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Radsport:"Ein bisschen respektlos"

FILE PHOTO: Tour de France - The 128-km Stage 21 from Rambouillet to Paris Champs-Elysees

Im Gelben Trikot nach Paris: Das soll in diesem Jahr nicht im Juli (im Bild Egan Bernal 2019), sondern am 20. September stattfinden.

(Foto: Gonzalo Fuentes/Reuters)

Der Radsport entwirft einen schrägen neuen Rennkalender: Im geplanten Programm kollidieren bedeutende Rennen wie Giro, Vuelta oder die Klassiker.

Wenn alles so läuft, wie es sich die Macher des Radsports gerade wünschen, könnte der 25. Oktober ein sehr ungewöhnlicher Tag für die Branche werden. Am 25. Oktober sollen die Teilnehmer des Giro d'Italia ihre finale Zeitfahr-Etappe nach Mailand bestreiten, zugleich soll das Peloton der Spanien-Rundfahrt seine erste schwere Bergetappe mitsamt dem mythischen Tourmalet bewältigen - und ebenfalls zugleich soll der berüchtigte Kopfstein-Klassiker zwischen Paris und Roubaix über die Bühne gehen, das prestigeträchtigste Eintagesrennen der Szene.

Es gehört dieser Tage bei allen Sportarten dazu, komplizierte und ungewöhnliche Lösungen zu entwickeln, um wieder spielen, rennen oder fahren zu können. Aber das Modell, das sich der Rad-Weltverband UCI ausgedacht hat, erscheint besonders schräg. Denn die Verantwortlichen haben nun 25 nachzuholende Rennen mit 106 Renntagen in einen engen Kalender gepresst, der insbesondere im Oktober zu einem Mammutprogramm führt - und sogar zu Terminkollisionen zwischen bedeutenden Rennen (siehe Kasten). Giro, Vuelta und die Frühjahrsklassiker sind nach der Tour de France die wichtigsten Radveranstaltungen und stehen normalerweise in einem bestimmten Jahresabschnitt allein im Fokus der Branche. Nun müssen sich die Fahrer stets für ein Event entscheiden und wird sich zudem die Aufmerksamkeit für einzelne Rennen reduzieren.

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Grundsätzlich sind viele Protagonisten erleichtert, dass es wieder einen Plan gibt, auch wenn alles unter dem Vorbehalt steht, dass die Entwicklung der Corona-Pandemie nicht vorhersehbar ist. Im Radsport ist ein Geisterbetrieb ohne Zuschauer besonders schwer vorstellbar. Aber viele sind auch irritiert über die Ausgestaltung. "Ein bisschen respektlos", findet den Plan etwa Ralph Denk, Chef der deutschen Bora-Equipe, die zu den besten Teams des Pelotons zählt und mit Peter Sagan auch den weltbesten Fahrer in ihren Reihen hat.

Denk wäre dafür gewesen, die Saison deutlich zu verlängern - stattdessen soll sie nun mit dem Schlusstag der Vuelta am 8. November enden, nur vier Wochen später als ursprünglich geplant. "Schon im Standardkalender gibt es zu viele Überlappungen von großen Events, nun noch mehr", moniert der Bora-Teamchef: "Aber nach Corona ist das ganze Leben ein Kompromiss, und irgendeinen Tod mussten wir sterben. So sterben wir halt den Überlappungstod, aber wir werden ihn überleben."

In der Gestaltung des Kalenders spiegeln sich aber durchaus die Partikularinteressen des Radsports. Das betrifft vor allem die Rennveranstalter. Die mächtige Aso hatte sich für ihre Frankreich-Rundfahrt schon früh einen neuen Termin gesichert (29. August - 20. September), um den herum alles andere zu bauen war. Aber die Aso steht auch hinter der Vuelta und damit in Konkurrenz zum Giro-Organisator RCS Sport. Der Nachteil der Vuelta ist jetzt, dass sie um drei Tage verkürzt ist; der Nachteil des Giro, dass ein Teilnehmer gleich vier Eintages-Klassiker sicher verpasst. Deren Veranstalter wiederum wollten mit ihren Rennen nicht zu spät im Herbst dran sein, weil dann das Wetter schlechter wird. Es "mussten einige Opfer gebracht werden", so die Giro-Organisatoren.

Zu den Verlierern des bisherigen Tableaus zählen auch die deutschen Rennen. Die Deutschland-Tour ist definitiv abgesagt. Für die Cyclassics in Hamburg und das Rennen rund um Frankfurt, das traditionell am 1. Mai stattfindet, stehen noch keine neuen Termine fest. Und falls es überhaupt neue geben wird, wird die Konkurrenz natürlich groß sein.

Es wird nun spannend sein, wie die Teams und Fahrer die Rennen priorisieren. Natürlich gab es immer schon Schwerpunktsetzungen und fuhr nicht jeder Fahrer jedes Rennen, aber für viele bedeutet das nun eine unangenehme Entscheidung. Genügend Sportler für mehrere parallele Events haben zwar alle Teams unter Vertrag, weil auch in Corona-unabhängigen Zeiten neben den großen Rennen meist niederklassigere im Kalender stehen. Aber genügend gute Fahrer, um den Kader für gleich drei anspruchsvolle Events zu bestücken, haben die meisten eher nicht.

Die wichtigsten Rennen im neuen Rad-Kalender

8.8.: Mailand - San Remo

29.8.-20.9.: Tour de France

3.10.-25.10.: Giro d'Italia

4.10.: Lüttich - Bastogne - Lüttich

10.10.: Amstel Gold Race (Niederlande)

18.10.: Flandern-Rundfahrt

20.10.-8.11.: Vuelta (Spanien-Rundfahrt)

25.10.: Paris - Roubaix

Zugleich ist klar, dass auf viele Fahrer im Herbst ein ziemlich straffes Programm und eine erhöhte Belastung zukommen. Das ist ob der einschlägigen Vergangenheit des Radsports ein schlechtes Signal - zumal das ohnehin schon lückenhafte Anti-Doping-System gerade brachliegt. Es ist aber ohnehin die Frage, wie viele Radsportler ihren Sport eigentlich ausüben sollten. Denn gemäß den Medizinern sind Personen mit Vorerkrankung bei Corona einem besonderen Risiko ausgesetzt; erst recht die mit Atemwegserkrankungen. Und verschiedenen Studien zufolge ist die Asthmatiker-Quote im Radsport besonders hoch. Bis zu 75 Prozent meldeten in den vergangenen Jahren bei einem Rennen eine solche Krankheit an (und konnten dann entsprechende Ausnahmegenehmigungen für bestimmte Präparate stellen).

Aber es ist schwer vorstellbar, dass deswegen jemand auf einen der vielen Renn-Höhepunkte des Herbstes verzichtet.

© SZ vom 07.05.2020/ska
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