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Radsport: Team Milram macht dicht:Radsportland ist abgebrannt

1997 löst Jan Ullrich Deutschland einen Radsport-Boom aus - 2010 zieht sich der letzte deutsche Rennstall aus dem Profibetrieb zurück. Ein Rückblick auf die Zeit dazwischen, in der sich eine ganze Sportart selbst zerstörte.

Johannes Aumüller

12. Juni 1995: Die Meldung aus dem Radsport ist so wichtig, dass die ARD in ihrer 20-Uhr-Tagesschau darüber berichtet. Am Mittag haben die Organisatoren der Tour de France verkündet, die einzige deutsche Profiequipe, Team Telekom, nicht zur diesjährigen Ausgabe des wichtigsten Radrennens der Welt einzuladen. "Eine Katastrophe", kommentieren alle, dem Profiradsport in Deutschland droht das Aus. Erst wenige Tage später dürfen Radsport-Fans und -Macher aufatmen: Team Telekom darf immerhin mit einer halben Mannschaft antreten, der Fortbestand der Equipe und des deutschen Radsports ist vorerst gesichert.

Jan Ullrich

Jan Ullrich führt während der Tour 1996 das Feld an. Direkt hinter ihm der spätere Toursieger Bjarne Riis.

(Foto: AP)

16. Juli 1997: Die Meldung aus dem Radsport ist so wichtig, dass die ARD nach der Tagesschau eine Sondersendung zeigt. Am Nachmittag hat ein junger 23-jähriger Profi namens Jan Ullrich einen unglaublichen Auftritt gezeigt und sich auf beeindruckende Weise als erster Deutscher seit 19 Jahren das Gelbe Trikot gesichert. "Jan Ullrich macht Deutschland zum Radsportland", titelt beispielsweise die taz. Dieser Ullrich gewinnt die Tour souverän und löst einen Boom aus. Bald gibt es viele deutsche Spitzenfahrer, mehrere deutsche Radsportteams, mehrere wichtige Radsportrennen und für die übertragenden Sender phantastische Quoten.

21. Juli 2010: Die Meldung aus dem Radsport ist so wichtig, dass die ARD wahrscheinlich in ihrer 20-Uhr-Tagesschau darüber berichtet. Am Vormittag hat Milram-Teammanager Gerry van Gerwen, der Chef des letzten verbliebenen deutschen Profiteams, mitgeteilt, dass er keinen neuen Hauptsponsor gefunden hat. Er will zwar bis Oktober weitersuchen, aber wenn nun nicht irgendetwas Unerwartetes passiert, endet im Dezember nach rund 20 Jahren die Zeit deutscher Profiradsportmannschaften. Es verbleiben lediglich noch ein paar Einzelkämpfer wie der Zeitfahrer Tony Martin, der Sprinter Gerald Ciolek oder der ewige Jens Voigt. Das Fernsehen überträgt schon längst in deutlich reduzierter Form, viele Zuschauer haben sich abgewandt, wichtige Rennen gibt es kaum noch. Das 1997 von der taz ausgerufene Radsportland ist abgebrannt, nicht erst jetzt, aber jetzt endgültig.

Der Radsport ist nicht die erste Sportart, die sich in Deutschland für kurze Zeit zur Nummer zwei hinter Fußball aufschwang und dann in der Zuschauer- und Fernseh-Gunst abstürzte. Tennis, Boxen und die Formel 1 lassen grüßen - ihr Stellenwert stieg und fiel je nachdem, ob Boris Becker, Henry Maske oder Michael Schumacher gerade reüssierten. Aber wohl keine andere Sportart hat diesen Abstieg zu einem so großen Teil selbst zu verantworten wie der Radsport.

Doping.

So viele Skandale, so viele Affären, so viele Lügen hat es gegeben. Die Seite cycling4fans.de hat penibel alle Vergehen dokumentiert, die Zahl der Fälle geht in Richtung der Zahl der Tagesschau-Zuschauer. Amphetamine, Cortisone, Eigenblutdoping, Epo, Wachstumshormone. Aldag, Jaksche, Schumacher, Sinkewitz, Ullrich, Zabel. Es gibt kaum einen deutschen Topfahrer, der in den vergangenen Jahren weder Doping gestanden hat noch des Dopings überführt wurde noch der Zusammenarbeit mit einem umstrittenen Arzt bezichtigt wurde. In den deutschen Topteams Telekom/T-Mobile und Gerolsteiner gab es regelmäßig Vergehen.

