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Zum Tod von Ray Clemence:Liverpools Nummer eins

FILE PHOTO: Ray Clemence - Liverpool

Ray Clemence, legendärer Torwart des FC Liverpool in den 1970ern.

(Foto: Action Images/Reuters)

Ray Clemence war ein grandioser Torwart, in der Nähe des Liverpooler Stadions ist er auf einer überlebensgroßen Wandmalerei verewigt. Im Alter von 72 Jahren ist er nun gestorben.

Nachruf von Javier Cáceres

Was für ein grandioser Torwart Ray Clemence war, kann man am ehesten anhand eines Videos erahnen, das der FC Liverpool am Sonntag verbreitete, kurz nachdem die Nachricht vom Krebstod des früheren Keepers bekannt wurde. Es zeigt, wie Clemence zu Beginn der 80er Jahre mit Tottenham Hotspur an die Anfield Road zurückkehrte, wo er von 1967 bis 1981 zuhause gewesen war.

Clemence lief zu dem Tor, das vor der legendären "The Kop" steht, der Tribüne mit Liverpools treuesten Anhängern. Die Hände gingen zum Applaus in die Höhe, und sie sangen: "England's number one". Viele Jahre später erzählte Clemence, dass ihm jedes Mal, wenn er an jene Sekunden zurückdachte, das gleiche passierte, was ihm damals geschah, und was man auf den Bildern mehr als nur erahnen kann: Es schossen ihm die Tränen in die Augen.

Clemence, der 72 Jahre alt wurde, war 1967 von Bill Shankly bei einem Drittligisten namens Scunthorpe United entdeckt worden - dem selben Klub, dem auch die spätere Liverpool- und HSV-Legende Kevin Keegan angehören sollte. Seinerzeit spielte Clemence kaum mehr als ein paar Jahre als Torwart, doch er entwickelte in Rekordzeit sein grandioses Talent. "Ray hat alles. Er ist schnell, und er will nicht geschlagen werden. Er ist einfach ein guter Torwart", war das Urteil Shanklys, das seit September eine überlebensgroße Wandmalerei in unmittelbarer Nähe des Liverpool-Stadions illustriert, die Clemence im charakteristischen, grünen Torwart-Jersey zeigt.

Zeitweise war Clemence tatsächlich "Englands number one", wenn auch "nur" in 61 Spielen und niemals in einer WM-Partie. England verfehlte die Qualifikation für die Weltmeisterschaften 1974 und 1978, in Spanien 1982 stand ihm sein ewiger Rivale Peter Shilton (125 Länderspiele) im Weg, mit dem er gleichwohl eine Single aufnahm: "Side by Side". Aber in Liverpool, da war er eine unumstrittene Größe - und ein Kontrapunkt zu seinem Vorgänger Tommy Lawrence, der "The flying pig" genannt wurde, weil er fast 90 Kilogramm wog. Denn Clemence war ein durchtrainierter Athlet, der sich in jungen Jahren am Strand verdingte: Während der Ferienmonate baute er in seinem Geburtsort Skegness Klappstühle auf und ab.

Clemence, der erst 1988 mit fast 40 Jahren wegen eines Achillessehnenrisses seine Karriere beendete, machte 330 Spiele für die Spurs (und gewann unter anderem einen Uefa-Cup). Vor allem aber bestritt er 665 Partien für Liverpool, in denen er 314 Mal zu null spielte. In einer seiner fünf Meistersaisons kassierte er in 42 Partien nur 16 Tore.

Unvergessen auch: sein Anteil an zwei Uefa-Cup-Siegen (1973, 1976) und drei Landesmeistertriumphen Liverpools (1977, 1978, 1981). Vor allem aber eine Parade im Finale von Rom 1977 gegen Borussia Mönchengladbach blieb ewig in Erinnerung. Beim Stand von 1:1 warf er, der Meister der Antizipation, sich nahe dem Elfmeterpunkt in einen Schuss des von Allan Simonsen freigespielten Uli Stielike. Das Spiel endete 3:1 für Liverpool. "Wir haben eine echte Legende verloren", sagte Liverpool-Ikone Kenny Dalglish

© SZ vom 17.11.2020/sonn
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