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Radsport-WM:Die Familie genießt die Idylle

Winokurow & Co. sind auch schon da: Am Ende der Saison begegnet der Radsport bei der Straßen-WM im Tessin seiner dubiosen Vergangenheit.

Der Vizepräsident trägt Badelatschen, Jogginghose und ein Polohemd, das etwas kleingeraten zu sein scheint angesichts seines repräsentativen Oberkörpers. Aber Nikolaj Proskurin, 55, schert sich wohl sowieso nicht um unwichtige Dinge. Wenn einer seiner Helfer die gewichtigen Worte des Mannes vom kasachischen Radsportverband übersetzt, steht dieser mit dem Rücken zum fremden Gast, kaut auf einem Kirschstengel und blickt gelangweilt auf den schönen See von Comabbio, den der milde Morgendunst bedeckt. "Wir haben keine Probleme, es ist alles klar für 2010 und vertraglich sicher", brummt Herr Proskurin und meint damit die offiziell noch ungeklärte Zukunft des kasachischen Profirennstalls Astana. "Probleme haben nur die Mannschaften, die hinten in der Weltrangliste stehen - wir sind Erster!"

Alexander Winokurow ist nach Ablauf seiner Sperre auch wieder Teil der Radsport-Familie.

(Foto: Foto: Getty)

Der Vizepräsident sei übrigens "Businessmann", erklärt sein freundlicher Übersetzer noch. In welcher Branche denn? "Ach, einfach nur Businessmann."

So eine Straßenrad-Weltmeisterschaft ist jedes Mal eine Art Familientreffen des Pelotons, und Herr Proskurin gehört ganz bestimmt dazu. Er ist schließlich Chef der Firma Olympus Sarl, welche die Pro-Tour-Lizenz des Teams Astana hält, über die momentan aus diversen Gründen diskutiert wird. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Wichtig ist, dass Astana, eine der Skandalgruppen des Feldes, natürlich weiterhin zur Familie gehört, die in Mendrisio wieder eng zusammengerückt ist. Im Tessiner Veranstaltungsort der WM stehen in diesen Tagen die bunten Fahrzeuge der Profiteams einträchtig nebeneinander, sie dienen den jeweiligen Nationalteams als Umkleide. Und so entsteigen dem Astana-Bus, in dem sich während der Tour de France noch die Teamrivalen Lance Armstrong und Alberto Contador, der spätere Gewinner, anschwiegen, bei der WM zwei ganz besondere Teilnehmer am Familientreffen in der italienischen Schweiz: Alexander Winokurow und Andrej Kascheschkin.

Viel wird derzeit wieder über den spanischen Vuelta-Sieger Alejandro Valverde diskutiert, der wegen seiner erwiesenen Kollaboration mit dem Madrider Blutdoktor Eufemiano Fuentes in Italien für zwei Jahre gesperrt ist. Deswegen haben die Spanier auch kurzfristig noch ihr Hotel gewechselt, sie zogen von Como, Italien, über die Grenze nach Lugano, in die Schweiz. Dort, in Mendrisio, darf Valverde natürlich starten, denn der Weltverband, die UCI, verzichtet bis zur Klärung der Sache vor dem Internationalen Sportgerichtshof im November auf eine weltweit gültige Suspendierung - die gemäß des UCI-Regelwerkes möglich wäre.

Und so feiert die Radsportfamilie in Mendrisio samt ihrer vielen schwarzen Schafe den Saisonkehraus. Auch Kascheschkin und Winokurow, die beiden Astana-Blutdoper des Affärensommers 2007, sind mit großem Hallo empfangen worden beim Zeitfahren am Donnerstag, nicht nur vom kasachischen Fanklub, der den Astana-Bus belagert. Sie tragen dort alle einheitliche T-Shirts. Es sind T-Shirts in Gelb, der Farbe der Tour, und auf der Rückseite steht: "Vino is back."

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