Bei einer vergangenen Frankreich-Rundfahrt haben die Kameras ein ungewöhnliches Bild am Straßenrand eingefangen. Wobei: Das Bild als solches war nicht ungewöhnlich. Es zeigte einen rund 50 Jahre alten Mann, der am Straßenrand ein paar Getränkeflaschen bereithielt, um sie den vorbeikommenden Fahrern in die Hand zu drücken. Ungewöhnlicher war schon, wer dieser Mann war. Es handelte sich nicht um einen freischaffenden Soigneur. Sondern um Ralph Denk, den Chef der Mannschaft, die heute unter dem Namen Red-Bull-Bora-Hansgrohe firmiert.
Im Radsport ist die Aufgabenverteilung zwar ein bisschen anders als im Fußball. Aber ein Teamchef, der am Straßenrand die Flaschen reicht? Das wirkte in etwa so, als würde Uli Hoeneß vor dem Training des FC Bayern die Bälle aufpumpen.
Ralph Denk präsentiert sich gerne als Macher. Als einer, der schon seinem Lehrer in der Hauptschule erzählte, er wolle später mehr Geld verdienen als er (nachzulesen in seiner Biografie „Nur alles zählt“); der eher wenig hält von Work-Life-Balance, dafür von maximaler Hingabe; der oft wirkt, als wäre er gerne der Uli Hoeneß des Radsports – und der das mit gewissem Recht tut. Vor knapp 15 Jahren hat er sich in den Kopf gesetzt, einen erfolgreichen Radrennstall aufzubauen, das ist ihm gelungen. Im Vorjahr ist obendrein Red Bull ein- und das Team zu einem der finanzkräftigsten des Pelotons aufgestiegen.
Aber zur Geschichte von Ralph Denk, dem Macher, gehört auch, dass es beim Team Red Bull auffallend oft rummst.

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An einem Vormittag der dritten Tour-Woche steht Denk, 51, in Montpellier im Startbereich der Etappe und wirkt zufrieden. Nach einer katastrophalen Tour im Vorjahr läuft es diesmal gut, dank Primoz Roglic und des Deutschen Florian Lipowitz, 24, der sich bei dieser Rundfahrt so sehr ins Rampenlicht gefahren hat – ganz egal, wie sie endet und ob er den knappen 22-Sekunden-Vorsprung im Kampf ums Podium bis Paris verteidigt.
In diesem Startbereich kann Denk aber nicht nur seine aktuellen Fahrer treffen. Sondern auch viele frühere Mitarbeiter, mit denen es nicht gerade im Guten auseinandergegangen ist.
Da ist zum Beispiel der Rundfahrer Emanuel Buchmann, der jetzt für Cofidis fährt. 2019 hat er für Red Bull (damals: Bora-Hansgrohe) Rang vier bei der Tour erobert, das bisher beste Resultat des Rennstalls beim Jahreshöhepunkt, später Platz sieben beim Giro d'Italia eingefahren. Im Vorjahr ging er davon aus, erneut als Co-Kapitän den Giro zu bestreiten, dann wurde er nicht mal nominiert. Denk sah darin einen „Auffassungsfehler“ des Fahrers. Buchmann selbst findet, er sei da „relativ verarscht worden“.
Da ist auch der Allrounder Maximilian Schachmann, bei der Tour für Soudal als Alleshelfer im Einsatz: Er hat zu Beginn des Jahrzehnts zweimal Paris-Nizza gewonnen, danach hatte er auch wegen einer Erkrankung ein paar schwere Jahre. Mit der Führung von Red Bull kam er nicht mehr recht zusammen. „Es war keine gute Zusammenarbeit, und dann kann man keine guten Ergebnisse erwarten“, sagte er zum Abschied zu Jahresbeginn.
Und da ist auch Pascal Ackermann, der seit 2024 fürs Team Israel-Premier Tech sprintet. Der war jahrelang Deutschlands große Spurthoffnung, hat unter anderem als erster Deutscher die Punktewertung beim Giro gewonnen – und hätte gerne für Denks Team sein Tour-Debüt gegeben. Und obwohl das Versprechen öffentlich formuliert wurde, kam es nicht dazu; wegen der aktuellen Form, wie Denk sagte. „Ich bin von Ralph enttäuscht, dass er sein Wort nicht hält“, entgegnete Ackermann.
Denks Team wirkte sportlich betrachtet nicht immer wie eine Einheit
Es gibt noch ein paar andere Akteure, bei denen es zum Ende Unmut gab, mal lauter, mal dezenter formuliert: vom belgischen Talent Cian Uijtdebroeks bis zur deutschen Hoffnung Lennard Kämna. Auf eine gewisse Weise ist es normal, dass im Radsport gemeinsame Wege im Unguten enden. Aber so geballt, wie das bei Red Bull passiert, wirkt das eher ungewöhnlich. Ist das also Zufall – oder liegt das an der Teamführung?
