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Radsport:Mit Mumm in Veilchenblau

Radsport: UCI WorldTour - Giro d·Italia

Am Ende die größere Kraft im kalten Regen: Pascal Ackermann auf der Ziellinie in Terracina.

(Foto: Yuzuru Sunada/dpa)

Der zweimalige Etappensieger Pascal Ackermann, 25, und seine deutsche Bora-hansgrohe-Equipe setzen beim Giro d'Italia ihren bemerkenswerten Aufstieg fort.

Anfang dieses Jahres, das Wetter war in etwa so miserabel wie derzeit in vielen Teilen Europas, zirkulierte in der Radsport-Szene ein Video von einer Trainingsfahrt. Ein italienischer Teamchef scheuchte darin seine junge Equipe vor dem Begleitauto her. Unter den Pedaleuren war auch ein gewisser Matteo, der sich verzagt dem Auto näherte und dort mit heller Stimme tapfer sein Anliegen vortrug: Ihm sei kalt - ob der Chef nicht ein warmes Getränk reichen könne? "Na klar", säuselte der, "wir halten gleich da vorne an und trinken im Café eine schöne Tasse Tee." Dann bellte er, unterlegt von einem halb preußischen, halb italienisch-beschwingten Bass: "Verdammt noch mal, fahr zu! Kopf runter! In die Pedale treten!" Und während Matteo hastig in die Pedale trat, offenkundig vitalisiert vom feurigen Atem seines Vorgesetzten, war der nun richtig in Fahrt: "Wir brauchen Fahrer mit Mumm, Matteo! Dieser Sport ist beschissen, komm gefälligst damit klar!"

Viel hätte wohl nicht gefehlt, und die Fahrer wären beim aktuellen Giro d'Italia auf dem fünften Tagesabschnitt ebenfalls eingekehrt, in einem Café irgendwo zwischen Frascati und Terracina. Wetter und Gemütslage des Pelotons erinnerten jedenfalls frappierend an die Trainingsfahrt des armen Matteo. "Heute war so ein Tag, an dem du dich fragst: Warum bin ich bloß Radfahrer geworden"?, sagte Pascal Ackermann später in der Pressekonferenz. Der 25 Jahre alte Pfälzer bibberte da noch immer. "Der Massensprint war richtig unheimlich, die ganze Etappe war unheimlich", sagte er, "in den Abfahrten hat man nicht viel gesehen bei all der Nässe." Allerdings konnte sich Ackermann zumindest ein wenig an seinem Tagessieg wärmen, es war schon sein zweiter bei diesem Giro. Seine Führung in der Punktewertung hatte er damit auch gefestigt. Ob er das veilchenblaue Trikot, das Abzeichen des besten Sprinters, nun bis zum Finale in zwei Wochen in Verona behaupten wolle? "Ich bin in guter Form, und wir haben noch ein paar Sprints" - vermutlich vier Ankünfte bis Verona - "also warum nicht?", sagte Ackermann, als sei das so selbstverständlich wie eine Trainingsfahrt, die man halt auch im Dauerregen absolvieren muss.

Ackermanns Helfer bringen ihn derzeit meist perfekt in Position

Sie hatten sich bei Bora-hansgrohe einiges von ihm erhofft für diesen 102. Giro - aber dass es so gut laufen würde? Zweite Etappe, erster Massenspurt: Ackermann fuhr allen davon; es war sein erster Sieg bei einer großen Landesrundfahrt. Dritte Etappe, zweiter Sprint: Rang drei hinter Fernando Gaviria und Arnaud Démare. Und nun, in Terracina: War Elia Viviani unterkühlt und genervt, Démare chancenlos, zog Gaviria den Sprint zu früh an. Ackermann, der von seinen Helfern Michael Schwarzmann und Rüdiger Selig perfekt in Position gebracht worden war, zog uneinholbar an Gaviria vorbei. Am Donnerstag, beim Tagessieg des Italieners Fausto Masnada vor Valerio Conti, der das rosa Leibchen des Führenden übernahm, behauptete der junge Deutsche souverän sein Punktetrikot. Es könnte wahrhaft schlechter laufen für ihn, der gerade unterstreicht, was ihm sein Teamchef Ralph Denk schon länger nachsagt: Da ist einer, der die Sprints nicht nur beim Giro bestimmen kann, sondern über Jahre hinweg.

Ackermanns jüngste Erfolge kommen nicht überraschend, aber selbstverständlich sind sie natürlich auch nicht. Er hatte sich im Vorjahr famos geschlagen, unter anderem sechs Tagessiege bei Rennen der World Tour gewonnen, dazu wurde er zum ersten Mal deutscher Straßenrad-Meister. In Minfeld, seinem Heimatort, benannten sie eine Straße nach ihm, Ackermann war spätestens jetzt die nächste Sprint-Hoffnung im Land der Erik Zabels, André Greipels und Marcel Kittels. Doch das aktuelle Jahr begann zäh, Ackermann stürzte mehrmals, zuletzt musste er gar um seine Giro-Freigabe bangen. Bora hat in Sam Bennett noch einen weiteren starken Sprinter in seiner Auswahl, die in diesem Jahr mit 23 Etappensiegen bislang außerordentlich erfolgreich ist - dabei verlebt Peter Sagan, ihr populärster Angestellter, bislang eine zähe Saison. Am Ende erhielt Ackermann für den Giro den Vorzug vor Bennett, der darüber mäßig erfreut war, aber es war nun mal so: Ackermann hatte Anfang Mai überzeugend in Frankfurt gewonnen, und wenn er sich an eine große Aufgabe wie den Giro herantastet, dann tut er das nicht zaghaft, sondern mit Mumm.

Ackermann fuhr als Sechsjähriger seine ersten Rennen, er war deutscher Schülermeister, in Minfeld rauschte er mit dem Fahrrad hinter dem Roller des Vaters hinterher. Heute ist er 1,80 Meter groß, 77 Kilo schwer, schuftet und tüftelt im Training und fährt so, wie er ist: "Lieber vorne sterben, als hinten nix erben." Nach seinem ersten Giro-Erfolg sagte er: "Ich glaube, ich bin glücklich, weil ich meinen Traum als Radsportler lebe. Es gibt so viele Typen, die niemals lächeln" - kein Wunder bei einem Sport, der manchmal schwer zu ertragen ist - "aber ich will auch für die ein Beispiel sein." Er bringt seine direkte Art auch bei schweren Themen ein, auch wenn das manchmal irritiert. Als ein Reporter ihn beim Giro auf die Dopingfälle im Peloton ansprach, die rund um die Erfurter Blutdoping-Affäre bekannt geworden waren, sagte Ackermann: "Bitte nur richtige Fragen."

Der 25-Jährige wird demnächst wohl häufiger im Fokus stehen. Nicht nur Ackermann, auch Nils Politt, Max Schachmann und Emanuel Buchmann stellen ja gerade die Etablierten wie Kittel, Greipel, Martin und Degenkolb nach und nach in den Schatten. Mit jedem Etappensieg beim Giro ein wenig mehr.