Nachruf auf Raúl Madero:Doktors Beitrag zu Gottes Werk

Lesezeit: 4 min

Nachruf auf Raúl Madero: Blutdruckmessen beim Fußball-Gott: Argentiniens Mannschaftsarzt Raúl Madero untersucht bei der WM 1986 Diego Maradona.

Blutdruckmessen beim Fußball-Gott: Argentiniens Mannschaftsarzt Raúl Madero untersucht bei der WM 1986 Diego Maradona.

(Foto: El Grafico/Getty Images)

Argentinien trauert um den Fußballer und Sportmediziner Raúl Madero. Er starb im Alter von 82 Jahren - und in dem Glauben, dass seine Wünsche vor zwei WM-Endspielen auf wundersame Weise in Erfüllung gingen.

Von Javier Cáceres

Dass Argentinien um den früheren Fußballer Raúl Madero trauert, hat mit dessen Erfolgen zu tun. Aber ebenso mit einer Reihe von legendären Begebenheiten, an denen Madero seinen Anteil hatte - und die belegen, dass er die kultivierteste Figur war in der fürchterlichsten Rabauken-Truppe der 1960er-Jahre. In der Mannschaft von Estudiantes de La Plata.

"Animals", Tiere, nannte sie die englische Presse vor dem Weltpokalfinale von 1968 gegen Manchester United. Als Raúl Madero dies zu Ohren gekommen war, empfing er einen englischen Reporter in einer Hotellobby, in der ein Flügel stand, zum Interview. Madero setzte sich ans Klavier und spielte eine Melodie, die der Reporter als Chopin entziffern konnte - beim zweiten Stück musste er dann schon passen. "Bei Estudiantes gibt es zwei Ärzte im Team, ich bin einer davon. Ich spiele Piano und spreche Ihre Sprache", sagte Madero zum Reporter, "Sie sind weder Arzt, noch sprechen Sie meine Sprache, noch spielen Sie ein Instrument". Und dann formulierte Madero eine rhetorische Frage, tödlich wie ein Pfeil: "Wer ist also das Tier?"

Estudiantes, fast unnötig zu erwähnen, gewann gegen United den Weltpokal.

Ärzte waren bei Estudiantes Teil der Tradition. Die Estudiantes werden in Argentinien pincharratas genannt - in etwa: Rattenpiekser -, weil die Medizinstudenten immer Tierversuche in Uni-Laboren absolvierten. Dass Madero vor allem Doktor werden wollte, hatte mit einem Schicksalsschlag zu tun: Als er 14 war, starb seine Mutter bei der Geburt seines Bruders.

Bei den WM-Titeln hatte Madero tragende Nebenrollen, vor allem 1986

Niemand vermag zu sagen, ob Madero als Fußballer besser war oder als Mediziner. Berühmter wurde er als Arzt, trotz dreier Copa-Libertadores-Titel als Spieler zwischen 1968 und 1970. Denn später wurde Madero unter Nationaltrainer Carlos Salvador Bilardo (dem zweiten Arzt aus der Estudiantes-Elf der 1960er) der Teamarzt jener argentinischen Nationalelf, die 1986 in Mexiko Weltmeister wurde, durch ein 3:2 im Finale gegen Deutschland, und bei der WM 1990 in Italien das Finale verlor, wieder gegen die DFB-Elf.

Madero hatte dabei tragende Nebenrollen, vor allem 1986. Es kam das Gerücht auf, er habe damals auf Geheiß von Bilardo den durch Diego Maradona als Kapitän ersetzten 1978-Weltmeister Daniel Passarella außer Gefecht gesetzt. Diese Unterstellung verfolgte ihn bis in den Tod. Die Behauptung, er habe Passarella etwas untergejubelt, das dem so auf den Magen schlug, dass er zwischenzeitlich sogar ins Krankenhaus musste, kam von Passarella selbst. Madero, der selten Interviews gab, wies 2015 in einem Gespräch mit El Gráfico diese Anschuldigungen kategorisch zurück.

"Passarella rauchte und trank abends Whiskey - und er dachte, die Eiswürfel würden ihm nichts anhaben", erklärte Madero. Wozu man wissen muss, dass das Grundwasser in Mexiko nach dem verheerenden Erdbeben von 1985 als verseucht galt und Argentiniens Spieler bei der WM die Order hatten, sogar fürs Zähneputzen Mineralwasser aus Flaschen zu benutzen. Fakt blieb: Anstelle von Passarella spielte José Luis "Tata" Brown in der Startelf. Und jener Brown wurde gewonnenen Finale nicht nur zum Torschützen, sondern zum Volkshelden, weil er das Spiel mit ausgekugelter Schulter beendete. Der Mannschaftsarzt Madero riss ein kleines Loch in das Trikot von Brown, damit der Verteidiger seinen Daumen einhängen konnte. "Bilardo rief: 'Tata! Du stirbst da drinnen!!!'", berichtete Madero später, "so war Bilardo."