„Ich habe mit den Genannten, bleiben wir mal bei den Deutschen, keinen Knatsch“, sagt Ralph Denk in einem Gespräch am Rande der Tour: „Wenn sie mit dem Team Knatsch haben, müssen Sie diejenigen fragen.“ Er sieht die Sache vielmehr so: „Ich kann nur sagen, dass alle Genannten bei uns am allerschnellsten Rad gefahren sind.“ Das sei „schon etwas, was uns auszeichnet, dass wir sie an ihren Karriere-Highlights begleitet haben“. Aber für Denk sind das eh „alte Kamellen“.
Nur, manche von denen werden weiter gelutscht. Denk ist wohl der mächtigste Deutsche im Radsport-Business. Er war früher selbst Amateur-Rennfahrer, dann baute er sein Team auf, als der deutsche Radsport in Dopingtrümmern lag. Stück für Stück führte er es in die Weltspitze – mit dem großen Ziel, eines Tages eine Landesrundfahrt zu gewinnen. Den Giro hat er schon (Jai Hindley, 2022), die Vuelta auch (Primoz Roglic, 2024), die Tour hätte er noch gerne, und für dieses großes Ziel tut er erkennbar alles.
Denk ist ein Mann des offenen Wortes. Er hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er ziemlich fordernd agiert – und rasch und unsentimental durchgreift, wenn er die Möglichkeit sieht, etwas zu verbessern. Die Verankerung im oberbayerischen Raubling hat er immer betont, den Sitz der entscheidenden GmbH trotzdem nach Österreich verlegt, weil sich nach den dortigen Gesetzen ein Rad-Team wirtschaftlich einfacher steuern lasse. In den Anfangsjahren hat sich das Team von Jens Heppner als Sportchef getrennt, als dessen Dopingsünden publik wurden; später hat ihn die Dopingvergangenheit von Rolf Aldag oder Patxi Vila nicht davon abgehalten, diese zu Sportlichen Leitern zu machen. Auch hat sich Denk einige Jahre lang eine Art deutsches Nationalteam gebastelt – aber er hat sich im Zweifel immer an der internationalen Ausrichtung seiner Sponsoren orientiert.

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Das alles hatte Folgen: Eine wirkliche Bora-Euphorie, vergleichbar mit der von Telekom oder Gerolsteiner, ist in Deutschland über die Jahre nicht aufgekommen. Und auch rein sportlich hat es oft so gewirkt, als wäre Red Bull/Bora nicht wirklich eine Mannschaft.
Bei den Spitzenkräften gab es wenig Konstanz, in den vergangenen Jahren wechselte bei der Tour sehr oft der Kapitän, auch wenn das nicht immer die Schuld des Teams war. Bei vielen anderen Teams im Peloton wirkt das Auftreten jedenfalls geschlossener. Man sieht das auch in diesem Jahr; Lipowitz und Roglic sind in den Bergen oft auf sich allein gestellt. Dabei gibt es in der Mannschaft diverse bergfeste Leute, aber die sind aus unterschiedlichen Gründen nicht dabei oder nicht in Form. Und auf der schweren Alpen-Etappe, auf der Lipowitz an Donnerstag fast das Weiße Trikot und seinen Podiumsrang verlor, bekam er nicht wirklich Unterstützung von Roglic, sondern fuhr quasi jeder von ihnen ein eigenes Rennen.
Dem Team steht nun aber das nächste große Personalthema bevor. Roglic’ Zeit als Spitzenfahrer neigt sich dem Ende zu, aber Lipowitz, 24, bringt alles mit, um sich dauerhaft um die Podiumsplätze der großen Rundfahrten zu bewerben – wenn man in Kauf nimmt, dass es in seinem jungen Alter Rückschläge geben kann. Lipowitz sei „langfristig“ gebunden, sagt Denk. Zugleich wabern seit geraumer Zeit Spekulationen um eine Verpflichtung des Belgiers Remco Evenepoel: Doppel-Olympiasieger, im Vorjahr Tour-Dritter, bis zu seinem Aus in den Pyrenäen auch in diesem Jahr auf Podiumskurs – und von Red Bull privat gesponsert.
Ob es zur Verpflichtung kommen wird? Offiziell sind Wechsel erst ab dem 1. August möglich, und wenn sich Evenepoel entscheiden sollte, sein Soudal-Team zu verlassen, „rufen 18 Teams bei Remco an und fragen“, so Denk, „und ich wäre doof, wenn ich da nicht anrufen würde“. Denk will jedenfalls ausdrücklich nicht ausschließen, ein Team mit Evenepoel und Lipowitz aufzubauen. „Wenn man hier die Topteams durchschaut, sind die alle nicht nur auf einem Superstar aufgebaut, sondern auf mehreren.“ Das klingt auch nach weiteren Entscheidungen, die das Potenzial haben für die eine oder andere Debatte.

