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Radsport:Rot statt Gelb

Slovenian rider Primoz Roglic, of Jumbo-Visma team, celebrates his victory at the end of the 17th stage of the Vuelta a

Zum zweiten Mal nach 2019 gewinnt Primoz Roglic die Vuelta.

(Foto: Kiko Huesca/imago images)

Nach seiner denkwürdigen Niederlage bei der Tour de France gelingt dem slowenischen Profi Primoz Roglic bei der Spanien-Rundfahrt die Revanche.

Von Johannes Aumüller, Madrid/Frankfurt

Als alles geschafft war, als die letzten Meter des schweren Anstiegs ins Ski-Resort am Alto de la Covatilla absolviert waren, und als Primoz Roglic wusste, dass ihm der Gesamtsieg dieser anspruchsvollen Spanien-Rundfahrt sicher war, wirkte es so, als käme dem Slowenen in all der Freude und Erleichterung auch eine kleine Schwindelei über die Lippen.

"Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich gewinne", sagte Roglic, 31, am Ende eines Rennens, bei dem er sich für eine bittere Niederlage bei der Tour de France revanchierte. Und bei dem zwischenzeitlich so leicht Zweifel aufkommen konnten und so vieles danach aussah, als wiederholten sich auf eine für Roglic frappierende Art die Ereignisse noch einmal.

Mitte September war es gewesen, als Roglic bei der Tour in einem dramatischen Finale die Führung noch abgeben musste. Bis zum Bergzeitfahren am vorletzten Tag trug er das Gelbe Trikot, doch dann überholte ihn sein junger Landsmann Tadej Pogacar. Am Samstag nun ging Roglic nach einem zweieinhalbwöchigen Dauerduell mit dem Ecuadorianer Richard Carapaz auf die letzte schwere Vuelta-Etappe, 45 Sekunden betrug sein Vorsprung, und als Carapaz knapp drei Kilometer vor dem Ziel angriff, konnte Roglic nicht mehr folgen. Kontinuierlich stieg der Abstand, doch diesmal mogelte sich der Kapitän der Jumbo-Visma-Equipe irgendwie durch, mit letzter Kraft und auch dank der unerwarteten Unterstützung der Movistar-Fahrer Enric Mas und Marc Soler, die noch um einen guten Gesamtrang kämpften und an die sich Roglic dranhängen konnte. 24 Sekunden Vorsprung blieben ihm in der Gesamtwertung schließlich noch.

"Ich hatte das Geschehen am Ende nicht immer unter Kontrolle", gestand Roglic nach dem Rennen ein. Aber er fand auch: "Wenn du gewinnst, ist das Wie am Ende nicht mehr entscheidend."

So konnte Roglic am Sonntag also im Roten Trikot des Gesamtführenden die traditionelle Schlussetappe nach Madrid bestreiten, die der Deutsche Pascal Ackermann (Bora) knapp im Sprint gewann.

Es war bereits Roglics zweiter Triumph bei der Vuelta nacheinander, und zugleich darf sich der frühere Skispringer damit guten Gewissens als insgesamt stärkster Radprofi in dieser ungewöhnlichen Corona-Saison fühlen. Zwischen Anfang August und dem 8. November liest sich sein Arbeitsprotokoll so: ein Sieg bei der Tour de l'Ain, die wegen der Umstände in diesem Jahr von höherem Interesse war als sonst; ein Etappensieg beim Dauphiné-Criterium, bei dem er nach einem Sturz vor der Schlussetappe als Gesamtführender ausstieg; Platz zwei bei der Tour des France; Sieg beim Klassiker Lüttich - Bastogne - Lüttich; Platz sechs bei der WM; und zum Abschluss der Erfolg bei der Vuelta, bei der er nicht nur das Rote Trikot eroberte, sondern auch vier Etappen gewann. Diese Ausbeute bedeutet Platz eins in der Weltrangliste des Rad-Weltverbandes.

Nun war Roglics Sieg in Spanien aufgrund seiner bekannten Rundfahr-Fähigkeiten natürlich keine Überraschung, aber schon ein ewig erstaunlich. Denn sein Formaufbau war immer mit Blick auf die Tour erfolgt - anders als beim Rivalen Carapaz, dessen Ziel von Saisonbeginn an die Vuelta gewesen war. Und nicht nur beim Schlussanstieg nach Alto de la Covatilla zeigte sich, dass Roglic am Berg diesmal nicht der stärkste war.

Aber es gab gleich mehrere Aspekte, von denen Roglic profitierte. Der erste war sein Jumbo-Visma-Team, das wie schon bei der Tour klar stärker war als die in den vergangenen Jahren stets dominierende Ineos-Equipe um Carapaz. Der zweite war die Ausgestaltung des Reglements, das bei Podiumsplatzierungen Zeitgutschriften vorsah. Insgesamt 48 Bonussekunden holte sich Roglic durch seine vier Etappensiege und weitere vordere Platzierungen, 32 mehr als Carapaz. Er machte auf diese Weise also mehr Zeit gut, als er am Ende überhaupt Vorsprung hatte (24). Und der dritte war das 33 Kilometer lange Zeitfahren, das der Parcours beinhaltete: Immerhin 49 Sekunden Vorsprung fuhr Roglic dabei auf Carapaz heraus.

Das Thema Zeitfahren ist auch ein Argument, dass Roglic optimistisch auf die nächste Tour de France blickt, die Ende Juni in der Bretagne beginnen soll. Denn anders als bei den Auflagen in diesem und im vergangenen Jahr haben die Streckenplaner diesmal keinen ganz harten Parcours konzipiert; sondern einen, bei dem es etwas weniger Berge und dafür zwei längere flache Zeitfahren über insgesamt 58 Kilometer gibt. Das stand so bei der Tour seit 2013 nicht mehr im Programm, und das bevorzugt solche Fahrertypen wie Roglic oder dessen Teamkollegen Tom Dumoulin aus den Niederlanden gegenüber den reinen Kletterexperten. Der diesjährige Tour-Gewinner Tadej Pogacar hat deswegen nach der Präsentation sogar ein bisschen gemault. Er habe sich mehr Bergankünfte gewünscht, teilte er mit.

Primoz Roglic hingegen sagt, dass er den zweiten Platz bei der diesjährigen Tour inzwischen akzeptiert habe - und konzentriert sich nach der erfolgreichen Kurz-Saison 2020 nun auf einen Sieg bei der Frankreichrundfahrt 2021. "Es warten noch große Dinge, die ich noch nicht erreicht habe", sagt er. Denn so schön der Sieg in Spanien auch ist: So richtig revanchieren kann sich Roglic für die knappe Niederlage bei der Tour nur an einem Ort - bei der Tour.

© SZ vom 09.11.2020
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