RB Leipzig gegen 1. FC Union:Nächste Ausfahrt Europa

Lesezeit: 3 min

RB Leipzig gegen 1. FC Union: Instinktsicher: Unions Sven Michel (rechts) legt den Ball mit der Hacke für den Torschützen Kevin Behrens ab.

Instinktsicher: Unions Sven Michel (rechts) legt den Ball mit der Hacke für den Torschützen Kevin Behrens ab.

(Foto: Matthias Koch/Imago)

Mit einem spät errungenen 2:1-Sieg revanchiert sich der 1. FC Union Berlin für das bittere Pokal-Aus in Leipzig - und zeigt durch ein kunstvoll herausgespieltes Tor, dass er mehr zu bieten hat als spröden Charme und Leidenschaft.

Von Javier Cáceres, Leipzig

Am Ende drehten die Leipziger den Köpenickern noch eine lange Nase. "Berlin! Berlin! Wir fahren nach Berlin!", riefen die Anhänger von RB Leipzig in diesem Stakkato, das sich seit Jahren in deutschen Stadien eingeschliffen hat - ein Ruf, der auf das Pokalfinale verweist.

Was schert's uns schon, sollte das heißen, dass RB Leipzig am Samstag bis zur 86. Minute der Bundesligapartie gegen den 1. FC Union Berlin führte, aber dann doch noch verlor durch die Tore der Einwechselspieler Sven Michel und Kevin Behrens (86./90.+2). Denn die jüngere gemeinsame Geschichte der beiden Klubs umfasst auch das Halbfinale im DFB-Pokal vom vorangegangenen Mittwoch, RB Leipzig hatte mit 2:1 gewonnen. Durch ein Tor von Emil Forsberg in der Nachspielzeit, das schmerzte.

Und natürlich war jenes Duell auch am Samstag noch ein Thema. Ob er lieber im Pokalfinale stehen würde, statt nun diesen Bundesliga-Sieg und die "Wahnsinnsmoral" seiner Mannschaft zu bejubeln, wurde Unions Trainer Urs Fischer gefragt. Der Schweizer Trainer der Köpenicker lächelte gequält, um dann doch eine Antwort zu liefern, die erstens die Nutzlosigkeit der Überlegung bloßstellte und zweitens geeignet war, die Aphorismen-Sammlung zu erweitern.

"Es ist ganz gut im Leben, dass man einige Dinge nicht zurückdrehen kann...", sagte Fischer, "die Scheibe dreht sich weiter." Und so ist es ja: Wie viele vergangene Freuden würden einem genommen werden, wenn sich die Räder der Geschichte zurückdrehen ließen? Und Freude hat sich Union in dieser Saison selbst derart häufig bereitet, dass bei allem Bedauern über die vertane Möglichkeit der Blick nach vorn optimistisch ausfällt.

Fünfzig Punkte hat der 1. FC Union nun beieinander, das sind exakt so viele wie in der gesamten Vorsaison gesammelt wurden, und weil noch drei Spieltage zu bestreiten sind, dürfte die Bilanz am Ende noch besser ausfallen. Was unter anderem bedeutet, dass die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb denkbar nahe ist. Zurzeit liegt der 1. FC Union auf Platz sechs der Tabelle, der Ranglistenfünfte Freiburg ist zwei Zähler, RB Leipzig als Vierter vier Punkte entfernt.

"Wenn sie in der Lage sind, in Leipzig gegen uns zu gewinnen, können sie gegen jeden gewinnen", warnt Tedesco

"Wir haben uns dazu geäußert, dass wir angreifen wollen. Im Moment sieht's nicht schlecht aus. Aber wir befinden uns am 31. Spieltag, nicht am 34. Spieltag", sagte Fischer. Sein Kollege Domenico Tedesco schien erst zu stutzen, als er gefragt wurde, ob der 1. FC Union gar in den Kampf um die Champions-League-Plätze eingreifen könne. Er gab zu bedenken, dass sein Team an mehr als nur einem Spieltag hinter Union in der Tabelle stand. Dann schob Tedesco eine Bemerkung nach, die wie eine Warnung klang: "Wenn sie in der Lage sind, in Leipzig gegen uns zu gewinnen, können sie gegen jeden gewinnen." Erst recht, wenn die verbleibenden Gegner SpVgg Greuther Fürth, Freiburg und VfL Bochum heißen. Und wenn Union so eine erstaunliche Mentalität zeigt wie am Samstag.

Sie mussten da nicht nur die Enttäuschung vom Mittwoch verarbeiten. Sondern auch einen Treppenwitz. Nach 8:0 Torschüssen in den ersten Halbzeit kam RB Leipzig mit der ersten eigenen Chance der Partie zur Führung. Yussuf Poulsen traf nach einer unglücklichen Abwehraktion von Grischa Pröml (46.). Am Ende aber segelte Sven Michel - 21 Sekunden nach seiner Einwechslung - in eine Flanke von Sheraldo Becker und traf per Flugkopfball; den Siegtreffer bereitete Michel vor, indem er den Ball mit dem Absatz instinktsicher auf Behrens ablegte wie einst der genialische Real-Madrid-Spielmacher Guti. Union widerlegte mit dem "wirklich toll herausgespielten Tor" (Fischer) das tief verwurzelte, seit dem Winter-Abgang von Max Kruse neu belebte, aber unzutreffende Vorurteil, Union habe allenfalls spröden Charme und wohlkoordinierte Abwehrarbeit zu bieten. "Ich mag es ihm wirklich gönnen", sagte Fischer über Michel, der erst im Winter nach Berlin gestoßen war, seine Anpassungsprobleme hatte - und nun doch zeigt, dass er kicken kann.

Die Leipziger wiederum grämten sich, "nicht genug investiert" zu haben, wie Poulsen zu bedenken gab. "Trotz sechs Wechseln war Union griffiger und galliger, hat frischer und agiler gewirkt", staunte Tedesco. Für den Montag gab er seiner Mannschaft frei, in der Hoffnung, sie kann nach zehrenden Wochen in der Liga, im Pokal und der Europa League wieder Inspiration schöpfen. Nötig wäre es. Denn am Donnerstag steht in Leipzig bereits die nächste Herausforderung an. Im Halbfinale der Europa League geht es im Hinspiel gegen die Glasgow Rangers.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB