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Tour de France:Die Radsport-Welt sehnt sich nach Abwechslung

In die Favoritenrolle geklettert: der Kolumbianer Egan Bernal (links).

(Foto: Gian Ehrenzeller/AP)
  • Nach der jahrelangen Dominanz des Teams Sky hofft das Peloton bei der Tour de France vor dem Start am Samstag auf ein offeneres Rennen.
  • Tatsächlich kommt das Streckenprofil auch den Kapitänen anderer Teams entgegen.
  • Die Franzosen bringen sich in Stellung, auch der Deutsche Emanuel Buchmann könnte vorne mitmischen.

Vergleichsweise gemütlich wirkt es, als Jakob Fuglsang am Donnerstag im Auditorium 500 des Brüsseler Expo-Geländes auf einem Podium sitzt. Die meisten Radprofis bemühen sich in ihren Trikots zu diesen obligatorischen Erzählrunden vor dem Start der Tour de France, aber der Däne trägt lieber einen kuscheligen grauen Kapuzenpullover statt des himmelblauen Rennshirts seiner schlecht beleumundeten Astana-Equipe. Wobei: Vieles von dem, was Fuglsang dann sagt, kommt gar nicht mehr so gemütlich daher, sondern durchaus ehrgeizig und ambitioniert.

"Mein Ziel ist das Podium, aber mein Traum ist es, das Rennen zu gewinnen", sagt er. Fuglsang ist 34, bei der Tour war bisher für ihn nicht viel zu holen, doch in dieser Saison wirkt er besonders stark. Zuletzt gewann er die Dauphiné, die traditionelle Generalprobe der Tour. Und jetzt ist er einer von diversen Pedaleuren, die inständig hoffen, dass die Tour bei ihrer 106. Auflage etwas offener und abwechslungsreicher verläuft als in den vergangenen Jahren - mit dieser elend langweiligen Dominanz des Teams Sky, das nach einem Sponsorenwechsel erstmals unter dem Namen Ineos antritt.

Seit sieben Jahren währt diese Phase nun schon, unterbrochen nur ein einziges Mal vom Italiener Vincenzo Nibali im Jahr 2014. Spannender als das Renngeschehen war da nur die Frage, welcher fragwürdige Vorgang rund um die Sky-Mannschaft auftauchen würde, von einem positiven Salbutamol-Test ihres Vorzeigefahrers Christopher Froome bis hin zu einer mysteriösen Medikamentenlieferung. Aber in diesem Jahr ist die Lage deutlich unklarer.

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Zwar stellen die Briten nicht zuletzt dank ihres pompösen Etats von mehr als 30 Millionen Euro wieder das wohl stärkste Team. Doch der viermalige Tour-Gewinner Christopher Froome, der so gerne mit einem fünften Triumph zu Eddy Merckx und den anderen Rekordhaltern aufschließen wollte, fällt nach seinem schweren Sturz bei der Dauphiné verletzt aus. Geraint Thomas, 33, zeigte nach seinem überraschenden Vorjahressieg auf der Frankreich-Schleife in der aktuellen Saison noch nicht viel und stürzte zuletzt bei der Tour de Suisse. Und der Kolumbianer Egan Bernal, der eigentlich behutsam aufgebaut werden sollte und nun schon in diesem Jahr das Gesamtklassement in Angriff nehmen soll, gilt zwar als größtes Talent seiner Generation und verblüffend starker Kletterer, er ist aber auch lediglich 22 Jahre alt.

Einen echten Kapitän gebe es nicht, man wolle zwei Fahrer "auf Augenhöhe", sagte Teamchef Dave Brailsford kurz vor dem Start über Thomas und Bernal: "Sie sind beide in ausgezeichneter Form. Sie vertrauen sich gegenseitig und wir sind der Meinung, dass dies der beste Ansatz fürs Team ist, weil er uns maximale Flexibilität und größere Erfolgschancen bietet."

Nun müssen die Ineos-Anführer Thomas und Bernal also wieder als die größten Favoriten gelten. Und der Astana-Fahrer Fuglsang etwa ist der Meinung, dass das Rennen vielleicht gar nicht so offen laufe wie viele denken, falls Thomas seine Vorjahresform erreiche. Aber dennoch dürfen die Leader der anderen Teams etwas zuversichtlicher sein als sonst.

Das gilt allen voran für die Franzosen Romain Bardet (28, Ag2r) und Thibaut Pinot (29, FDJ), denen das französische Sport-Leitmedium L'Équipe kurz vor dem Start schon mal die Aufforderung "Jetzt oder nie" mit auf den Weg gab - im 34. Jahr nach dem bislang letzten Triumph eines Franzosen bei der Tour durch den großen Bernard Hinault. Aber auch der Kolumbianer Nairo Quintana (Team Movistar) darf sich nach zuletzt eher schwachen Tour-Jahren Hoffnungen machen, ebenso die britischen Zwillinge Adam und Simon Yates (26, Mitchelton-Scott), der Italiener Vincenzo Nibali (34, Bahrain-Merida) und eben Jakob Fuglsang. Allein der Vorjahres-Zweite Tom Dumoulin wird die Lage sicher nicht nutzen können, er fällt wegen einer Verletzung aus. Aber der Kurs hätte dem groß gewachsenen Niederländer ohnehin nicht wirklich behagt.

Emmanuel Buchmann gilt als die deutsche Hoffnung

Denn es ist eine ziemliche Kraxelei, die sich die Tour-Verantwortlichen dieses Mal für ihre 21 Etappen und insgesamt 3480 Kilometer ausgedacht haben. Zeitfahr-Kilometer gibt es nur wenige (27,5 mit der Mannschaft gleich am Sonntag in Brüssel und später noch einmal 27 alleine in der Nähe von Pau), dafür warten viele schwere Anstiege, insbesondere in der letzten Woche in den Alpen. Gleich sieben Bergetappen gehören zum Programm mit fünf Bergankünften und dem Iseran-Pass auf 2770 Meter Höhe als höchstem Punkt der diesjährigen Grande Boucle.

Dabei geht es auch um die Frage, ob nach langer Zeit mal wieder ein deutscher Fahrer im Kampf um die Top-Plätze eine maßgebliche Rolle spielen kann. Emanuel Buchmann, 26 Jahre alt und gebürtig aus Ravensburg, führt das oberbayerische Team Bora erstmals als Kapitän in die Tour de France. Einen Top-Ten-Rang anzustreben, lautet die offizielle Sprachregelung, "und das ist absolut realistisch", meint Buchmann selbst. Mancher Fahrer im Peloton traut ihm sogar noch bessere Platzierungen zu.

Buchmann galt freilich schon öfter vor einer Drei-Wochen-Rundfahrt als Kandidat für eine vordere Platzierung und schaffte es bisher nicht, die Prognosen dann auch zu bestätigen. Es ist die Frage, ob der sehr ruhig auftretende Kletterer mittlerweile auch in der Lage ist, als Kapitän einer Mannschaft zu agieren. Daran hätten sie gearbeitet, heißt es bei seinem Team. Und so gut in Form wie vor dieser Tour war Buchmann tatsächlich noch selten, wie zuletzt etwa der dritte Rang bei der Dauphiné zeigte.

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