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RB Leipzig:Frei von Seufzern

RB Leipzig v 1. FC Union Berlin - Bundesliga

„So ein Tor habe ich, glaube ich, noch nie geschossen“: Timo Werner staunte selbst über seinen wuchtigen Treffer zum zwischenzeitlichen 1:1.

(Foto: Maja Hitij/Getty Images)

Der RB Leipzig spielt gegen den wackeren 1. FC Union Berlin seine Klasse aus - angeführt von einem wieder überragenden Timo Werner.

Die Eindrücke vom 3:1-Sieg der Leipziger gegen den 1. FC Union Berlin waren noch nicht geronnen, da trug Timo Werner schon eine beachtliche Fahne vor sich her. Nicht, dass Missverständnisse entstehen: Der Nationalstürmer roch nicht etwa nach Produkten örtlicher Brauereien oder Spirituosenmanufakturen. Sondern nach einem langen Zuckerkabel, das ein Bekannter von ihm in den Katakomben des Stadions aus der Tasche der Daunenjacke gezogen hatte - Werner roch also nach diesem süßen Zeugs, das auf Grundschulhöfen kursiert, und das er am Samstagabend einwarf, wie er sagte, um ein Gefühl der Unterzuckerung zu bekämpfen. Und das war nachvollziehbar. Denn wie immer hatte Werner zuvor auf dem Rasen reichlich Kalorien verbrannt - er zählt ja definitiv zu den aufopferungsvollsten Stürmern des Landes -, und schon sein Treffer zum zwischenzeitlichen Ausgleich in der 51. Minute war nichts anderes als ein "Burner", wie man neudeutsch sagen würde.

Ein Tor von betörender Wucht war es allemal. Der Außenseiter Union war in der 10. Minute durch Marius Bülter in Führung gegangen und hatte dem Herbstmeister über einen langen Zeitraum hinweg den Weg zum gegnerischen Tor strategisch geschickt verbarrikadiert. Nach der Pause aber leitete Timo Werner, 23, mit seinem Treffer einen Akt der Rebellion ein, der den als Tabellen-Ersten gestarteten RB vor einem Fehlstart in die Rückrunde bewahrte. Nach einem langen Ball des glänzenden Leipziger Innenverteidigers Dayot Upamecano fabrizierte ausgerechnet Torschütze Bülter am Union-Strafraum einen Querschläger, der Werner ins Spiel brachte. Der RB-Stürmer lud das Bein durch und jagte den Ball mit elektrisierender Gewalt in den Winkel des Union-Gehäuses (51. Minute). "So ein Tor habe ich, glaube ich, noch nie geschossen. Das beste Tor, was ich je geschossen habe im Profifußball", sagte Werner, der nach dem 2:1 durch den zurzeit gleichfalls brillanten Kapitän Marcel Sabitzer (56.) in der 83. Minute auch noch den 3:1-Endstand folgen ließ. Damit erzielte Werner im 18. Saisoneinspiel seinen 20. Treffer. "Sein Ziel muss jetzt sein, 40 Tore zu schießen. Dann sind wir zufrieden", sagte Sabitzer und brauchte nicht mal den Namen des in jeder Hinsicht unvergleichlichen Gerd Müller auszusprechen, um eine Assoziation zu wecken, die Werner begleiten wird: Müllers 40 Tore aus der Spielzeit 1971/72, diesen ewigen Rekord.

Es kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass Werner in dieser Saison diese Bestmarke erreichen könnte. Zum einen hat er die spielerischen Fähigkeiten dazu. Zum anderen ist er imstande, Fehler wegzustecken. Sein Spiel ist nicht immer schön anzusehen, und mitunter verspringen ihm die Bälle so absurd, dass man meinen muss, er wäre ein Widergänger des einst von Lothar Matthäus als "Flipper" verspotteten Jürgen Klinsmann. Aber: Frustrierende Momente wie aus der ersten Halbzeit, als Werner gegen Union im Grunde nicht existierte oder von seinen Mitspielern nicht gefunden wurde, verkraftet er inzwischen gut. Es wirkt so, als führe er für die Dauer des wöchentlichen Fußballspiels ein Leben, das frei ist von Seufzern und Skepsis. Werner probiert es immer wieder - und belohnt sich dann mit Toren, die man nicht unbedingt machen muss, die eher aus dem Nichts kommen und die in der Regel schon gar keine Konfektionsware sind.

Mindestens ebenso wichtig: Trainer Julian Nagelsmann scheint nicht nur die richtige taktische Ausrichtung, sondern auch den Ton gefunden zu haben, um Werner so verlässlich liefern zu lassen wie Bayern-Mittelstürmer Robert Lewandowski. Wie Nagelsmann das vollbringt? Indem er Werner nicht an Toren misst, ihm ex post niemals vergebene Chancen vorhält, aber sich, wie am Samstag, auch davor hütet, seinem Paradestürmer bloß wegen der Trefferausbeute die Bestnote zu erteilen. Das faszinierende Resultat: Erstmals in der Geschichte der Bundesliga hat mit Leipzig eine Mannschaft in neun Spielen hintereinander immer drei Tore oder mehr geschossen. Am Samstag hieß das: sogar gegen Union. Denn die Köpenicker zeigten auch in Leipzig, dass sie eine Mannschaft sind, die erst einmal geschlagen sein will und die sich in eine Art lebenden Bundesliga-Qualitätskontrollmechanismus verwandelt hat. Umso bemerkenswerter war daher das Urteil, dass Unions erfahrener Mittelfeldspieler Christian Gentner und Trainer Urs Fischer abgaben: "Ich hab keinen stärkeren Gegner gesehen in dieser Saison", berichtete Gentner und rühmte die Leipziger dafür, dass sie zwei, drei herausragende Spieler in ihren Reihen haben: Neben Upamecano und Werner auch Sabitzer, der das 3:1 vorbereitete. Fischer wiederum sagte, an Nagelsmann gewandt, dass er ein Urteil revidieren müsse: "Glückwunsch zu deiner Truppe, Julian! Ihr zählt wirklich zu den Mannschaften, die um die Meisterschaft mitspielen kann."

Diese Kategorisierung der Leipziger half den Unionern auch dabei, die Stadt ohne jede Gram zu verlassen: "Ich habe auch ein tolles Spiel meiner Mannschaft gesehen", erklärte Fischer.

Andererseits: Union wartet nun schon wieder seit mehr als einem Monat auf einen Sieg, den vorerst letzten Triumph landete das Team Anfang Dezember gegen den 1. FC Köln, es folgten ein Remis in Paderborn sowie Niederlagen gegen Hoffenheim und in Düsseldorf. Am kommenden Wochenende reist der FC Augsburg nach Berlin-Köpenick. Der Bundesliga-Neuling, der sich seit dem 0:4 aus dem ersten Saisonspiel gegen Leipzig sehr stabilisiert hatte, empfängt damit eine Mannschaft, die ähnlich wie Union darum kämpft, nicht in den akuten Abstiegskampf hinabgezogen zu werden. "Das ist ein Highlightspiel für uns", sagte Gentner.

© SZ vom 20.01.2020
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