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Radsport:Wiedersehen mit Freunden

Radprofi Politt wechselt zu Bora-hansgrohe

Ab nächstem Jahr bei Bora: Radprofi Nils Politt.

(Foto: Clara Margais/dpa)

Bora-hansgrohe engagiert in Nils Politt den nächsten deutschen Fahrer. Die einst beschauliche Equipe aus Raubling ist längst Deutschlands Nummer eins. Aber das ist dem Team nicht genug.

Bora-hansgrohe als inoffizielles Nationalteam in Schwarz-Mint? Davon will der Teamchef Ralph Denk auch nach der Verpflichtung von Nils Politt als nächstem nationalen Topfahrer nichts wissen. "Unser Ziel ist nicht, eine deutsche Nationalmannschaft zu werden, sondern wir möchten die World-Tour gewinnen", stellt Denk klar. Was er nicht abstreiten kann: Die ehemals beschauliche Equipe aus der bayerischen Stadt Raubling ist längst unumstritten Deutschlands größte Radsport-Macht.

Ob Rundfahr-Star Emanuel Buchmann, mit dem sich Denk ab Ende August den Traum vom Podium bei der Tour de France erfüllen will, oder Paris-Nizza-Sieger Maximilian Schachmann, den Bora in der vorigen Woche bis 2024 an sich band. Ob Topsprinter Pascal Ackermann oder Supertalent Lennard Kämna und von 2021 an eben Politt: Nahezu alles, was im deutschen Radsport die Prädikate jung und Weltklasse vereint, ist unter dem Bora-Dach vereint.

"Es ist ein bisschen wie das Wiedersehen mit Freunden aus den Anfangstagen", sagt der aktuell noch bei Israel Start-Up Nation aktive Politt: "Ich kenne viele der Jungs schon seit Jahren und freue mich darauf, mit ihnen gemeinsam Rennen zu fahren." Politt weiß, was dieser familiäre Aspekt ausmacht. Er fuhr bis zum Vorjahr für das heillos zerstrittene Team Katusha-Alpecin, in dem Marcel Kittel letztlich entnervt seine Karriere beendete. "Die letzten Jahre war ich eher Einzelkämpfer", sagt Politt, der Paris-Roubaix-Zweite von 2019.

Die von Denk quasi aus dem Nichts zu einem Weltklasse-Team aufgebaute Equipe erinnert zwar in ihrer Bedeutung für den deutschen Profiradsport zunehmend an das Team Telekom der Jahrtausendwende. Bora verfolgt aber einen anderen Ansatz: Alles soll sauber und transparent sein. Bora gehört zur Bewegung für glaubwürdigen Radsport (MPCC), deren Mitglieder sich schärfere Regularien auferlegen als vorgesehen. "Ich verstehe, dass man das Regelwerk ausreizt, aber ich habe mich bewusst zur MPCC bekannt", sagt Denk.

Gestartet war sein Team 2010 in der dritten Liga unter dem Namen NetApp, aus dieser Zeit sind in Andreas Schillinger und Michael Schwarzmann noch zwei deutsche Fahrer dabei. Schon damals lautete das Ziel, irgendwann die "weltweite Nummer eins im Radsport" zu sein. 2015 stieg der Kochfeld-Hersteller Bora ein, 2017 der Bad-Multi Hansgrohe, dann kam der World-Tour-Startplatz und in Peter Sagan eine Branchengröße. Der exzentrische Slowake fügt sich aber ohne Allüren ins Team ein.

In Coronazeiten profitiert Denk davon, dass seine Geldgeber aus recht krisensicheren Branchen stammen: "Wir sind gut aufgestellt mit unseren Sponsoren." Doch auch wenn diese mindestens bis Ende 2021 bleiben, wartet auf den Teamchef viel Arbeit: "Die gräuliche Wolke" in der Krise sehe er "für die Anschlussverträge - die werden schwerer zu generieren sein".

© SZ vom 05.08.2020 / SID

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