Süddeutsche Zeitung

Radsport:Bora-Hansgrohe schaut Richtung Klassement und Kletterpfad

Lesezeit: 3 min

Auch wenn seine Fahrer bei der Spanien-Rundfahrt mit bescheidenen Zielen antreten: Der deutsche Rennstall treibt seine Pläne voran, bei den großen Landesrundfahrten künftig ganz oben zu stehen.

Von Johannes Knuth

Der Radprofi Maximilian Schachmann ist mit seinen 27 Jahren und seinen erworbenen Meriten längst kein Grünling mehr in der Szene; bei der Vuelta a Espana, die am Samstag anbricht, ist aber auch er wieder ein Lernender. Schachmann macht zum ersten Mal bei der drittgrößten Landesrundfahrt der Branche mit, und die Erfahrungsberichte der Kollegen rezitiert er mit einem süßsauren Lächeln: "Ich höre immer: Es ist heiß und hart."

Das Streckenprofil schmeckt ihm ja eigentlich, Schachmann mag das Zeitfahren und die Berge, und beides steht diesmal schon früh an, ein Einzelzeitfahren in Burgos zum Auftakt, am dritten Tag eine Ankunft auf dem 1500 Meter hohen Picon Blanco. Aber geschenkt: Er werde wohl von Tag zu Tag schauen, sagte Schachmann in einer Medienrunde am Donnerstag, seine olympische Exkursion, Platz zehn im knüppelharten Straßenrennen, stecke ihm noch in den Knochen: "Ich hatte gehofft, dass ich mich ein bisschen besser erhole", sagte er. Ansonsten wünsche er sich für die Vuelta vor allem eines: "Dass unsere Betreuer viele Eisbeutel einpacken."

Bei der diesjährigen Schleife durch Spanien sind noch andere im Fokus, der Titelverteidiger Primoz Roglic aus Slowenien etwa, auch Egan Bernal und Richard Carapaz, der Giro-Triumphator und der Olympiasieger aus der Ineos-Equipe. Wenn es nach Schachmanns Arbeitgeber geht, der in Raubling beheimateten Bora-Hansgrohe-Equipe, soll sich das allerdings in nicht allzu ferner Zukunft ändern.

Das Ziel ist nicht brandneu, Teamchef Ralph Denk hat es schon oft vorgetragen: einmal eine große Landesrundfahrt gewinnen, am liebsten natürlich die Tour de France, der Hauptpreis. Dafür lässt Denk seit einer Weile viele Ressourcen fließen, in Talentspäher, Datenbanken, Performance-Abteilungen. Neu ist dabei das Personal, denn Denks Team, in dem sich zuletzt doch einige Fronten verhärtet hatten, steckt in einem selbsternannten "Umbruch". Peter Sagan, den dreimaligen Weltmeister aus der Slowakei, zieht es im kommenden Jahr zum französischen Zweitdivisionär Total Energie. Und Pascal Ackermann, bei Bora zu einem der weltbesten Sprinter gereift, war zuletzt schwer verstimmt, dass er für die Tour verschmäht wurde; er fährt künftig für die UAE-Equipe des Tour-Siegers Tadej Pogacar. Zwar kehrt im Iren Sam Bennett einer der besten Sprinter zurück nach Raubling, und mit ihm einige treue Anfahrer. Ansonsten drängt das Team aber immer mehr Richtung Klassement und Kletterpfad.

Die Blaupause dahinter hat der Teamchef einmal so beschrieben: "Wir wollen eher Rennfahrer, die quasi lasch trainiert haben, sich noch nicht optimal ernährt haben und trotzdem weit gekommen sind." Die könne man in der hauseigenen Schmiede dann nach Gusto formen. Wie den Australier Jai Hindley, 25, der den Giro d'Italia im Vorjahr als Zweiter beendete und vom Team DSM kommt, der zweiten deutschen Auswahl in der World Tour. Oder Alexander Wlasow, ein 25-jähriger Russe, der zuletzt bei Astana überzeugte, am Berg und im Zeitfahren. Neu an Bord sind auch Sergio Higuita, 24, ein bergversierter Kolumbianer, und der Österreicher Marco Haller, 30, ein vielseitiger Adjutant für die Rundfahrten. Und dann ist da noch der Belgier Cian Uijtdebroeks, ein Diamant, den Bora im Vorjahr schon in seinem Nachwuchsteam ausgestellt hatte. In seiner Heimat rufen sie dem 18-Jährigen ähnliche Klassement-Qualitäten wie Remco Evenepoel hinterher, wobei Evenepoels prophezeiter Aufstieg, so schnell kann es gehen, nach einem schweren Sturz gerade doch etwas stottert.

Sagans Wechsel, das sei wie "Lionel Messi beim 1. FC Nürnberg" gewesen

Zieht man die Stammkräfte Emmanuel Buchmann und Wilco Keldermann hinzu, die bei der Tour schon Vierter und Fünfter waren, ergibt sich daraus nicht gerade eine Unterbesetzung. Die vergangenen Jahre, sagt Denk, hätten aber gezeigt, dass man Fahrer beschäftigen müsse, die viele Rollen bekleiden, um die Rennen bestimmen zu können. Da wird es auch spannend zu sehen sein, wie Maximilian Schachmann künftig in diesem Ensemble auftritt. Kaum ein deutscher Profi führt so viele Fähigkeiten im Repertoire: die mittelharten Etappenrennen wie Paris - Nizza, das er schon zweimal gewann, die Eintagesklassiker, auch Etappen bei Landesrundfahrten. Nicht wenige in der Szene trauen ihm zu, auch bei einer großen Landesrundfahrt als seriöser Mitbewerber im Klassement anzutreten, wobei Schachmann dafür das eine oder andere Klassiker-Projekt abschreiben müsste. Aber das, sagte er am Donnerstag, wolle er in Ruhe mit seinem Team besprechen.

Peter Sagan, der auch immer viele Rollen auf sich vereinte, sah in diesem Lichte offenkundig keine Zukunft mehr. Denk verabschiedet sein Aushängeschild allerdings mit großer Dankbarkeit, und das war ja wirklich bemerkenswert: dass sich ein Weltmeister vor vier Jahren einer Auswahl anschloss, die gerade in die erste Radsport-Liga aufstieg. "Das war so, als würde Lionel Messi zum 1. FC Nürnberg wechseln", erinnerte sich Denk unlängst im Gespräch. Es brachte viel Trubel, aber damals gab es auch "viele jungfräuliche Strukturen bei uns, die er mitgestalten konnte", was Training oder Strategien im Rennen betraf. "Das war nie von oben herab", sagte Denk, "Peter hat einen großen Teil dazu beigetragen, dass das Team heute das ist, was es ist." Vielleicht ja auch dazu, was es bald mal sein wird.

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