Die vielleicht beste Anekdote rund um jene WM aber war eine andere. Wie man es geschafft habe, dass der mittlerweile verstorbene Maradona 1986 so großartig aufspielen konnte, wurde Madero mal gefragt. Maradona wurde damals ja zu "D10s", zu einem Gott mit der Rückennummer 10 - und Madero sagte: "Das war Diegos eigene Entscheidung."

Die Geschichte dazu geschah an einem Nachmittag bei der WM, als Bilardo dem Team ein paar Stunden Freizeit gegönnt hatte. Madero blieb im Quartier, um seinen Kindern zu schreiben. Später erzählte er: "Ich wusste, dass Diego mit einer mexikanischen Schauspielerin ausgegangen war", doch als er, Madero, allein zu Tisch saß, sei Maradona hereinspaziert, ebenfalls allein. "Warum sind Sie zurückgekehrt, Diego?", habe er gefragt, schilderte Madero die Szene. Darauf Maradona: "Nun, ich könnte jetzt mit einer wundervollen Frau zusammen sein. Aber in solchen Situationen trinkt man ein Bierchen oder Whiskey, und ehrlich gesagt: Was ich will, das ist Weltmeister werden."

Als er diesen Satz von Maradona gehört hatte, so Madero, "da wusste ich: Das war's, dem werden die den Ball nicht mehr abnehmen". Und so war es dann ja auch bei der WM.

"Sie haben uns das Finale geklaut. Wir wussten es schon vorher."

Madero will damals aber auch selbst einen Beitrag zum WM-Sieg geleistet haben: durch ein Gelübde an Gott. Unmittelbar vor der WM war Argentinien für ein Freundschaftsspiel nach Israel gereist. Madero ging, die Schritte zählend, zur Klagemauer und deponierte dort einen Zettel: "Mexico 86, campeón Argentina!" Warum er das 1990 nicht wiederholt habe, wurde er später gefragt. Und er sagte, dass er das sehr wohl getan habe, aber mit einem feinen Unterschied - und deshalb werde man "verstehen, warum ich so sehr an Gott glaube."

Denn auch 1990 reiste die Nationalelf vor der WM nach Israel, Trainer Bilardos Aberglauben machte das zur Pflicht. Und was tat Madero? "Ich habe das gleiche gemacht wie 1986. Ich zählte die Schritte zur Klagemauer, nahm einen Zettel - und dann dachte ich: Es wäre unverschämt, wenn ich nochmals campeón schreibe", behauptete er später. "Also schrieb ich, ich schwöre es bei meiner Seele: Italia 90, subcampeón Argentina. Ich schrieb es - und: tac!"

Tac, das heißt: Argentinien wurde in Rom tatsächlich nur Zweiter, den Pokal stemmte Deutschland in die Höhe. Madero ließ sich allerdings von seiner Frömmigkeit nicht davon abhalten, auch an einen sehr irdischen Beitrag zum deutschen WM-Sieg zu glauben - durch Schiedsrichter Cospedal aus Mexiko, der den von Andi Brehme verwandelten Elfmeter nach einem allenfalls zarten Foul an Rudi Völler gepfiffen hatte.

Auch dazu lieferte Madero eine Geschichte: "Der Präsiden des deutschen Verbandes hatte gesagt: Zwei Finals hintereinander gegen Argentinien verlieren? Auf gar keinen Fall!" Maderos Schlussfolgerung: "Sie haben uns das Finale geklaut. Wir wussten es schon vorher. Diego wusste es auch, deshalb hat er nach dem Finale geweint."

So wie die Fans von Estudiantes de La Plata nun weinten, als Raúl Horacio Madero im Alter von 82 Jahren verstarb.

Zur SZ-Startseite
Der SSC Neapel gewinnt den UEFA-Pokal: Diego Maradona; Diego Maradona für SZ-Sportfilm

SZ-Serie "Die besten Sportfilme", Platz 4
:Gefangen in der Hülle des eigenen Mythos

In "Diego Maradona" ermöglicht Regisseur Asif Kapadia einen beklemmend intimen Einblick in das Leben der gestürzten Ikone. Er kommt Maradona dabei nah - ohne ihn vorzuführen.

Lesen Sie mehr zum Thema