Tour de FranceJetzt lässt er die Muskeln spielen

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Erste Tour de France, erste Erfolge: Max Kanter (Mitte), in einem Anstieg während der ersten Woche der Frankreich-Rundfahrt.
Erste Tour de France, erste Erfolge: Max Kanter (Mitte), in einem Anstieg während der ersten Woche der Frankreich-Rundfahrt.
Luca Bettini/Photo News/Imago
  • Max Kanter feiert bei seiner ersten Tour de France große Erfolge und wurde Zweiter auf der fünften Etappe nach Pau.
  • Der 28-jährige Cottbuser liegt mit 172 Punkten auf Platz fünf im Kampf um das Grüne Trikot der Sprintbesten.
  • Kanter intensivierte seine Krafteinheiten und baute mehr Muskulatur auf, was ihm den Sprung zur Weltelite der Sprinter ermöglichte.
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Tour-Debütant Max Kanter zählt mit 28 Jahren zur Weltelite der Sprinter – und darf in Frankreich auf einen Etappensieg und eine starke Platzierung im Wettkampf ums Grüne Trikot hoffen.

Von Korbinian Eisenberger

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Am 10. März dieses Jahres bekamen Wortspielnarren im deutschen Radsport-Journalismus eine Vorlage geliefert, die sie nicht ablehnen konnten: In Montargis, Frankreich, ging soeben die zweite Etappe der Rundfahrt Paris-Nizza zu Ende, alles gipfelte in einem Massensprint. Und ein Mann aus Cottbus hatte diesmal die schnellsten Beine, die beste Strategie, das beste Material oder war einfach am besten ausgeschlafen. Jedenfalls fuhr Max Kanter als Erster über den Zielstrich, sein erster großer Tagessieg auf der internationalen Bühne. Oder eben, wie in der Heimat zwingend zu Papier gebracht werden musste: ein Kantersieg.

Genau genommen war es ein ziemlich enges Finale gewesen an diesem Tag im März, wie eigentlich fast immer, wenn die gegen Ende schnellsten Radrennfahrer auf den letzten 500 Metern wie eine Horde ausgehungerte Hyänen Richtung Ziel hetzen. So war das auch am vergangenen Mittwoch, als Kanter, 28, nun bei der Tour de France im Sattel saß. Im Finale der fünften Etappe nach Pau war nur der Niederländer Olav Kooij schneller, er verhinderte den ersten deutschen Etappensieg bei der Tour seit Nils Politts Solo-Triumph 2021. „Man muss da ein bisschen den Kopf ausschalten, um ehrlich zu sein“, sagte Kanter zu seiner Strategie, ehe er ergänzte: „Manchmal muss man auch hoffen, dass alles gut geht.“

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Deutscher Meister auf der Bahn 2016, nationale U23-Straßentitel 2017 und 2018, Etappensieg bei Paris-Nizza 2026. Und nun: Premiere für das kasachische Team Astana bei der Tour de France, bei der Kanter im chaotischen Rennen nach Pau unter Beweis gestellt hat, dass er zum Kreis der Weltelite gehört. Ein Sturz im Fahrerfeld kurz vor Schluss mag diesen Erfolg begünstigt haben, da die Zahl der Sieganwärter so reduziert wurde. Zwei Tage später in Bordeaux, einem traditionellen Terrain für Sprintankünfte, setzte sich Kanter aber erneut in der Spitzengruppe fest, wurde Vierter und bestätigte den Trend.

Der 28-Jährige gilt als harter Arbeiter. Von seinem ehemaligen Teamkollegen Lennard Kämna ist überliefert, dass ihn ein schlechtes Gewissen umschlich, wann immer er sich mit Kanter ein Zimmer teilte. Kämna gilt selbst als ausgesprochen diszipliniert, aber Kanter reizt es aus. Um seine Endschnelligkeit zu fördern, intensivierte er unlängst die Krafteinheiten, baute mehr Muskulatur auf, was ihm im Massensprint einen merklichen Sprung ermöglichte. Sprint-Landsmann Phil Bauhaus (Bahrain Victorious) bemerkte am Rande der Tour über Kanter, „dass er aktuell der beste Deutsche ist im Sprint“.

Kanter selbst wirkt in Interviews vergnügt und bisweilen verblüfft ob der unzähligen Reaktionen aus seiner Heimat. Nach dem ersten Tour-Drittel lässt sich erahnen, dass der Mann ein ernst zu nehmender Kandidat für einen Sieg auf den noch zwei ausstehenden Flachetappen ist. Und auch für einen sehr starken Rang im Wettkampf um das Grüne Trikot des Sprintbesten (Erik Zabel war 2001 der letzte Deutsche, der diese Spezialwertung gewann). Mit 172 bisher gesammelten Punkten liegt Kanter als Fünfter in Reichweite hinter einem prominenten Quartett: Nach der hügeligen Etappe nach Ussel am Sonntag führt der Däne Mads Pedersen (268 Punkte) vor dem Eritreer Biniam Girmay (223) sowie Tim Merlier (213) und Jasper Philipsen aus Belgien (191).

Kanters Radsport-Talent liegt durchaus in der Familie. Großvater Gernot Müller hatte es in der DDR zum Radprofi gebracht. Für den Enkel ging es an die Sportschule Cottbus, ehe sein Talent für den Schlussspurt bei U23-Wettkämpfen aufblitzte. Schon damals war es ihm gelungen, etwa den heutigen Weltklassesprinter Philipsen zu bezwingen. Die ganz großen Erfolge allerdings blieben aus – und auch die ganz großen Vertrauensbeweise seiner Teamchefs. Ist er nun eher ein Fahrertyp für hügelige Eintagesklassiker mit Ausreißergruppen-Spurts? Oder doch einer für Massensprints nach Flachetappen? Dieses Rätsel ist bis heute nicht restlos geklärt.

Und die Tour de France? Setzte ohnehin immer schon eigene Maßstäbe. Zuvorderst, wenn das Peloton den kleinen Dörfern entschwindet und dorthin strampelt, wo bewimpelte Caravans und fahnenschwenkende Fanmassen die Bergpässe belagern. Je weiter es hinaufgeht, desto mehr werden die schweren Muskelbündel den Sprintern zur Last. Aber, wie sagt Kanter so treffend: Manchmal muss man auch hoffen, dass alles gut geht.

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