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RB Leipzig:Ein Sieg für süße Nachtgedanken

RB Leipzig v Tottenham Hotspur - UEFA Champions League Round of 16: Second Leg

"Yes, wir haben es geschafft!": Leipzig bejubelt das 2:0 durch Marcel Sabitzer.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Nach dem Rückspiel gegen Tottenham Hotspur erreicht der RB erstmals das Viertelfinale der Champions League. Julian Nagelsmann ist nach dem 3:0 der bisher jüngste Trainer unter den besten acht in Europa.

Von Javier Cáceres, Leipzig

"Einem Menschen mit Humor / kommt das Leben komisch vor", schrieb einst der verstorbene Dichter Peter Hacks, den nicht wenige in direkter Nachfolge Goethes wähnen. Und vielleicht kann man das, was der Stadion-Discjockey am Dienstagabend durch die Boxen der Leipziger Arena gejagt hat, tatsächlich im humoristischen Bereich verorten - oder in dessen Unterzellen Ironie, Sarkasmus und Realsatire. Denn während in der Republik das Unverständnis dafür, dass da ein Fußballspiel vor mehr als 42 000 Zuschauern stattfand, stark anstieg, legte der DJ eine Viertelstunde vor dem Anpfiff Coldplay auf. Genauer: das Lied "Clocks", in dem in einer Strophe ein fragender Zweifel geäußert wird, der passender zur Gesamtlage nicht sein könnte: "Am I a part of the cure / or am I part of the disease?" Zu Deutsch: "Bin ich Teil der Heilung - oder bin ich Teil der Krankheit?"

Nach dem klaren 3:0-Sieg für RB Leipzig im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League gegen Tottenham Hotspur (Hinspiel: 1:0) waren am Ende des Tages freilich ganz andere Gedanken vorherrschend. Leipzigs Geschäftsführer Oliver Mintzlaff sagte: "Ich freue mich übers Viertelfinale und lege mich heute ins Bett. Und ich denke nicht über Corona nach, sondern ich denke: Yes, wir haben es geschafft!"

Die Leipziger hatten eine Fokussierung auf den Sport an diesem Abend wirklich verdient. "Das war ein großer Moment in der Geschichte unseres Klubs - und auch für mich als Trainer", sagte Julian Nagelsmann, der gelöster wirkte als je zuvor in seiner Leipziger Zeit. Das dürfte auch damit zu tun haben, dass er in Hoffenheim als Coach in der Champions League einst sieglos geblieben war. Nun steht Nagelsmann als jüngster Trainer der Königsklassen-Geschichte in der Runde der letzten Acht, nach zwei triumphalen Siegen gegen die einstige, aber in vielfacher Hinsicht gealterte Koryphäe José Mourinho.

Der Portugiese, seit November Trainer bei Tottenham Hotspur, ließ keinen Zweifel an der Überlegenheit der Leipziger. Die Gastgeber hatten über weite Strecken dieses Achtelfinales brillant agiert. In puncto "Physis, Intensität, Rhythmus, Konter und Zweikämpfe in der Abwehr" sei Leipzig dem Vorjahresfinalisten Tottenham überlegen gewesen, zählte José Mourinho anerkennend auf.

Zu jenem Bereich hingegen, den "Mou" selbst zu verantworten hat, zur taktischen Organisation seiner Mannschaft, sagte der hoch bezahlte "Special One" nichts. Es war schon erstaunlich, wie diktatorisch die Leipziger die Räume beherrschten, vor allem aber, wie schlecht die Leistung Tottenhams gerade in der Defensive war, die traditionell ein Steckenpferd Mourinhos ist.

Weil die Londoner Delegation rasch zum Flughafen musste, war die Fragerunde mit dem düpierten Trainer rasch vorbei. Sie war aber lang genug, damit Mourinho in seine Paraderolle schlüpfen konnte: in die des Populisten. Er belobigte die Fans dafür, in großer Zahl nach Leipzig gekommen zu sein, obwohl es aus London keine Direktflüge gab. Und zur Begründung der Pleite sprach Mourinho seinem eigenen (Rest-)Kader die Qualität ab: Er wolle nicht wieder auf die Verletztensituation verweisen, sagte er, rief dann aber natürlich doch in Erinnerung, dass er derzeit ohne offensive Topspieler wie Harry Kane, Son, Sissoko oder Bergwijn auskommen muss.

Die Journalisten sollten mal "eine Denkübung" durchführen, empfahl Mourinho, und sich "Liverpool ohne Salah, Mané, Henderson und Firmino" oder "Barcelona ohne Griezmann, Messi, Suárez und Piqué" vorstellen. Oder eben "Leipzig ohne Sabitzer, Schick und Werner". Was das heiße? "Glauben Sie, die hätten dann heute auf diese Weise gewonnen, wie sie es taten?", fragte Mourinho in die Runde - und neidete den Leipzigern sogar die Reservebank: "Spieler wie Forsberg oder Poulsen hätten in meinem Team von Beginn an gespielt", sagte Mourinho über die Einwechselspieler von RB. Wobei sich Poulsen nur warm machte - während Forsberg, spät eingewechselt in der 87. Minute, den 3:0-Endstand herstellte. "Ich bin superstolz auf die Mannschaft", sagte der Schwede.

Eingewechselt wurde Forsberg für einen Kollegen, der mit außergewöhnlich lautem Applaus verabschiedet wurde: RB-Kapitän Marcel Sabitzer. Der Österreicher hatte in der 10. und in der 21. Minute früh die ersten beiden Treffer erzielt. Beim ersten war er aus 19 Metern erfolgreich, beim zweiten bugsierte er eine Angelino-Flanke per Kopf ins Tor, jeweils unter Mithilfe des schwachen Tottenham-Torwarts Hugo Lloris. "Das werde ich, glaube ich, nicht mehr vergessen. Es ist ein Abend für die Geschichtsbücher", schwelgte der seit Saisonbeginn herausragende Sabitzer, "mit Schlafen wird's heute schwierig. Ich bin geladen. Das wird mir noch lange durch den Kopf gehen." Sabitzer erzählte auch, dass die Leipziger Spieler zur Feier des Tages auch noch mal gedanklich den großen Bogen in die jüngere Vergangenheit des Klubs gespannt hatten: "In der Dusche haben wir uns daran erinnert, dass wir hier vor vier Jahren noch gegen Sandhausen 0:1 verloren haben. Und jetzt schlagen wir Tottenham mit einem Gesamt-Score von 4:0 ..."

Vereins-Chef Mintzlaff erinnerte auch daran, dass man den Fokus sofort wieder auf die Bundesliga legen müsse. Am Samstag steht die Partie gegen den SC Freiburg an, es dürfte das erste Geisterspiel werden. Mintzlaff verteidigte die Entscheidung, gegen Tottenham noch vor Zehntausenden Fans gespielt zu haben. Er erklärte zwar, dass die Gesundheit auch für RB oberste Priorität habe. Im Grunde aber klang er so, als habe RB mit der "zu diesem Zeitpunkt richtigen Entscheidung" am Dienstag nicht sehr viel zu tun gehabt. "Es ist nicht so, dass wir drängen und sagen: Wir müssen hier mit Fans zu spielen." Andererseits: Die örtliche Gesundheitsbehörde habe "völlig richtig gehandelt - dagegen haben wir uns natürlich auch nicht gewehrt."

© SZ vom 12.03.2020
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