Radsport:Wie Aliens vor dem Barockportal

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Radsport: Abschied auf Raten: Lisa Brennauer, Expertin für schnelle Rennen.

Abschied auf Raten: Lisa Brennauer, Expertin für schnelle Rennen.

(Foto: Adam Pretty/Getty)

Das Zeitfahren der European Championships führt rund um Fürstenfeldbruck. Lisa Brennauer wird bei ihrem letzten Auftritt in dieser Disziplin Zwölfte.

Von Barbara Klimke, Fürstenfeldbruck

Noch einmal durch die Wiesen fliegen. Den Fahrtwind spüren, während die Geschwindigkeit bis zu 48 km/h erreicht; eine freie Piste, jeder Ast, jedes Blatt von der Stecke gefegt. Nur die Zuschauer am Rande, ansonsten allein mit der Natur und der Uhr. Als Drittletzte stieg Lisa Brennauer in die Pedale - als sie wieder abstieg, war sie Zwölfte geworden. Und sie stellte trotz der leichten Enttäuschung dankbar fest: "Die Leute haben mich über den Kurs getragen." Von überall her habe sie "Lisa, Lisa"-Rufe gehört.

Es war das finale Zeitfahren ihrer Radrennsportkarriere. Am kommenden Sonntag wird sie sich letztmals beim Straßenrennen in den Sattel schwingen, aber für den Abschied auf Raten hat Fürstenfeldbruck der Olympiasiegerin, Weltmeisterin und Europameisterin am Mittwoch einen pittoresken Rahmen gestellt. Ein unbeabsichtigter Glücksfall für Brennauer, 34, denn die Szenerie der European Championships war selbstverständlich lange ausgewählt, bevor die vielseitige Radathletin vor ein paar Wochen ihre Rücktrittsentscheidung traf.

Die 24-Kilometer-Strecke dieses Zeitfahrens war kurz, selbst für das Frauen-Rennen mit 29 Teilnehmerinnen am Nachmittag. Und trotzdem spürte Brennauer, dass ihr nach den Anstrengungen der vergangenen Tage die Energie ausgegangen war. "Ich hatte heute keine Beine für die Medaille", sagte sie. Der Rundkurs mit einer Steigung zu Beginn führte durch die Dörfer, über Alling, Landsberied und Jesenwang, mit Start und Ziel am ehemaligen Zisterzienserkloster Fürstenfeldbruck, das zu einem weitläufigen, bestens ausgestatteten Kultur- und Veranstaltungsort geworden ist. Kaiser Ludwig der Bayer, so ließ sich einer Broschüre des Pfarrverbands entnehmen, starb 1347 in der Nähe auf der Bärenjagd. Und auch wenn nicht die geringsten Verbindungen zwischen den mittelalterlichen Wittelsbachern und den modernen Privatunternehmern zu konstruieren sind, die heutzutage die European Championships organisieren, lässt sich behaupten: Zur Jagd taugt die Gegend immer noch, wenn auch auf Rädern. Und gegen die Uhr.

So boten sich den Zuschauer interessante Perspektiven: Futuristische Rennmaschinen vor dem mächtigen salbei- und lachsfarbenen Barockportal der restaurierten Klosterkirche Mariä Himmelfahrt. Behelmte Gestalten, die wie die Aliens bei der Zwischenzeitnahme an der Kapelle St. Willibald vorbeisausten.

Als Lisa Brennauer (32:57,73 Minuten) auf den Kurs ging, ahnte sie bald, dass sie chancenlos war. Ungefähr nach der Hälfte des Rennens flog die spätere Siegerin, die nach ihr gestartete Titelverteidigerin Marlen Reusser (30:59,90) aus der Schweiz, durch die Wiesen an ihr vorbei. Silber und Bronze gingen an die Niederlande, an Ellen van Dijk und Riejanne Markus. Lisa Klein aus Saarbrücken, 26, die am Wochenende noch mit Brennauer im Bahn-Vierer im Münchner Holzoval zum EM-Titel gekreiselt war, erreichte auf Rang 23 das Ziel.

Unglücklich ging das Zeitfahren der Männer am frühen Abend auf derselben Strecke für Maximilian Walscheid, 29, aus. Er stürzte in einer Kurve, "übermotiviert" und wohl zu schnell, wie er später analysierte, rutschte über den Asphalt und zog sich Schürfwunden und Prellungen zu. Trotzdem stieg er wieder aufs Rad und beendete das Rennen mit mehr als zwei Minuten Rückstand auf den Schweizer Sieger Stefan Bissegger (27:05.96) auf Platz 25. Schneller war Miguel Heidemann auf Rang 16, und auch er schwärmte vom Publikum: "Ich habe die ganze Zeit meinen Namen gehört."

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