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Radsport:Lust auf Leistung

Nils Politt gewinnt zum Abschluss der neu aufgelegten Deutschland-Tour sein erstes Rennen bei den Profis. Der 24-Jährige steht für eine neue deutsche Radsport-Generation.

Von Johannes Knuth

An einem Sonntag im vergangenen Juli stand der Radsport-Teamchef Alexis Schoeb auf dem Place de la Concorde, die Pariser Sommersonne knallte auf sein kurzes schwarzes Haar. Ein Vorhang aus Erleichterung senkte sich über den Platz und die darauf versammelten Profis, die gerade die drei Wochen lange Schinderei bei der Tour de France hinter sich gebracht hatten und jetzt mit Dosenbier anstießen. Und auch Schoeb wirkte erleichtert - wenn auch eher deshalb, weil diese verflixte Rundfahrt endlich zu Ende war, die es selten gut gemeint hatte mit seinem Team Katjuscha-Alpecin. Marcel Kittel, Schoebs üppig entlohnter Sprinter aus Deutschland, war entkräftet ausgestiegen, Sportdirektor Dimitrij Konitschew hatte Kittel Egoismus unterstellt. Tony Martin war schwer gestürzt und Ilnur Zakarin, der Kandidat für die Gesamtwertung, zu spät in Form gekommen. "Unsere Fahrer müssen wieder an sich glauben", sagte Schoeb, "sie müssen wieder zeigen, dass sie zu den Besten der Welt zählen." Und dann hellte sich Schoebs Miene plötzlich auf: "Sie müssen das tun", sagte der Schweizer, "was Nils heute versucht hat."

Nils, damit war Nils Politt gemeint. Der 24-Jährige hatte sich auf den letzten Kilometern in einer Ausreißergruppe auf den Champs-Élysees verdingt, seine Mühe war am Ende vergebens gewesen, aber Politt hatte einen wehrhaften Eindruck hinterlassen. Schoeb pries nun also die Fertigkeiten des jungen Deutschen, die er bei manch erfahrenerer Stammkraft vermisst hatte. "Wir haben das heute bei Nils gesehen", sagte Schoeb, er meinte diese Lust, alles in den Dienst des süßen, lockenden Erfolgs zu stellen. Schoeb war irgendwann so erfreut, dass er aufgeregt rief: "Jeder Teammanager würde doch gerne einen Nils Politt in seinem Team haben!" Und jetzt?

Allzu viel Widerspruch muss Schoeb für diese These längst nicht mehr befürchten. Politt ist in dieser Saison bislang ein Lichtblick in dem deutsch-russischen Team mit Schweizer Lizenz. Er wurde im Frühjahr Siebter bei Paris-Roubaix, beendete die Tour im Dienst seiner Kapitäne und mit der starken Vorstellung in Paris. Und dann war da die neu aufgespielte Deutschland-Tour, die am Sonntag in Stuttgart vor einer beachtlichen Kulisse endete (und den Veranstalter ASO zufrieden stimmte). Politt hatte sich im Verlauf der viertägigen Prüfung immer stärker präsentiert, erst als 13., dann als Vierter und Zweiter. Am Sonntag brach er im Schlussspurt nicht zu früh aus, wie in den Tagen zuvor, sondern wartete bis 200 Meter vor dem Ziel. Tagessieg. Es war Politts erster Erfolg bei den Profis, der ihm Platz zwei in der Gesamtwertung sicherte - hinter dem Slowenen Matej Mohoric, vor dem Berliner Max Schachmann, 24. "Unglaublich", sagte Politt, "ich glaube, ich muss mir das Rennen noch mal anschauen, um das glauben zu können."

Dass ihm das alles unerwartet zufällt, kann man natürlich auch nicht sagen. Politt ist in Köln geboren, er hospitierte als Junior bei Rennen im benachbarten Belgien, die zehrender waren als viele Nachwuchsprüfungen in Deutschland. "Windkante, schlechte Straßen, schlechtes Wetter, und die Jungs sind schon nach dem Start Vollgas gefahren", hat er dem Portal Radsport-News einmal erzählt. Es waren diese Lehrjahre, in denen Politt viele Qualitäten erwarb, die sie in seinem Team heute an ihm schätzen: Er führt eine gute Balance auf dem Rad mit sich, ein Gespür fürs Rennen, er ist unerschrocken, wehrhaft, clever. Politt wechselte vor drei Jahren vom kleinen Team Stölting zu Katjuscha, das sich nach Jahren im Dopingsumpf um ein besseres Image bemühte. Er wurde zwei Mal deutscher U23-Meister, beschloss dann vor dieser Saison, seinen starken Zeitfahr-Motor vermehrt bei den harten Eintagesrennen einzubringen. Politts Wandlung zum wetterfesten Allrounder ist so weit fortgeschritten, dass er schon im Frühjahr offen davon sprach, irgendwann einmal einen der großen Klassiker wie Paris-Roubaix gewinnen zu wollen - in ein paar Jahren, vielleicht, warum denn nicht?

Deutschland Tour - 4. Etappe

Das Lächeln des Debütanten: Nils Politt freut sich bei der Deutschland-Tour über seinen ersten Profisieg.

(Foto: Felix Kästle/dpa)

Radsport kann ein unheimlich unbefriedigender Sport sein; die Fahrer müssen jeden Tag trainieren, auf ihr Gewicht achten, sie werden meist abgehängt, oft bei schlechtem Wetter. Radprofis leben ständig in der Illusion, dass es irgendwann einmal besser werden könnte. Das sei jedenfalls auch eine von Politts Stärken, sagen sie im Team: Dass der 24-Jährige sich nicht von all den Entbehrungen abschrecken lasse - und sich lieber der Hoffnung hingebe, was er alles schaffen könnte.

Noch denkt die seit Jahren so erfolgreiche deutsche Generation um Martin, Kittel, André Greipel und John Degenkolb nicht ans Abdanken. Aber manch einer wie Greipel, 36, steckt tief im Herbst seiner Karriere, und die neue Generation verspürt eine große Lust daran, sich auf der Profi-Bühne auszutoben. Da sind Pascal Ackermann, deutscher Meister und fünfmalige Tagessieger, der angehende Klassementfahrer Schachmann, 24, der beim Giro eine Etappe gewann, die Sprinter Phil Bauhaus 24, und Max Walscheid, 25, Emanuel Buchmann, dessen erste große Rundfahrt als Kapitän am Sonntag mit Platz sieben bei einer kleinen Bergankunft bei der Vuelta begann. Und da ist natürlich Politt, der bei der Tour in der Heimat immer wieder was probiert hatte. Und schließlich dafür belohnt wurde.

© SZ vom 28.08.2018

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