB Leipzig, in der Allianz-Arena München; Fußball

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