Manchmal gibt es sie doch noch: Entwicklungen, die plötzlich so flott vonstattengehen, wie man es sich nie hätte träumen lassen. Beim Telefonat am Montag hatte Michael Zirlewagen, der Präsident des Deutschen Wellenreitverbands (DWV), auf die Frage, ob dieses Rapid Surfing – dazu gleich mehr – irgendwann mal olympische Disziplin werden könnte, noch gesagt: „Wir sind dran. Eine neue Disziplin weltweit zu etablieren, kann schon mal 15 Jahre dauern. Schritt eins dabei: Zuständigkeit beim DOSB in der Sportartenliste? Check! Schritt zwei: von der European Surfing Federation als europäische Disziplin anerkannt werden. Dann könnten wir Europameisterschaften ausführen. Schritt drei: weiter zur International Surfing Association, dann kann es olympisch werden.“ Zwei Tage später kann Zirlewagen hinter Schritt zwei einen Haken machen: 2026 wird es erstmals eine EM im Rapid Surfing geben.
Was Rapid Surfing ist? Kurz gesagt: Wellenreiten auf einer stehenden Welle wie dem Eisbach in München. Die Welle kann in einem Fluss entstehen oder künstlich erzeugt werden. Seit 2019 veranstaltet der DWV eine Meisterschaft, am Wochenende treten auf der neuen Irie-Welle in Freiburg mehr als 70 Teilnehmer in vier Altersklassen pro Geschlecht bei der sechsten deutschen Meisterschaft an. Zwei Wochen zuvor wurde die DM im fernen Seignosse nahe Biarritz im Wellenreiten ausgetragen, in Freiburg nun die urbane Variante. Seit Wellenreiten olympisch ist und spektakuläre Bilder produzierte, drängt jetzt Rapid Surfing ins Rampenlicht.
Seit den Anfängen in den 70er-Jahren wächst die Community, anfangs noch als „River Surfer“ bezeichnet. Seit etwa 2010 boomt diese Spielart des Wellenreitens, hat eine eigenständige Kultur und entsprechendes Selbstbewusstsein entwickelt. Zu den natürlichen Spots haben sich künstlich erzeugte Rapids gesellt, wie der in Hallbergmoos bei München, auch in laufende Gewässer werden Anlagen installiert, und jede neue Welle zieht neue Surfer an.

„Ein sich selbst verstärkendes System“, sagt Lenny Weinhold, der deutsche Meister von 2024. 24 Jahre alt ist der Münchner, studiert hat er an der Sporthochschule Köln und das Surfen vom Papa gelernt, in Frankreich, wo die Familie eine Weile gelebt hat. Schon mit vier hat er auf dem Brett gestanden, mit sieben ging es zurück nach München, auf der Welle an der Floßlände reichte ihm der Vater einen Stock als Halt hinüber. Dort in Thalkirchen hat er Surfer kennengelernt, mit denen er sich noch heute die Wellen teilt, zum Beispiel Janina Zeitler, zweimalige deutsche Meisterin im Rapid Surfing. Mit 13 wechselt Weinhold auf die E2-Welle im Englischen Garten, die kleine Eisbachwelle also, ehe er mit 14 mit Helm und Weste auf die große Eisbachwelle durfte. Die Herbstferien wurden fortan an Portugals oder Frankreichs Küsten verbracht, aus den Ski-Urlauben wurden Surf-Trips nach Fuerteventura. Mit 15 verbrachte er ein paar Monate an den Stränden Australiens, „und seit ich 17 bin, surfe ich eigentlich sechsmal die Woche“.
Valeska Schneider nennt sich Surfluencerin. Aber das ist nur Mittel zum Zweck, so finanziert sie sich ihren Sport
Gleich den ersten Wettkampf, in Tel Aviv, gewann er, weitere Siege folgten. Und so konnte er sich mit Preisgeldern und ein paar Sponsoren das „unbeschwerte Surfer-Leben leisten, ohne den Eltern auf der Tasche zu liegen – bevor der Ernst des Lebens beginnt“, so sagte er, mit einem normalen Job also. Ob er sich als Profi oder Amateur sieht? Eigentlich egal, wie man das nennt, er brenne einfach für den Sport und ist sicher: „Meine Kinder werden auf jeden Fall mal surfen!“ Big Waves seien aber nichts für ihn. Vor Bilbao habe er mal einen Sechs-Meter-Brecher erwischt: „Mehr muss nicht sein. Da ist man nur noch ein 75-Kilo-Spielball, der zweieinhalb Minuten lang die Luft anhalten können muss.“

Kollegin Valeska Schneider, 33, Gewinnerin der International Rapid Surf League 2023, ist einen anderen Weg gegangen. Erst mit 20 hat sie das Wellenreiten für sich entdeckt, an den Stränden Australiens, wenig später gehörte sie schon zum Nationalteam. Als Surfen olympisch wurde, wurde sie von ihren Konkurrentinnen allerdings „auf die Ersatzbank“ verdrängt, wie sie es nennt. Dennoch hat sie sich nun „ein Leben rund ums Surfen aufgebaut“, eine eigene Marke gegründet, sieht sich als „Teilzeit-Profi und Surfluencerin“. Wettkampfmäßig konzentriert sich die Starnbergerin nun auf Rapid Surfen: „Ich finde es super, dass es eine eigene Disziplin ist, eine mit total viel Potenzial. Es ist ein ganz anderer Vibe als am Meer, weil man viel näher dran ist.“ Olympia-Potenzial? „Auf jeden Fall!“
2026 wird Rapid Surfen Teil des Multisportevents „Die Finals“ in Hannover sein. „Ein großer Schritt für uns“, sagt DWV-Präsident Zirlewagen, „weil Rapid Surfen von uns auch im eigenen Land ausgeführt werden kann“. Und nicht an irgendeinem fernen Ozean.

