Radsport Milliardär kauft ein

Auf Shopping-Tour: Der Milliardär Jim Ratcliffe erweitert mal wieder sein Portfolio im Profisport.

(Foto: Toby Melville/Reuters)

Der britische Chemie-Unternehmer Jim Ratcliffe steigt nach seinem Engagement im Segeln nun beim bisherigen Rennstall Sky ein.

Von Barbara Klimke

Vom größten Gönner im britischen Radsport war vor kurzem kaum mehr bekannt als die Nummer "1" vor seinem Namen. Im vorigen Frühjahr tauchte Sir Jim Ratcliffe an der Spitze der so genannten "Rich List" auf: Die von der Zeitung Sunday Times mit Akribie und Leidenschaft gepflegte jährliche Rangordnung der vermögendsten Landsleute wies ihn als den reichsten Mann im Inselreich aus.

Seitdem hat Jim Ratcliffe, 66, ein bis dahin eher als zurückhaltend geltender Industrieller, reichlich an Profil gewonnen: Erst verkündete er, dass er in den Segelsport einsteigt und das Projekt des Olympiasiegers Ben Ainslie für den America's Cup mit umgerechnet 127 Millionen Euro fördert; dann wurde er von Prinz William zum Ritter geschlagen. Im Sommer kamen Gerüchte auf, wonach der FC Chelsea auf der Liste seiner Begehrlichkeiten stehen könnte. Und nun hat er mit einem Federstrich das Team Sky übernommen: Der reichste und erfolgreichste Profi-Radrennstall des vergangenen Jahrzehnts wird von Mai an als Team Ineos über die Straßen rollen. Und damit den Namen des von Ratcliffe gegründeten Chemiekonzerns tragen.

Laut den Vermögensschätzern der Sunday Times beläuft sich der Reichtum des Unternehmers, der im Norden Englands in einer Sozialwohnung aufwuchs, heute angeblich auf 24 Milliarden Euro. Somit dürfte die finanzielle Ausstattung der Rad-Equipe, deren Budget zuletzt 34,5 Millionen Pfund Sterling betrug, für die kommenden Jahre gesichert sein. Zumal sich der neue Eigentürmer ausdrücklich verpflichtet, das bestehende Team zu alimentieren und "alle Zugeständnisse an Fahrer, Angestellte und Partner zu erfüllen".

Die etwas ärmere Konkurrenz im Peloton argwöhnt bereits, dass die Schere zwischen dem britischen Team Sky und den anderen Rennställen künftig noch weiter auseinanderklaffen könnte: Sky hatte allein bei der Tour de France in den vergangenen sieben Jahren sechsmal den Sieger gestellt, erst durch Bradley Wiggins, dann viermal durch Christopher Froome und im vergangenen Sommer durch Geraint Thomas. Für den Sportdirektor des Teams Movistar, Max Sciandri, ist das Anlass genug, auf dem Portal Cyclingnews über das neue Milliardärs-Zweiradteam zu spotten: "Jetzt werden sie wahrscheinlich Aston Martins als Mannschaftswagen und einen Space Shuttle als Bus haben."

Tatsächlich aber hat der schwerreiche Ineos-Eigner das Team Sky und dessen Manager Dave Brailsford nach dem im Dezember angekündigten Rückzug des Medienkonzerns Sky aus großer Unsicherheit befreit. Froomes Vertrag läuft noch bis 2020, Thomas ist bis 2021 gebunden, und zuletzt hatte der Kolumbianer Egan Bernal einen Fünfjahreskontrakt unterschrieben. Sie werden nun alle weiter für Ineos in die Pedale treten, und auch Brailsfords Befugnisse werden nicht beschnitten. Seine Suche nach einem Sponsor schien zuletzt auch durch den Umstand erschwert zu sein, dass einem früheren Teamarzt eine Anhörung vor Berufskollegen drohte. Das Verfahren ist vorerst aus juristischen Gründen auf unbestimmte Zeit verschoben.

Ohnehin hatte der Ruf des Teams gelitten, seit es sich im Kontext von Dopingverdächtigungen wiederfand und ein Bericht des britischen Parlaments im Zusammenhang mit Ausnahmegenehmigungen für verbotenen Mittel von der "Übertretung einer ethischen Grenze" sprach: Da gab es etwa eine rätselhafte Medikamentenlieferung für Wiggins und einen positiven Salbutamol-Test bei Froome, der indes keine Sanktionen nach sich zog. All das wird Jim Ratcliffe bedacht haben, als er sich für ein Engagement in der Radszene entschied.

Doch Kontroversen ist der Unternehmer gewöhnt, der auf der Insel als ein Verfechter des Brexit gilt und es dennoch offenbar für ratsam hält, auf den Kontinent umzuziehen, nach Monaco. "Zutiefst zynisch", nannte der Chef der Liberaldemokratischen Partei, Vince Cable, den Plan. So wird Ratcliffe auch kaum Bedenken haben, mit einem Chemiekonzern und großen Plastikproduzenten für den umweltfreundlichen Radsport zu werben. Wie das britische Publikum dazu steht, wird man im Mai sehen: Dann geht Ineos bei der Yorkshire-Tour, weit früher als gedacht, auf Fahrt.