bedeckt München 24°

Rallye-Ehepaar Peterhansel:Das letzte Abenteuer

Erfolg im ersten Anlauf: Andrea und Stéphane Peterhansel gewinnen in Abu Dhabi ihr Debüt als Cockpit-Duo.

(Foto: Jakub Fruhauf)

Die Peterhansels haben fast alles erlebt, nun versuchen sie es gemeinsam im Cockpit. Sie lotst, er fährt - zum Beifahrer wäre er wohl nicht locker genug.

Nach ein paar Tagen fand Andrea Peterhansel, dass es Zeit sein könnte, mal das Gaspedal durchzutreten. Vor ihnen erstreckte sich der Sand: eine weiche Ockerlandschaft mit sanften Dünen; weit und breit war kein Gefahrenpunkt zu entdecken, auch im Roadbook war an dieser Stelle nichts Auffälliges vermerkt. Ihre persönliche Renntaktik, so erzählt Andrea Peterhansel, habe meist darin bestanden, "dass ich so schnell gefahren bin, wie es gerade ging". Doch den Gedanken, einen Zacken zuzulegen, behielt sie diesmal wohlweislich für sich, weil sie in Abu Dhabi, in der Wüste, nicht selbst am Steuer saß: Da sagt man besser nichts.

Im Cockpit bei einer Rallye fehlt ohnehin die Zeit zum Reden. Die Kommunikation beschränkt sich auf das Wesentliche, auf kurze, klare, konzentrierte Ansagen, und daran ändert sich auch nichts, wenn der Fahrer und die Beifahrerin im privaten Leben verheiratet sind. Der Mann an ihrer Seite jedenfalls blieb auf diesem Wüstenabschnitt bei seiner merkwürdig verhaltenen Tempofahrt. Eine instinktiv richtige Entscheidung, wie Andrea Peterhansel kurz darauf erkannte, als sie den Kamm einer Düne erreichten, die jäh unter ihnen abbrach. Ein Konkurrenzfahrzeug, das mit mehr Speed angeschossen kam, überschlug sich an so einer Kante.

Auf solche Expeditionen lässt sich Andrea Peterhansel, Abenteurerin, Rallyefahrerin, Reisejournalistin, schon ihr Lebtag ein, aber diese Unternehmung Ende März war selbst nach ihren Maßstäben ungewöhnlich: fünf Tage quer durch Abu Dhabi, 1284 Kilometer in einem Mini John Cooper Works Rally, am Ende mit gut acht Minuten Vorsprung vor allen Vierradantrieb-Rivalen im Ziel. Das Besondere jedoch lag darin, dass sie erstmals bei einer derart hochklassigen Veranstaltung zu ihrem Mann Stéphane Peterhansel, dem 13-maligen Sieger der Rallye Dakar, ins Auto stieg, und dass das deutsch-französische Duo prompt gewann - als erstes Ehepaar bei einem Cross-Country-Rennen des Weltverbandes Fia. "Ich wusste ja vorher, dass Stéphane eine Klasse für sich ist", sagt sie, aber nun erlebte sie aus nächster Nähe, was ihn von anderen unterscheidet: "Er fährt nicht nur Auto. Er spielt mit dem Fahrzeug, der Technik, dem Gelände."

Was die Ehefrau freundlich verschweigt, ist der Umstand, dass sie in jeder Beziehung mithalten kann. Andrea Peterhansel, heute 51, ist die Rallye Dakar, die bedeutendste und längste aller Sand- und Schotterstrapazen, selbst zehn Mal gefahren: sechs Mal auf dem Motorrad, drei Mal im Auto, einmal sogar im Lkw. Bei ihrer besten Platzierung 2004, noch unter dem Namen Andrea Mayer und als Mitsubishi-Werksfahrerin, deren Aufgabe darin bestand, die Kollegen mit Ersatzteilen zu versorgen, rauschte sie als Fünfte durchs Ziel. Und doch, sagt sie, sei diese jüngste Dünenfahrt durch Abu Dhabi ein ungewohnter Feldversuch für sie gewesen, weil sie als Co-Pilotin, als Navigatorin, noch eine Lernende sei.

Denn bis dahin war sie mit ihrem Mann höchstens zu Spritztouren aufgebrochen, im zweiradgetrieben Buggy, "und nur zum Spaß". Dann sagte er ihr eines Tages, eher im Scherz, wenn sie tatsächlich noch einmal eine Rallye gewinnen wolle, müsse sie wohl bei ihm einsteigen. Weil das Peugeot-Team sich aus der Wüste zurückzogen hatte, weil Stéphane Peterhansels gewohnter Beifahrer Jean-Paul Cottret fehlte, ist aus der Idee nun ein Projekt geworden: 2020 wollen die Peterhansels tatsächlich noch einmal gemeinsam bei der Rallye Dakar starten, die dann nach mehreren Jahren, in denen sie über die Pisten Südamerikas führte, voraussichtlich durch Saudi-Arabien brettern wird.

Ihr Wüstenexperiment auf dem "undankbaren Beifahrersitz", wie Andrea Peterhansel sagt, darf nun als gelungen gelten. Denn es habe sie am Anfang "Überwindung gekostet, mich nicht ums Fahren zu kümmern". Stattdessen hatte sie die Geräte im Blick und das Roadbook auf dem Schoß: Die Handhabung der elektronischen Daten, die Reifenfüllanlage, die Motorleistung, die Zuständigkeit für Reparaturen, die Ortung, die Richtungsanweisungen, all das hatte sie früher, als sie selbst die Hand am Lenkrad hatte, nie wirklich interessiert. Sie sagt, sie habe nicht gesehen, "wie viel Arbeit und Verantwortung das ist". Dazu kommen der Papierkram und die Briefings am Abend, das Kartenstudium, die Auswertung von Satellitendaten, das Präparieren des Streckenmaterials, wenn der Fahrer längst auf der Massagebank oder in der Koje liegt. Die Jobbeschreibung des Co-Piloten, sagt Andrea Peterhansel, lasse sich demnach so zusammenfassen: "Dem Fahrer den Rücken freihalten. Der setzt sich ins Auto, gibt Gas und konzentriert seine Kapazitäten auf den reinen Speed - das macht natürlich viel mehr Spaß."

Hinzu kam, dass sie zunächst eine körperliche Unpässlichkeit in den Griff bekommen musste, die sie nicht kannte, solange sie als Fahrerin die Augen auf den Horizont richtete: eine Auto-Übelkeit, durch Probleme im Innenohr bedingt. Auch deshalb war sie zu Jahresbeginn zur Probe schon einmal als Co-Pilotin zur Rallye Dakar aufgebrochen, im ersten reinen Frauenteam mit der Berlinerin Annett Fischer. Ihr Mann, auch das weiß sie jetzt, liebt deutlich mehr Speed.

Dass Monsieur und Madame noch einmal Plätze tauschen, hält Andrea Peterhansel aber für unwahrscheinlich. Stéphane Peterhansel mag eine Klasse für sich am Steuer sein, aber als Beifahrer, sagt sie, fehlt ihm einfach die Lockerheit: "Das funktioniert nur, wenn wir zum Einkaufen fahren."