Doping. Natürlich gab es das im Radsport, das konnte man ja kaum leugnen, aber doch eher bei anderen, den bösen Franzosen und den noch böseren Italienern. Aber Jan Ullrich, dieser brave sonnenbesprosste Bub aus Rostock - gedopt?

Die große Pfuisportart

Das Publikum und die Beobachter, die Fans an der Strecke, aber auch der Großteil der Medien, sahen erst spät genauer hin. In Deutschland prägte einige Sommer lang die Tour den Sommer, die Urlaubsgestaltung von Familien und das Bild auf den Radwegen. Da waren die Schaufenster der Läden, in denen sonst nur Bayern-München- und Borussia-Dortmund-Shirts hingen, plötzlich voll mit Gelben und Grünen und magentafarbenen Trikots.

Zu lange jubelte das Publikum denen zu, die mit einem irrwitzigen Tempo über irrwitzige Streckenprofile fuhren. Zu lange glaubte es den Unschuldsbeteuerungen der Radprofis, nirgends besser dokumentiert als in der Aussage des früheren ARD-Sportkoordinators Hagen Boßdorf, der in der Affäre um Jan Ullrich solche Sätze absonderte: Wenn die Telekom sagt, es gebe kein Doping, dann gibt es auch für die ARD kein Doping. Und zu lange gab es sich bei positiven Dopingfällen zufrieden mit dem Hinweis, dass seien doch alles Einzeltäter oder die Resultate mysteriöser Ecstasy-Pillen aus der Disco.

Stattdessen waren die Aldags, Ullrichs und Zabels Helden der Landstraße, in Werken wie Pepe Danquarts 2004 gedrehtem Film Höllentour als moderne Gladiatoren in Szene gesetzt. Erst spät, als im Frühjahr 2007 eine riesige Geständniswelle durch den Radsport rollte und selbst die letzten Romantiker nicht mehr anders konnten, entzog das Publikum dem strampelnden Peloton und seinen deutschen Leitfiguren die Gunst. Dann aber richtig.

Die Zuschauer jubelten nun nicht mehr, sondern schimpften auf die Pharmaspiele, ARD und ZDF zogen sich - weitestgehend - aus der aktuellen Berichterstattung zurück und konzentrierten sich auf gute Hintergrundberichte zum Thema Doping. Zur Saison 2008 stieg die Deutsche Telekom aus, zur Saison 2009 Gerolsteiner, beide nach einer Reihe von Dopingskandalen. Der Radsport war nun die große Pfuisportart, und das völlig zu Recht, aber wenn die letzten verbliebenen Radsportfans fragen, warum denn beispielsweise die Leichtathletik mit ihren vielen Dopingfällen in den Öffentlich-Rechtlichen noch immer lange Übertragungsstrecken bekommt, ist das durchaus berechtigt.

Rund um Deutschland boomt's

Der Telekom und Gerolsteiner folgt nun also zum Ende des Jahres 2010 auch das Team Milram - nach zwei weitgehend skandalfreien, aber auch nach zwei sportlich weitgehend unbefriedigenden Jahren. Es klingt wie die völlige Ironie, dass Milrams Erfolglosigkeit nun mit ein Grund fürs abgebrannte Radsportland Deutschland ist. Denn wie, so können Spötter fragen, soll denn Erfolg möglich sein - in einem Fahrerfeld, in dem es angeführt von Lance Armstrong, Alexander Winokurow oder Alberto Contador an überführten, dubiosen oder verdächtigten Sportlern nur so wimmelt? In einer Gruppe von Sportlern, welche die Alpen und Pyrenäen teilweise noch schneller überquert als in der Hochphase des Epo-Dopings? In einer Radsportwelt, über die Kenner wie der frühere Tour-de-France-Sieger Greg LeMond immer noch sagen, es gehe zu wie bei der Mafia?

Außerhalb von Deutschland macht das vielen Fans und vielen Unternehmen nichts aus. Renommierte Konzerne wie Sky und finanzstarke Gruppen aus Osteuropa sind vor kurzem in den Radsportzirkus gestoßen, die Tour-Veranstalter setzen mit der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt geschätzte 100 Millionen Euro um, der Marketing-Direktor reibt sich ob der großen und steigenden Sponsorenzahl die Hände. Das abgebrannte Radsportland Deutschland ist eine ziemlich einsame Insel.

© sueddeutsche.de/mikö/jja

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