Radprofi Primoz Roglic:Die Rückkehr der Mumie

Lesezeit: 3 min

Vuelta a Espana - 21. Etappe

Der Sieger stemmt das Rennrad in die Höhe, seine Teamkollegen feiern ihn: Primoz Roglic und die Equipe von Jumbo-Visma nach dem Vuelta-Sieg vor der Kathedrale von Santiago de Compostela.

(Foto: Luis Vieira/dpa)

Nach seinem Sturz-Drama bei der Tour de France siegt Primoz Roglic bei der Vuelta. Er hat sich auf hohem Niveau noch einmal weiterentwickelt - und für das kommende Jahr ein klares Ziel.

Von Johannes Aumüller

Dieses Foto wirkt immer noch eindrücklich, auch zwei Monate nach seiner Entstehung. Primoz Roglic ist darauf zu sehen, der slowenische Radsportler, und die schief angesetzte Grimasse kann nicht darüber hinwegtäuschen, wie sehr er an den Folgen eines Sturzes während der Tour de France leidet. Überall am Körper sind großflächige Pflaster und Bandagen angebracht, nur noch wenig nackte Haut ist zu sehen. Als "Mumie" bezeichnet sich Roglic selbst in einem Beitrag für die sozialen Netzwerke.

Ein paar Etappen hielt er damals noch durch, dann musste er das Rennen und seinen großen Traum vom Sieg bei der Frankreich-Schleife aufgeben. Roglic stieg aus, und sein Landsmann Tadej Pogacar hatte keinen Gegenspieler mehr auf dem Weg zu seinem beängstigend leichtfüßigen zweiten Tour-Triumph.

Am Sonntagabend nun hat Primoz Roglic, 31, ganz andere und für ihn viel erfreulichere Bilder produziert. Vor der Kathedrale im Pilgerort Santiago de Compostela reckte er stolz sein Rennrad in die Höhe, hinter ihm applaudierten die Kollegen aus seiner Jumbo-Visma-Equipe, und später gab es nicht nur Champagner, sondern von den örtlichen Repräsentanten auch noch das notwendige Pilgerequipment, falls er mal zu Fuß statt mit dem Velo nach Santiago kommen mag.

Cycling - Vuelta a Espana - Stage 21 - Padron to Santiago de Compostela

Ein bisschen Mönch muss sein: Primoz Roglic bei der Siegerehrung in Santiago de Compostela.

(Foto: Miguel Vidal/Reuters)

Als souveräner Sieger der dreiwöchigen Spanien-Rundfahrt stand Roglic da fest, mit einem Vorsprung von mehr als viereinhalb Minuten auf seinen ärgsten Konkurrenten Enric Mas (Spanien/Movistar), vier Etappenerfolge inklusive. Es war der größte Abstand bei dem Rennen seit fast einem Vierteljahrhundert. "Ich habe es genossen", gab der Sieger zu Protokoll.

Damit erweist sich für Roglic nun just das Jahr, in dem ihm bei der Tour großes Sturzpech widerfuhr, als bisher erfolgreichstes seiner Karriere. Erst holte er in Tokio olympisches Gold im Einzelzeitfahren, nun erreichte er den dritten Vuelta-Sieg nacheinander. Lediglich der Spanier Roberto Heras triumphierte bei der Spanien-Rundfahrt öfter, nämlich vier Mal - wobei er einen seiner Erfolge trotz eines positiven Dopingbefundes auf Epo behalten durfte, wegen vermeintlicher Unregelmäßigkeiten im Verfahren.

Entsprechend zufrieden war Roglic daher, als er auf diese bewegte Saison zurückblickte. "Wie ich immer sage, das Leben hat seine Höhen und Tiefen, und solange man sich vorwärts bewegt, kommt alles an den richtigen Platz", sagte er am Sonntag.

Roglic präsentierte sich sehr vielseitig - und wirkte sogar lockerer als früher

Dabei war es durchaus erstaunlich, wie sich Roglic in den vergangenen drei Wochen auf dem mal wieder sehr anspruchsvollen Vuelta-Parcours präsentierte. Der Slowene gehört zwar schon seit 2018 zu den stärksten und vielseitigsten Rundfahrern im Radmetier, aber nun sieht es so aus, als habe er sich auf hohem Niveau noch einmal weiterentwickelt. Nach außen wirkte er insgesamt etwas lockerer als sonst, und im Rennen offenbarte er im Kampf gegen die stark besetzten Mannschaften Movistar und Ineos ein auffallend breites Portfolio.

So war Roglic nicht nur bei den beiden Einzelzeitfahren und bei den finalen Bergankünften erwartungsgemäß stark. Er wagte auch mal gemeinsam mit dem früheren Tour-Sieger Egan Bernal aus Kolumbien, der am Ende im Gesamtklassement nur auf Rang sechs landete, einen erfolgreichen Ausreißversuch über 60 Kilometer. Das wirkte ein bisschen so, als wolle Roglic seinem Landsmann Pogacar nach dessen denkwürdigem Solo-Ritt durch die Alpen bei der Tour zeigen, dass er zu ähnlichem im Stande ist. Zwischenzeitlich gestattete er generös dem norwegischen Ausreißer Odd Christian Eiking ein paar Tage im Roten Trikot des Gesamtführenden. Anders als bei früheren Drei-Wochen-Rundfahrten baute Roglic diesmal gegen Ende des Rennens auch nicht ab, im Gegenteil. Einzig zwei Stürze auf Abfahrten erinnerten an eine seiner bekannten Anfälligkeiten.

Für Roglic' Sportlichen Leiter Merijn Zeeman war dieser Auftritt keine Überraschung. Roglic ist zwar schon 31 Jahre alt, aber er gehört erst seit sechs Saisons zum World-Tour-Peloton. In seinem ersten sportlichen Leben war er ja als Skispringer unterwegs gewesen, den es immerhin zu Siegen im Continental-Cup und Team-Gold bei der Junioren-WM trug. Erst nach einem schweren Sturz wechselte er 2011 aufs Rad und stieg dann über Stationen bei einem zweitklassigen slowenischen Team und bei Jumbo-Visma zu einem der dominantesten Rundfahrer im Peloton auf.

Und selbst wenn Roglic in den vergangenen Jahren nicht nur drei Mal die Vuelta gewann, sondern zudem noch je einen Podiumsplatz bei der Tour und beim Giro d'Italia ergatterte sowie den Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich für sich entschied, findet Jumbo-Chef Zeeman, dass sein Top-Fahrer erst jetzt manche Feinheiten des Sports entdecken würde.

Wohin diese Entwicklung führen soll, ist eindeutig: zum lange ersehnten Triumph bei der Tour. 2020 verlor Roglic in einem spektakulären Bergzeitfahren am vorletzten Tag den schon sicher geglaubten Gesamtsieg an Pogacar, 2021 zwang ihn der Sturz auf einer frühen Flachetappe zum Ausstieg. Nun soll es bei der nächstjährigen Auflage, die in Kopenhagen startet und deren genauer Parcours Mitte Oktober verkündet wird, die Neuauflage des Duells mit seinem Landsmann geben. "Da wird er zurückkommen", sagt Sportdirektor Zeeman, "und zeigen wollen, dass er die Nummer eins der Welt ist."

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