Süddeutsche Zeitung

Rad-WM:"Er machte mir Angst, der Verrückte!"

Lesezeit: 3 min

Julian Alaphilippe unterstreicht mit seinem zweiten WM-Titel seine Ausnahmerolle im Peloton - und hält ein Plädoyer für seinen spektakulären wie impulsiven Fahrstil.

Von Johannes Aumüller, Leuven/Frankfurt

Nach ein paar Minuten hatte Julian Alaphilippe genug von den Fragen der Journalisten. Er stand auf, bedankte sich und sandte noch einen netten Gruß in den Raum, der nur bedingt zu diesem spätsommerlichen Tag in der flämischen Stadt Leuven zu passen schien: "Frohe Weihnachten", lautete Alaphilippes Abschiedsbotschaft.

Ja, der französische Radprofi gehört offenkundig zu den wenigen glücklichen Menschen auf der Welt, die auch drei Monate vor dem Fest schon mal an den Christbaum und den Besuch von Père Noël denken können. Zumindest darf der 29-Jährige seit Sonntagnachmittag sein Jahreswerk als erledigt betrachten und den kleinen Rest der Radsportsaison gemütlich angehen.

Kurz zuvor hatte Alaphilippe mit einem imponierenden Solo seinen zweiten WM-Titel im Straßenrennen geholt, auf einem sehr schweren und mit vielen kleinen Anstiegen gespickten 268-Kilometer-Kurs. Er ist damit der erste Franzose, der zweimal Weltmeister wurde. Das Sportblatt L'Équipe, das in Radsport-Fragen den Ton für Frankreich vorgibt, färbte den eigenen Zeitungskopf in den weltmeisterlichen Regenbogenfarben und textete dazu: "König Alaphilippe II."

Nun sind im Radgewerbe in den vergangenen Jahre schon diverse Pedaleure in den royalen Stand erhoben worden. Aber das Rennen in Flandern war in der Tat eines, das dazu diente, Alaphilippes Ausnahmestellung im Peloton zu unterstreichen.

Dass es keinen Funkverkehr gibt, kommt dem Rennen zugute

Der Franzose gefällt sich bekanntlich seit Langem in der Rolle, der Rock 'n' Roller des Feldes zu sein; ein Mann, der mehr aus dem Bauch heraus fährt statt mit dem Blick auf den Wattzähler. Diesen Ruf hat er sich durchaus verdient in den vergangenen acht Profijahren, die er allesamt in der Quickstep-Mannschaft des scheinbar ewigen und in jedem Fall auf ewig umstrittenen Teamchefs Patrick Lefevere verbrachte - wenngleich hinter seinen Darbietungen manchmal Leistungswerte stecken, die kritische Beobachter mit Verblüffung zur Kenntnis nehmen.

Zugleich ist Alaphilippe inzwischen nicht mehr der Einzige, der so impulsiv auftritt. Auch der Belgier Remco Evenepoel, 21, neigt zu überraschenden Aktionen, ebenso der Niederländer Mathieu van der Poel. Und selbst die slowenischen Rundfahrt-Spezialisten Tadej Pogacar und Primoz Roglic sind dazu übergegangen, ungewöhnliche Attacken zu wagen, wie sie etwa bei ihren Siegen bei der Tour und der Vuelta in dieser Saison zeigten. Der Radsport ist in dieser Beziehung in den vergangenen Jahren abwechslungsreicher geworden, und am Sonntag erwies sich Alaphilippe in dieser Disziplin mal wieder als der Beste.

Mehrfach versuchte es der Franzose, sich aus einer großen Favoritengruppe heraus zu lösen, das erste Mal schon 60 Kilometer vor dem Ziel. Nach einem erfolglosen Versuch mit dem Italiener Sonny Colbrelli schien er mit seinen Kräften bereits am Ende zu sein - doch die vierte Attacke, zirka 20 Kilometer vor dem Ziel, die saß. Und so erinnerte der Zieleinlauf an die WM des Vorjahres, als Alaphilippe auf der Automobilrennstrecke von Imola ebenfalls im Solo reüssiert hatte. "Julian fuhr das Gegenteil von dem, was ich ihm geraten hatte. Er machte mir Angst, der Verrückte!", sagte sein Teamchef Thomas Voeckler.

Die Weltmeisterschaften warten ja gegenüber den handelsüblichen Rennen mit einer Besonderheit auf, die Instinktfahrern wie Alaphilippe entgegenkommt. Für gewöhnlich sind die Fahrer per Funk mit dem Mannschaftswagen verbunden, wo der Sportliche Leiter einen guten Überblick über das Renngeschehen hat und die Pedaleure aus der Ferne durch den Wettkampf dirigieren kann. Bei der WM und auch Olympia ist dieser technische Kontakt nicht erlaubt, und ob des spektakulären Verlaufs des Rennens drängte sich einmal mehr die Frage auf, ob es im Sinne des Sports nicht gescheiter wäre, öfter auf den Funk zu verzichten.

Nils Politt rechnet sich für Paris - Roubaix am Sonntag einiges aus

"Ich möchte weiter angreifen, Spaß haben, mit Elan Rennen fahren - auch wenn ich manchmal oder oft verliere", sagte er nach dem Rennen: "Mir hat es viel Spaß gemacht, so zu fahren und für mich ist es sehr wichtig, diese Freude zu behalten, denn Radfahren ist ein harter Sport und ich möchte kein Roboter werden."

Der Franzose hat seit seinem WM-Sieg in Imola ein ambivalentes Jahr hinter sich. Bei Lüttich - Bastogne - Lüttich jubelte er erst zu früh über seinen vermeintlichen Sieg und wurde dann strafversetzt, weil er die Rivalen im Zielsprint behindert hatte. Bei der Flandernrundfahrt knallte er ins Begleitmotorrad, weil er kurz nicht aufgepasst hatte. Nach einem guten Frühjahr eroberte er bei der Tour zum Auftakt für einen Tag das Gelbe Trikot, spielte danach aber nicht eine so herausgehobene Rolle, wie er sich das vorgestellt hatte. Dafür konzentrierte er sich anders als mancher Konkurrent ganz auf die WM und ließ das olympische Straßenrennen aus.

Ursprünglich wollte er auch den Kopfsteinklassiker Paris - Roubaix, der pandemiebedingt diesmal nicht im Frühjahr, sondern am nächsten Sonntag stattfindet, anpeilen, doch das lässt er nun sein. Stattdessen können dort andere die Verrücktheiten wagen, darunter Nils Politt aus dem Bora-Hansgrohe-Team. Der Kapitän der deutschen Mannschaft war in Leuven zwar nicht in der vordersten Reihe zu finden, womit der Bund Deutscher Radfahrer im WM-Straßenrennen weiter seit 2011 auf eine Medaille wartet. Immerhin lancierte er zwischendurch eine Attacke, am Ende kam er auf Rang 16. Und ein Detail der brutalen Streckenführung in Roubaix, wo er vor zwei Jahren schon mal Zweiter war, stimmt Politt zuversichtlich: "Bei Paris - Roubaix gibt es ja keine Berge."

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