Radsport:Vielleicht sollten sich die Tour-Größen an andere Jubiläen erinnern

Donnerstagabend in der Brüsseler Innenstadt, in der Nähe des Grand Palace. Vor beeindruckender Kulisse steht die traditionelle Teampräsentation vor der Tour de France an. Eine Mannschaft nach der anderen fährt die kurze Parade-Strecke ab und steigt dann auf die Bühne. Aber selbst die heimischen belgischen Teilnehmer und das britische Team Ineos um seine in der Gesamtwertung favorisierten Kapitäne Geraint Thomas und Egan Bernal wirken nur wie ein Vorprogramm. Denn irgendwann kommt eben Merckx. "Eddy, Eddy", schallt es aus der Menge, von 75 000 Besuchern ist hinterher die Rede, und es gibt sogar ein kleines Feuerwerk. "Als ich 1969 die Tour gewonnen habe, hatte ich Gänsehaut. Und die habe ich hier, 50 Jahre später, wieder", teilt Merckx mit.

Edouard Louis Joseph Baron Merckx, wie er mit vollem Namen heißt, ist ohnehin ein Volksheld im traditionell Radsport-verrückten Belgien. Mitte der Neunzigerjahre wurde er in den Adelsstand berufen, und nicht nur ein kleiner Platz in Woluwe-Saint-Pierre, sondern auch eine Metro-Station im Brüsseler Westen, ein Brettspiel und vieles andere sind nach ihm benannt. Und rund um den Grand Départ, den Tourstart, ist er erst recht präsent. Auf den großen offiziellen Plakaten ist er als junger Athlet zu sehen. Vor dem Expo-Gelände prangt im Park ein riesiges Konterfei. Es gibt eine Extra-Ausstellung, Le Soir publiziert eine zwölfseitige Sonderbeilage nur über Merckx, und im Radio echauffieren sich Moderatoren, dass die Jugend den großen Eddy nicht mehr kenne.

Merckx war mit seinen positiven Doping-Tests damals keine Ausnahme, der Griff zu den Amphetaminen galt in den Sechzigern und Siebzigern als völlig normal. Bis auf den Belgier Lucien Van Impe und den Franzosen Bernard Hinault haben alle Tour-Sieger aus Merckx' aktiven Jahren einen dokumentierten Dopingflecken in ihrer Vita. Und es ist immer eine schwierige Frage, wie ein Sport mit den Personen umgeht, deren Biografien neben großen Erfolgen auch einige Makel vorzuweisen haben - nicht nur im Radsport. Trotzdem gab es sogar schon mal den Fall, dass Merckx' Doping-Vergangenheit konkrete Folgen für ihn hatte: 2007 bei der Rad-WM in Stuttgart versagte ihm die Bürgermeisterin - wie auch diversen anderen positiv aufgefallenen Ex-Größen der Zunft - die Vip-Akkreditierung.

Im Kontext der "Operation Aderlass" tauchen aktuelle Radsportler auf

Den Tour-Organisatoren jedoch sind der Mythos ihrer eigenen Geschichte, der Mythos von den alten Heroen und vom alten Glanz des Gelben Trikots, offenkundig wichtiger als Haltung bei kritischen Themen. Und das ist in diesen Tagen durchaus verblüffend.

Über Jahre und Jahrzehnte jagte eine Affäre die nächste, Festina, US-Postal, Telekom, Fuentes, die vielen Merkwürdigkeiten rund um das Team Ineos (bis zum Mai Team Sky). Auch dieses Jahr fährt ein gut begründeter Zweifel mit, wie schon ein kurzer Blick auf die Geschehnisse der vergangenen Wochen nahelegt. Der Rad-Weltverband muss einräumen, dass er den markant aufblühenden slowenischen Radsport speziell untersucht. Im Kontext der "Operation Aderlass" um das Erfurter Blutdoping-Netzwerk tauchen immer mehr aktuelle oder ehemalige Radsportler auf. Der Spanier Juan José Cobo muss um die Aberkennung seines Erfolges bei der Vuelta 2011 bangen, weil in der Zwischenzeit Auffälligkeiten bei seinem Blutpass festgestellt worden sind. Und es gibt bei dieser 106. Auflage der Frankreich-Rundfahrt übrigens auch noch andere Jahrestage - außer 100 Jahre Gelbes Trikot und 50 Jahre Merckx'scher Premieren-Sieg.

20 Jahre ist es her, dass ein Amerikaner namens Lance Armstrong zum ersten Mal gewann. Sechs Triumphe sowie viele von der Radsport-Szene ignorierte Vorwürfe und Indizien später stellte sich heraus, welch ausgeklügeltes Dopingbetrugssystem rund um den Texaner installiert worden war. Armstrong ist bei der Tour längst eine unerwünschte Person, alle sieben Siege wurden ihm aberkannt. Vielleicht sollten sich die Tour-Bosse dieser Tage auch öfter an dieses Jubiläum erinnern - und die Frage, was sie daraus lernen müssten.

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