bedeckt München 23°
vgwortpixel

Rafael Nadal:Sein Haus, sein Garten, sein Pokal

Nadals zwölfter Sieg in Paris wirkt selbstverständlich, doch noch Anfang des Jahres plagten ihn körperliche und mentale Probleme. Gerade rechtzeitig hat er seine Bestform gefunden.

Er hatte schon eine Weile geredet, über dies und das, vieles kam einem bestens vertraut vor. Es sei eine Ehre, den Coupe des Mousquetaires aus den Händen einer Legende entgegengenommen zu haben, "das macht unseren Sport größer", sagte Rafael Nadal über Rod Laver, 80, den famosen früheren australischen Spieler. Er betonte, wie glücklich er sei "über all die Dinge, die mit mir geschehen". Er habe eine "große Leidenschaft" für seinen Beruf, und, ja, er erinnerte sich an die Sorgen des zurückliegenden Jahres, und das klang auch fast wie früher in all den Jahren, in denen er an ähnlichen Sonntagen wieder als Letzter in den Pressekonferenzraum marschieren durfte. Die Ehre des Siegers. "Ich hatte viele gesundheitliche Probleme in meiner ganzen Karriere", sagte Nadal. Und die letzten 18 Monate? "Zu viele."

Es war, als hätte er sich in die Jahre 2018 und 2017 zurückgebeamt. Oder auch in die Jahre 2014, 2013, 2012, 2011, 2010. Ach, wenn man weiter zurückgeht, in die Jahre 2008, 2007, 2006, 2005, dann konnte man festhalten: Da saß Nadal, nun 33 Jahre alt, auch jedes Mal hier vorne. Noch nie hatte ein Tennisspieler zwölf Mal ein und das selbe Grand-Slam-Turnier gewonnen, bei exakt zwölf Finalteilnahmen. Er hängte Margaret Court ab, die elfmal bei den Australian Open erfolgreich war. Und er distanzierte bei der Anzahl erreichter Finals nun auch Roger Federer, der in Wimbledon elfmal im Endspiel stand (bei acht Siegen). "Incroyable", sagte dazu Nadal in seiner sprachlich kauzigen Art auf Französisch, er rollte das R richtig schön.

Allmählich gehen für ihn die Rekorde aus, zumindest in Roland Garros hält er im Grunde alle. Deshalb musste sein nun 18. Grand-Slam-Titel auch in einem weiteren Kontext eingeordnet werden. Federer, 37, sein großer Widersacher und inzwischen Freund, mit dem er seit eineinhalb Dekaden das Welttennis prägt, liegt bei 20 Grand-Slam-Pokalen. Ob er sich nicht das Ziel setze, den Schweizer einholen zu wollen? Da sagte Nadal: "Ich beklage nie viel. Und ich versuche immer, nie darüber nachzudenken. Über so etwas mache ich mir keine Sorgen." Denn er sieht das so, und die Reporter aus vielen Ländern waren jetzt gespannt, ob mal etwas aus der Reihe seines Vokabulars kommen würde. "Du kannst nicht immer frustriert sein", sprach Nadal weiter, "weil der Nachbar ein größeres Haus hat als du." Er grinste erstmals. "Oder einen größeren Fernseher oder einen größeren Garten. Das ist nicht die Weise, wie ich das Leben betrachte. Ich versuche es eben nur auf meine Art zu machen."

Ja, das waren neue, gute Erklärungen, und sie werden auch in Verbindung stehen mit seinem 6:3, 5:7, 6:1, 6:1-Finalsieg am Sonntag gegen den tapferen Österreicher Dominic Thiem, der seinen Hängepartie-Halbfinalerfolg gegen Novak Djokovic erst tags zuvor verwirklichen konnte und dem am Ende die Explosivität fehlte; zudem glänzte Nadal mit messerscharfen Volleys und punktete bei 27 Angriffen 23 Mal. Aber sollte man ihm auch Glauben schenken? Das ist eine andere Frage. Denn er ist in Paris zum Beispiel ja weiterhin nicht bereit, seinen Ranglisten-Nachbarn einen größeren Pokal zu überlassen. Viele mussten im Hauptstadion, dem Court Philippe Chatrier, lachen, als Nadal zu Thiem bei der Zeremonie meinte: "Mach dir keine Sorgen, du wirst hier auch noch Titel gewinnen." Vielleicht. Aber höchstwahrscheinlich eben nicht, solange Spanier aufschlägt am Bois de Boulogne.

Immerhin: In zehn Jahren, sagte Nadal, werde er nicht mehr da sein, was natürlich auch heißt, dass er nicht so schnell seinen Rückzug angehen wird. Was wiederum zu Thiem und der Frage überleitete, wie man sich fühlt, bei der Perspektive. Nein, nein, versicherte Thiem, er wolle auf keinen Fall, dass Nadal Platz mache - für andere Gedanken wäre der 25-Jährige auch viel zu nett. Aber er würde schon mal gerne in Paris obsiegen, notfalls auch ohne dabei auf Nadal zu treffen, sollte dieser ihm mal aus welchen mysteriösen Gründen auch immer nicht im Tableau begegnen. "Das wäre mir total wurscht", betonte Thiem. Eine gewisse Verzweiflung in seinem Ton konnte er nicht unterdrücken.

Nadal will sich schonen. Bis Wimbledon werde er kein Turnier mehr spielen

Man muss die Tennisgemeinde verstehen. Einerseits huldigt sie unumschränkt diesem wie immer als "Sandplatzkönig" gefeierten Topspinkünstler. Andererseits war es zumindest erstaunlich, mit welcher Inbrunst die Mehrheit der 15 000 Zuschauer Thiem jedes Mal, wenn sich eine Mini-Chance auftat, mit "Dominic, Dominic"-Chören antrieben. Es musste ja nicht gleich ein anderer Sieger sein, aber wenigstens etwas mehr Spannung wünschten sich viele, was diesmal auch eintrat, wenn auch nur zwei hochklassige Sätze lang. 2018 waren sich die besten Sandplatzspieler der Gegenwart bereits im Endspiel gegenübergestanden, 6:4, 6:3, 6:2 fieselte Nadal Thiem ab. 2019 war es bis zum 4:3 im ersten Satz eines der besten Finalmatches seit Jahren, und als Nadal im zweiten Satz einen Hauch weniger bissig agierte und den Satz abgeben musste, keimte Hoffnung auf ein ausgeglicheneres Duell auf.

Dann machte Nadal, ab Beginn von Satz drei, elf Punkte in Serie und 16 von 17 Punkten. Reizt man den Linkshänder, folgt die Strafe. Nadal ist dann sehr humorlos.

Sein Triumph ist aber keineswegs, auch wenn es so wirkt, völlig selbstverständlich, denn zu den körperlichen Beschwerden, das offenbarte Nadal, seien in den ersten Monaten 2019 auch mentale Tiefs dazugekommen. Zum Beispiel in Indian Wells im März sei er "down" gewesen. Sein Trainer Carlos Moya verriet der britischen Presse, eine Alternative wäre gewesen, einmal eine längere Pause einzulegen. Doch Paris ist Nadal zu wichtig, als dass er es nicht doch versuchen würde, Kopf und Körper hinzubiegen für diese zwei Turnierwochen, für den Höhepunkt der Sandplatzsaison. So wie er es nun darstellte, war es eine Punktladung auf den letzten Drücker. Noch vor Wochen in Barcelona, so urteilte Nadal über sich, sei er weit weg von der Bestform gewesen.

Er werde nun kein Turnier mehr bis Wimbledon spielen, sagte er, die Art der Vorbereitung habe sich für ihn bewährt. Er wolle sich die Chance auf Grand-Slam-Titel Nummer 19 erhalten, indem er fit sei und sich schone. Wie er die Rivalität zu Federer sehe und dessen 20 Titel, wurde er im spanischen Teil der Pressekonferenz dann noch einmal gefragt. Sie wollten auch nicht locker lassen bei dem Thema. Da sagte Nadal: "Gut, das ist eine Motivation, aber keine Obsession." Ein bisschen hat sich das bereits relativiert. Und vielleicht war sein zwölfter Sieg in Paris ja doch der Beginn eines Wettkampfes zwischen ihm und Federer, wer die meisten Grand-Slam-Erfolge einstreicht.